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Wahn und Wirklichkeit

Autor Gisbert Kuhn

Mögen es Viele im Lande auch nicht für möglich halten, so wissen doch immerhin die Älteren: Es hat tatsächlich schon ein Leben vor dem Handy, dem Smartphone und dem Tablet gegeben. Es gab wirklich Zeiten, in denen selbst junge Leute im Schüleralter noch miteinander redeten und sich dabei in die Augen schauten. Aber auch damals (also gefühlt im ausgehenden Mittelalter) gab es nicht wenige Menschen, die ein unstillbares Verlangen verspürten, einer mehr oder weniger großen Umwelt ihre Sicht der Dinge zum täglichen Geschehen mitzuteilen. In aller Regel geschah das über ein Medium namens Leserbriefe. Da konnte es auch schon mal ordentlich zur Sache gehen. Doch normalerweise spielte sich alles in bestimmten sprachlichen Grenzen ab; Hass-Äußerungen oder plumpe Beleidigungen fanden in den publizierten Beiträgen nicht statt. Denn darüber wachte eine Redaktion – keine Zensurbehörde, sondern eine Gruppe Menschen, denen Anstand und normale Umgangsformen wichtig waren.

Idylle aus dem Land „Es war einmal?“

Eine Idylle aus dem Lande „Es war einmal“? In Tat und Wahrheit ist das ja noch gar nicht so lange her. Das führt zu der Frage: Wann fängt eigentlich „Geschichte“ an? Im Altertum, im Mittelalter, in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, mit den explodierenden Nationalismen während des 19. Und 20. Jahrhunderts in Europa? Oder vielleicht bereits vor 15 oder 20 Jahren? Vor wenigen Tagen wurde Helmut Kohl zu Grabe getragen. Als er, der damalige Bundeskanzler, im Juni 1990 in Moskau und im Kaukasus, mit dem seinerzeitigen Kreml-Chef Michail Gorbatschow die endgültigen Details der deutschen Vereinigung aushandelte und diese vor den Medien verkündete, dauerte es fast einen ganzen Tag, bis die Welt draußen wenigstens einigermaßen darüber unterrichtet werden konnte. Warum? Weil es am Ort des Geschehens praktisch keine Telefone gab…

Wer die dramatischen Wochen und Monate um die atemberaubenden Geschehnisse jener Epoche miterlebt hat, konnte sich deshalb jetzt nur verwundert die Augen reiben bei der Lektüre jener Massen von Eintragungen in den so genannten „sozialen“ Medien. Die abschätzige Frage, was denn damals schon geschehen sei, zieht sich wie ein roter Faden durch facebook und Co. Das sei doch quasi automatisch erfolgt, sagen die einen. Und die anderen versteigen sich in die vorwurfsvolle These, Kohl habe den Russen die DDR in Wahrheit für 20 Milliarden Mark bloß abgekauft. Wetten, dass weder die einen noch die anderen eine auch nur einigermaßen erschöpfende Antwort geben könnten, wenn man sie – zum Beispiel – nach den 2+4-Verhandlungen fragte.

 Perfektion und Gerechtigkeit

Was das alles soll? Nun, ganz einfach. In unserem Land klaffen augenscheinlich Wahn und Wirklichkeit immer mehr auseinander. Wobei man den Begriff „Wahn“ durchaus in einem doppelten Sinn verstehen kann. Einmal in der Übersetzung von Irrsinn (vielleicht – etwas abgemildert – Hirngespinst), oder aber als das zum Hauptwort gewordene „wähnen“. Also vermuten. Würde man nämlich dem Heer der sich rund um die Uhr im „Netz“  austobenden Verschwörungstheoretiker und Endzeit-Apologeten, der Spökenkieker und Alleswisser mit ihren Zustandsbeschreibungen der hiesigen Gegenwart glauben, dann müsste man, schreckensbleich, schnellstens dieses Land verlassen und sich am besten in eine einsame Hütte in Alaska zurückziehen. Denn, nach deren Prophezeiung, steht die politische Apokalypse so ziemlich unmittelbar bevor. Schließlich könne von Demokratie in Deutschland sowieso keine Rede mehr sein, die „Eliten“ (längst zu einem Schimpfwort gewandelt) seien total unfähig und hätten ohnehin nur das einzige Ziel, sich in die eigenen Taschen zu wirtschaften. Und so weiter, und so weiter…

Wenn uns freilich das Grausen wegen dieser angeblichen Zustände genügend durchgeschüttelt hat und wir langsam wieder zur Ruhe kommen, bemerken wir verblüfft, dass dieser Weltuntergangs-Tsunami anscheinend nur von denen tatsächlich wahr- und ernstgenommen wird, die ihn selbst über die modernen medialen Streubomben des Internetzes in den Welt schleudern. Die überwiegende Mehrheit der Menschen hingegen empfindet ihre Lebenswirklichkeit ganz offensichtlich völlig anders. Selbstverständlich ist ihnen bewusst, dass der perfekte Staat noch weit entfernt ist. Doch mit dem Begriff „perfekt“ ist es ähnlich wie mit der Sehnsucht nach „Gerechtigkeit“. In der Realität hat doch praktisch jeder Einzelne seine eigene Vorstellung von „perfekt“ und „gerecht“. Gott bewahre uns deshalb davor, dass in diesem Land noch einmal Kräfte an die Macht kommen, die allein ihr Bild von Perfektion und Gerechtigkeit vorschreiben würden.

 Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Ohne jede Frage ist es heutzutage (wenigstens zum Teil) sehr viel schwieriger als noch vor 30 oder 40 Jahren, all das zu verarbeiten, was täglich aus der näheren Umgebung, mehr noch jedoch aus dem Weltgeschehen auf uns zukommt. Weltweit zuschlagender Terrorismus in ungekannten Dimensionen, Kriege ohne Ende praktisch vor der Haustür mit riesigen Flüchtlingsbewegungen in ihrem Sog, Sorgen wegen des Klimawandels und der unabsehbaren Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung – das kann nachdenkliche Zeitgenossen schon mal um den Schlaf bringen. Insbesondere dann, wenn sie wissen, dass es selbst auf die drängendsten Fragen keine einfachen Antworten gibt – so gern man auch danach greifen möchte.

In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte das Frankfurter Philosophen-Ehepaar Alexander und Margarete Mitscherlich ein Aufsehen erregendes Buch mit dem Titel geschrieben: „Die Unfähigkeit zum Trauern“. Es ging um die seinerzeit noch kaum vorhandene Bereitschaft in Deutschland, sich mit den Verbrechen der Nazis auseinander zu setzen. Später, insbesondere als sich nach der Wiedervereinigung vor allem im Osten Enttäuschung breit machte, dass der erhoffte Wohlstand nicht von heute auf morgen kam, mochte mancher nachdenkliche Mitbürger über die offenkundige „Unfähigkeit zur Freude“ in Deutschland sinnieren. Möglicherweise bedingte eines das Andere und ist eine Erklärung dafür, warum so unsinnige Thesen die Runde machen, wonach die Wiedervereinigung den Deutschen so oder so in den Schoß gefallen wäre. In Wahrheit, indessen, ist es so, dass nur wer die Vergangenheit kennt, die Gegenwart zu meistern versteht und die Zukunft vernünftig gestalten kann. Das kann mühsam sein, ist aber allemal besser, als das Schicksal mit Töpfeschlagen bewältigen zu wollen.

Gisbert Kuhn  


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