- Anzeige -
Jogging-Point

Wie arm sind wir denn?

13 Millionen Menschen sind in Deutschland irgendwie arm

Dietrich Kantel

„Armut größer als in Slowenien“, alarmierte jüngst nicht nur Focus-Online, „auch größer als in der Slowakei“ war die beängstigende Ergänzung. Gemeint war die Armut in Deutschland. Was ist geschehen? Haben wir über Zypern unser eigenes Land vergessen? Die Deutschen am Abgrund?

Im März veröffentlichte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden die jährlichen Zahlen zu den aktuellen Einkommensverhältnissen in Deutschland. Wenig zuvor hatte die Bundesregierung den neuen „Armuts- und Reichtumsbericht“ veröffentlicht. Danach, so die Interpretation des Zahlenwerkes, haben exakt 15,8 Prozent der Deutschen als „arm oder armutsgefährdet“ zu gelten (Slowenien 13%, Slowakei 13,8%). Bei 82 Millionen Einwohnern sind also rund 13 Millionen Menschen in Deutschland irgendwie arm. Interessenverbände und Sozialpolitiker stürzten sich – wie alle Jahre wieder – auf diese Armutsmeldung. Zahlreiche Kommentatoren orchestrierten – ebenfalls alle Jahre wieder – diesen Alarmismus.

Lohn und Brot für Großunternehmen der Armutsbetreuung

Nun ist es mit Statistiken so eine Sache und mit deren Interpretation nicht minder. Früher galt als arm, wer hungerte, kein Krankenhaus, keine Schule besuchen konnte, wer frieren musste. Das konnte noch jeder verstehen. So einfach ist die Sache heute aber nicht mehr. Um dem deutschen Armutsphänomen näher zu kommen, muss man wissen, dass es „die Armut“  in der Begriffswelt der Soziologen und der Sozialbürokraten so nicht gibt. Es ist komplizierter. Schließlich hat man studiert, und einfache Erklärungen könnten beim Bürger Zweifel an der Legitimation des Berufsstandes wecken. Deswegen wird ausdifferenziert.

Es gibt „strenge Armut“, „relative Armut“ und „Armutsgefährdete“. Alles zusammen soll in Deutschland heute als arm gelten, wer höchstens 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient. Und es wird uns signalisiert: das ist ungerecht. Dieses Denkdiktat führt zu erstaunlichen Ergebnissen. Sollte sich nämlich das Durchschnittseinkommen in Deutschland verdoppeln, würde sich an der Zahl der Armen gar nichts ändern. Das ist für den Normalbürger eher nicht nachzuvollziehen. Merkwürdig wäre allerdings auch der umgekehrte Fall: Wenn jeder Bundesbürger, unterschiedslos, nur noch 100 Euro im Monat zur Verfügung hätte, gäbe es keine Reichen mehr – aber auch keine Armen.

Das würde (dieser Logik folgend) dann wohl als gerecht bezeichnet werden, auch wenn dann alle Hunger leiden müssten. Da dieser Fall nach menschlichem Ermessen wohl nicht eintreten wird, bleiben um die 15 Prozent der Deutschen, also 13 Millionen auf ewig arm. Das ist fatal, schafft jedoch den Großunternehmen der Armutsbetreuung auf ewig Lohn und Brot, – etwa dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband, der Caritas, der Diakonie, der Arbeiterwohlfahrt. Doch auch im Ausland hat man diesen deutschen Markt mit Betätigungs- und Einnahmegarantie inzwischen entdeckt. Armutsbericht sei Dank. Zum Beispiel World Vision. Dieser im Kern amerikanische Großkonzern der Nothilfe ist nach eigener Darstellung in 50 Entwicklungsländern  in der Kinder- und Katastrophenhilfe tätig. Wer kennt nicht die anrührenden Fotos von afrikanischen Kindern, mit denen um Spendengelder für Patenschaften geworben wird. Was das mit Deutschland zu tun hat, erschließt sich erst auf den zweiten Blick.

Eventuell ständen wir zwischen Bolivien und Burundi

Bekannt ist, dass der weltweite Spendenmarkt für Nothilfe heftig umkämpft, der Spendenkuchen nicht beliebig vergrößerbar und unter den Hauptakteuren weitestgehend aufgeteilt ist. Auf der Suche nach neuen Einnahmen sind die findigen Nothilfemanager auf Deutschland und seine Armut gestoßen. 13 Millionen Arme in Deutschland – da muss doch geholfen werden, wenn der deutsche Staat so versagt. Offenbar scheut man sich bei World Vision aber in der alphabetischen Auflistung der Zielländer Deutschland zu nennen. Das stünde dann nämlich zwischen Bolivien und Burundi sowie Dominikanische Republik und Ghana. Über diese Hürde hilft „DIfA“ hinweg. Das ist kurz für „Deutsches Institut für Armutsbekämpfung“. Auf dessen Portalseite  heißt es nach dem Willkommensgruß: „Armut ist ein chronisches Problem in unserer Welt und auch in Deutschland leider ein wachsendes Phänomen. Trotz großer Anstrengungen… bleibt die Armut ein grassierendes Problem und die Bekämpfung… weltweit und in Deutschland eine der vorrangigsten Aufgaben der Politik“.

Und DIfA verweist auf einen weiteren Internetauftritt: ARMUT.de.  Unter der Überschrift „Bekämpfung der Armut in Deutschland“  wird dort ein Sieben-Punkte-Programm zur Besserung der Verhältnisse in unserem Land präsentiert und auf dafür kompetente Experten verwiesen. Das Impressum klärt auf, wer sich diesem Programm verschrieben hat: World Vision Institut für Forschung und Innovation, Friedrichsdorf. Zurück zum DIfA. Dort erklärt das Impressum über die Verantwortlichen: World Vision, Berlin. Und allseits ist natürlich Bezug genommen auf die unverrückbare Definition, wie man sie uns in Deutschland suggeriert: Arm ist, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Wir sind wahrlich ein armes Land, doch wird uns geholfen. Aus aller Welt.

Dietrich Kantel

 

Interessant

www.armut.de

www.armutsbekämpfung.org

www.worldvision.de

mehr zu dem Thema:

  • 33
    Auf der Liste der Ausbildungsberufe steht der Altenpfleger für junge Leute ganz unten. Und das ist nicht verwunderlich, wenn man einen Blick auf die unattraktiven Bedingungen wirft, unter denen diese Berufsgruppe heute arbeitet. Aber über kurz oder lang muss eine Lösung gefunden werden, denn die Zahl der Pflegebedürftigen wird dramatisch…
    Tags: für, deutschland, so, prozent, über, man, statistisches, bundesamt


Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden