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Wer rettet hier welches Abendland?

Zwischen Unmut, Wut und Mythos

Was hat der menschenverachtende Anschlag von Paris mit dem Geschichtsunterricht in den 50er Jahren zu tun? Warum ist der verbrecherische CharlieTerrorakt in der französischen Metropole Wasser auf die Mühlen der deutschen Pegida? Kann diese verblendete Wahnsinnstat das Selbstverständnis der Franzosen wirkungsgleich erschüttern wie das der Amerikaner durch den Anschlag auf das World Trade Center? Ja und wer ist zwischen Ideologien und Grausamkeiten Retter des scheinbar vom Islam angegriffenen kultivierten und so romanisch-christlichen Abendlandes?
Ich habe den Eindruck, dass momentan von Minderheiten in westlichen Demokratien eine Soße aus Abgrenzungsritualen, Islamophobien, nationalkonservativen Denkungmustern und Fremdenhass angerührt wird, die nur noch Brandbeschleuniger benötigt, um sich epidemieartig auszubreiten. In Paris wurde Munition dafür geliefert. Frankreich ist erschüttert. Eine Reaktion: Symphatie-Boom bei Marine Le Pen. Und wir in Deutschland sind schnell bei Pegida. Dieses Sammelbecken der Unzufriedenen zieht aus den genannten Reflexen ihre Schlagworte, ihre Plakatierungen – in Dresden und anderswo. Sie ist Trittbrettfahrer einer im historischen Dunkel überwunden geglaubten Ideologie.

Es schmoren programmatische Botschaften

Dresden

Ein Kreuz in Schwarz-Rot-Gold auf einer Pegida-Demo in Dresden

Es darf kein akzeptiertes Erklärungsmuster sein, dass berechtigte Sorgen von Bürgern auf altem ideologischen Sumpf bei Protestaktionen präsentiert werden. Hier müssen sich die redlich Besorgten fragen lassen, ob sie mit ihrem verbrieften Recht auf Demonstrationsfreiheit auf dem richtigen Dampfer fahren. Und es sollten strenge Maßstäbe angelegt werden, denn fehlgeleiteter Unmut hat uns das Dritte Reich beschert. Ein viertes brauchen wir nicht. Wir müssen es mit aller demokratischen Macht verhindern. Deshalb darf die Pariser Wahnsinnstat krimineller Extremisten kein „Wasser auf die Mühlen der Pegida“ sein.
Und es wundert mich nicht, wenn in dieser „Biedermann und die Brandstifter-Stimmung“ wieder einmal und unseligen Angedenkens die Ass-Karte „Abendland“ gezogen wird. Die Protestler gegen Integration islamischer Einflüsse, für das Deutsche (Sachsen), das Nationale und das Abendland schwingen sich ungefragt auf, etwas zu verteidigen, was ein in der Geschichte immer wieder missbrauchtes Kunstkonstrukt ist und war. Der Kreis schließt sich bei den derzeitigen öffentlichkeitswirksamen Protagonisten. Das ist die AfD, die als selbsternannte Alternative für unser Land häufig vom bedrohten Abendland redet; die Pegida führt es als „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ sogar in ihrem Namen. Wir können also getrost annehmen, dass dort programmatische Botschaften schmoren.

Spengler schrieb schon den Untergang des Abendlandes herbei

Sachsen

„Sachsen bleibt Deusch“-Schild, auf der islamkritischen Pegida-Bewegung in Dresden

Kahlenberg

Schlacht am Kahlenberg 1683 (Gemälde von Jan Wyck, 1698): Krieg der Kanoniere und Baumeister

In der aufgeheizten Stimmung hilft zuweilen auch Sortieren in einfachen Schritten. Es waren die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel, die bereits eine Europa-Konzeption entwickelten. Sie konstruierten eine Antinomie zum islamisch gedachten Orient. Die okzidental gedachten Länder zeichneten sich nach diesem Konstrukt durch ihr romanisches, germanisches und christliches Erbe in einem europäischen Kulturraum aus. Oswald Spengler schrieb 1918/22 sein kulturphilosophisches Hauptwerk „Untergang des Abendlandes“. Er propagierte, dass die „russische Kultur“ diese Rolle im dritten Jahrtausend übernehmen werde. Die Nationalsozialisten koppelten sich an und stilisierten sich als Retter und Fortsetzer der abendländischen Kultur. Gleichzeitig grenzten sie sich ab von der slawischen, russisch-asiatischen und insbesondere von der jüdischen Kultur.
Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich Erstaunliches. Obwohl Deutschland noch die grässlichen Folgen nationalsozialistischer Ab- und Ausgrenzungspolitik in den Knochen steckten, wurde erneut das Abendland strapaziert. Dies durfte auch ich in den 50er-Jahren völlig unbedarft im westdeutschen Geschichtsunterricht miterleben. Vermittelt wurde ein Geschichtsbild, das eher den europäischen Wunschvorstellungen der damaligen Bundesregierung entsprach als der historischen Wirklichkeit. Ich erinnere noch sehr gut, wie beeindruckt ich mit Hilfe meiner Lehrer war, dass in der Schlacht am Kahlenberg 1683 die türkische Belagerung Wiens beendet wurde. Ich sollte mir in meiner kindlichen Ahnungslosigkeit pädagogisch angeleitet vorstellen, was mit uns abendländischen Menschen dann passiert wäre. Von den eher liberalen Lebensverhältnissen unter den islamischen Mauren auf der iberischen Halbinsel in der Frühphase dagegen war in der Schule nie die Rede. Die in einseitiger Sichtweise so segensreiche Schlacht am Kahlenberg wird übrigens auch immer wieder gerne von Pegida-Sprechern als Beispiel für die Verteidigung des Abendlandes genutzt (missbraucht?).

