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Die Einsamkeitsfalle schnappt früh zu

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Einsamkeit lässt sich vor allem durch eine Veränderung des Denkens über sich und seine Mitmenschen bekämpfen

Vereinsamungen in unserer Gesellschaft sind traurige Realität – generationsübergreifend. Insbesondere Ältere sind betroffen. Genauso wie die prognostizierte Altersarmut ist auch dieser Trend nicht zu leugnen. Oft habe ich aber den Eindruck, dass wir uns diesem Schicksal willenlos ergeben wollen. Ist eben so! Kann man nichts machen.
Wirklich? Meiner Ansicht nach fängt die soziale Isolierung schon in jungen Jahren an. Das Single-Dasein als Non-plus-Ultra der Selbstverwirklichung. Das Opfern sozialer Kontakte für Karriere und Lustgewinn. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Unverschuldete Schicksale sind immer ausgenommen.
Es wird nur sehr schwer gelingen, in späteren Jahren ein gelebtes und damit tragfähiges soziales Netzwerk aufzubauen. Eine lange Zeit wichtiger Erfahrungen im Miteinander fehlt dann einfach. Hinzu kommen deutliche Trends zur Verstädterung der Lebensstile, oft einhergehend mit Anonymisierung im modischen Lifestyle. Genau an diesen Schnittstellen schnappt dann mit der Armutsfalle auch die Einsamkeitsfalle zu. Meldungen über sehr spät aufgefundene tote und kontaktarme, oft auch ältere Mitbürger dürfen dann nicht wundern. Sie sind Indizien solcher Entwicklungen.

Festhalten durch Mutmacher

Diese Horrorszenarien tödlicher Einsamkeit erschrecken und empören. Zumeist erscheinen sie jedoch weit weg. Man selbst kann sich so etwas im persönlichen Umfeld kaum vorstellen. Und dann passiert es – ganz nah. Kinder von Freunden werden bei einem Autounfall getötet. Auf einen Schlag ist ein Netzwerk schwer und vielleicht nie mehr reparabel beschädigt.
Nebenan verliert ein lieb gewonnener Nachbar den Kampf gegen den Krebs. Befreundete Ehepaare trennen sich nach dreißig, vierzig oder sogar fünfzig Jahren. Viel Leid pflastert dann oft die restliche Lebensstraße. Ja, stimmt. Aber gerade bei solch tragischen Ereignissen helfen oft eine intakte Verwandtschaft, Freunde und Freundinnen, Menschen, die einen auffangen, festhalten und für die weitere Zukunft stärken.
Auch ich, der ich gerade in das achte Lebensjahrzehnt eingestiegen bin, fühle mich enger als in jungen Jahren von solchen Schicksalen umgeben und berührt. Da können einen die mehr und spürbarer gewordenen Zipperleins schon mal in trübe Stimmung versetzen. Und genau an diesem Punkt tut es oft sehr gut, wenn die über Jahrzehnte gepflegten sozialen Kontakte (meine Frau ist hier die deutlich Aktivere) Lichtblicke und Mutmacher schicken. Dann hellt sich die Zukunft sehr schnell wieder auf.

Mehrere Generationen ganz nah

Grandfather laughing with grandchildren

Für viele Kinder sind Großeltern eine wichtige Bezugsperson.

Besonders gefreut hat mich die kürzliche Idee meines Sohnes und seiner Freundin, zusammen mit den Eltern seiner Lebensgefährtin und uns ein generationsübergreifendes Haus zu beziehen. Wir haben lange darüber diskutiert. Rausgekommen ist, dass wir uns alle sehr wohl fühlen, wenn wir jeweils etwa fünf Kilometer auseinander wohnen und immer einen sehr engen Kontakt halten. Was wir nicht ahnen konnten, dass dies offensichtlich ein Zukunftsmodell ist.
Denn der Hamburger Gesellschaftsforscher Horst Opaschowski (73) hat das bereits als deutschlandweite Tendenz festgestellt. Danach setzt sich die Mehrgenerationenfamilie an verschiedenen Orten, aber dennoch sehr nahe, durch: „Dieser neue Familientypus bildet keinen gemeinsamen Haushalt und pflegt doch enge familiäre Beziehungen.“ Man darf ihm solche Voraussagen wohl in der Tendenz abnehmen, denn in seiner Selbstbewertung sind 95 Prozent seiner Vorhersagen eingetroffen.
Mit demoskopischen Fakten macht er Stimmung für das Wir in der Gesellschaft: “Die Erfahrung zeigt: Wer sich um andere sorgt, lebt länger.“ Folgerichtig stellt er fest: „Ältere Menschen, die sich um Kinder und Enkelkinder kümmern, verlängern ihre Lebenszeit.“ Dafür lohnt es sich schon sehr. Von den vielen Freuden mal ganz abgesehen.

Gefahr einer Sozialromantik

Da kommt doch richtig hoffnungsfrohe Zukunftsstimmung auf. Vielleicht schafft  diese Gesellschaft ja noch die notwendige Kurskorrektur. Denkbar wäre, folgt man Opschowski, dass Freundschaften zwischen den Generationen wichtiger als Partnerbeziehungen werden. Das wird wohl zunehmend auch für Wahlfamilien und Wahlverwandtschaften gelten. Wir sollten angesichts solcher Erkenntnisse aber nicht in generationübergreifende Sozialromantik verfallen.
Dennoch: Hoffnung für die älteren Menschen bleibt. Aber nochmals: Das kommt nicht plötzlich aus dem Sack. Dazu gehören oft viele Jahre Gemeinsamkeit mit und zwischen den Generationen. Wer sich hier bereits in frühen Jahren isoliert hat, kommt in der Zeit des Älter-seins schwer aus den Puschen.

Rettungsmodell nicht auf dem Tablett

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Professor Horst W. Opaschowski

Und die Grenzen von spontanen Wahlverwandten- und -gemeinschaften haben wir in Hippie-Zeiten erlebt. Deshalb sollten wir heute einfach etwas realistischer an den neuen Trend herangehen. Ein bisschen Geländer bieten dabei die vermeintlich sicheren Prognosen von Opaschowski: Das Ende der Spaßgesellschaft wurde kurz vor dem Terroranschlag in New York 2001 eingeleitet. Für 88 Prozent der Deutschen ist die Familie wichtigster Garant für Sicherheit im Leben. 86 Prozent hoffen auf mehr „Wir-Gefühl“ statt „Ego-Kult“. 84 Prozent setzen „auf die Freundschaft zwischen den Generationen“.
Laut Opaschowski ist also die Mehrgenerationsfamilie die „Wagenburg des 21. Jahrhunderts“. Na also, dann igeln wir uns mal fröhlich ein im Kokooning der sich neu erfindenen Großfamilie. Aber wie gesagt: Ohne eigenes Dazutun wird es nicht funktionieren. Man bekommt das neue soziale Rettungsmodell garantiert nicht auf dem Tablett serviert.
Dieter Buchholtz


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