Demokratie ist sehr anstrengend

dunkler-dom

Ein dunkler Dom bei der Gegendemonstration von „Köln stellt sich quer“

Nach der relativ unkritisch und so gut wie widerspruchslos akzeptierten Abendland-Ideologie in den 50er-Jahren taumeln wir jetzt wohl in eine Art hilflose Abendland-Euphorie hinein. Wir alle spüren: Demokratie, Rechtstaatlichkeit, sich verändernde Gesellschaften, Tauwetter in jahrzehntelangem Blockdenken, treibendes Packeis alter Vorstellungen, globale Verwerfungen in Politik, Gesellschaft, Religion und Klima – all das bewegt sich in unserer Wahrnehmung immer schneller. Zugegeben, es irritiert auch, es ist anstrengend – sehr anstrengend. Sicherlich überfordert es viele Menschen. Das ist Ernst zu nehmen. Aber Offenheit von Demokratien, die Bereitschaft im Konsens Probleme zu lösen, die Beteiligung aller Menschen an solchen Prozessen, all dies ist Kapital, das wir erworben haben, mit dem wir auch weiterhin Zukunft gestalten können und müssen. Darin ist für  Gewaltanwendungsrituale kein Platz. Wir brauchen keine kleinen oder große Kriege, um das friedliche Zusammenleben von Menschen zu sichern. Der Fall der Mauern zwischen Ost und West 1989 war ein Beweis dafür, dass dies gelingen kann.

Merkel: „Angriff auf Werte der freien Welt“

Brandenburger Tor

Mit der Kundgebung am Brandenburger Tor wurde am Sonntag ein Zeichen gegen Antisemitismus und Judenfeindlichkeit gesetzt.

Deshalb empfinde ich es als wohltuend, wenn in der ersten hochoffiziellen Schockreaktion von Spitzenpolitikern auf das Paris-Debakel keine abgedroschenen Abendland-Arien als Reaktion gesungen wurden. Sehr besonnen, aber gleichzeitig deutlich brandmarkt Bundskanzlerin Angela Merkel die Horrortat gegen ein Satiremagazin als „Angriff auf die Werte der freien Welt und auf alles, was uns lieb und teuer ist, wie die Freiheit der Presse und der Meinungsäußerung“. Der britische Premierminister David Cameron sekundiert: Eine „Attacke auf die Demokratie und den Rechtsstaat“. Diese und andere seriöse Politiker schwingen sich nicht auf als Kämpfer für das Konstrukt Abendland. Gut so.
Verantwortliche Politiker mahnen aber immer deutlicher die wehrhafte Demokratie an. Wir müssen einerseits zulassen, dass in unserem Land über Kopftücher oder sogar Burkas gestritten wird. Wir müssen auch ein Thilo-Sarrazin-Buch („Deutschland schafft sich ab“) ertragen, genauso wie Pegida-Demonstrationen in Bundesländern, die nur äußerst geringe Anteile von islamgläubigen Bürgern haben. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass derlei Ereignisse Sedimente für mehr Islamophobie bilden. Hier wachsen Gefahren für unser Land – für Minderheiten in unserem Land. Hier heißt es wachsam zu sein – wehret den Anfängen. Es freut mich, dass nun auch die zahlreichen Moscheegemeinden in Deutschland ganz offensichtlich auch nach außen deutlich gegen islamistische Gewalt Stellung beziehen. Sie suchen richtigerweise für Mahnwachen den Zusammenschluss mit christlichen Kirchen. Das sind Wege nach vorn und gegen ideologisierte Verblendung.

Gegen Trommelschlag von gestern

arschhuhDer Berliner Historiker und Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz spricht mir aus dem Herzen, wenn er sagt, dass der Kampf- und Ausgrenzungsbegriff „Abendland ein inhaltsleerer und dehnbarer Mythos“ ist. Auf diesen schwankenden Boden sollte keine Demokratie ihr politisches Handeln aufsetzen. Die existierenden Probleme in unserem und in anderen Ländern lassen sich – dafür gibt es reichlich Belege – mit den Werkzeugen der Demokratie lösen. Manchmal braucht es dafür länger. Aber eine offen über Schwierigkeiten heftig wie kontrovers diskutierende und frei publizierende Gesellschaft findet Konsenswege, die perspektivisch auch tragfähig sind. Dies ist langfristig erfolgversprechender als selbstgerechte abendländische Hauruck-Methoden. Ich halte es dabei mit dem rheinischen Widerstand, den die Künstergemeinde „Arsch huh- Zäng ussenander“ geht. Wir sollten uns bewegen gegen den Trommelschlag von gestern. Im Zweifel: Licht aus!
Dieter Buchholtz

Zum Thema passend: Prof. Dr. Michael Wolffsohn mit einem Zwischenruf in Bild: „Angst vor den Muslimen ist dumm“

 




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