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Vorsicht E-Book

Historischer Umbruch für den Buchhandel?

Dieter Buchholtz

Gedruckte Bücher gehen ihr über alles – seit Kind an. Heute ist sie 91 – an ihrer Buchliebe hat sich seither nichts geändert. Oder doch? Sie kämpft sich gerade zum fünften Mal in ihrem Leben durch den Wälzer „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi. Im ersten Schritt hat sie „den Schinken“ in kleine Teile zerlegt, damit sie den Lesestoff besser halten kann. Im zweiten Schritt bot ihr ein Enkel einen E-Reader an. Der alte Tolstoi war darin schon downgeloaded. Für sie vollzog sich der Übergang zum E-Book pragmatisch und schmerzfrei. Ihre digitale Bibliothek wächst. Freundlich lächelnd reagiert sie, wenn sich 50-Jährige fast kämpferisch für das gute alte Buch emotionalisieren. Ihr ist einfach das Lesen wichtig, da bleibt sie bildungsbeflissen konservativ. Für den medialen Zugang setzt sie einfache, aber moderne Maßstäbe: Der Preis muss stimmen, das Handling einfach sein und die Qualität überzeugen.

Für mich ist sie ein eindrucksvolles Beispiel für den anlaufenden revolutionären Umbruch auf dem Büchermarkt. Jährliches Indiz sind die großen Buchmessen in Deutschland. Leipzig mit seiner eher europäischen Bedeutung hat als Frühlingsauftakt gerade gezeigt, dass interessanter Lesestoff sogar deutlich stärker auch die Jugend anzieht. Die E-Book-Diskussion lief dort wohl eher im Schatten leicht gestiegener Besucherzahlen ab. Anders wird es vermutlich auf der herbstlichen Frankfurter Buchmesse (9. bis 13. Oktober) mit ihrer globalen Bedeutung ablaufen. Schon 2012 konzentrierten sich dort in einer Halle eine Vielzahl von Ausstellern mit digitalen Angeboten. Auch in der momentanen Zwischenzeit der beiden Messen lassen die Rahmendiskussionen zur digitalen Revolution auf dem Büchermarkt selbst die schwer beweglichen Verlage nicht mehr in Ruhe. Das Bücherjahr 2013 ist so etwas wie ein Schaltjahr in die Moderne.

Zwischen Krimis und „Shades of Grey“ die E-Reader

Indizien dafür finden wir im generationsübergreifenden Lesealltag. Der konkrete Weg in die großen stationären Buchladenketten ist bereits ein Abbild des Wandels. Fast schon erdrückend wirkt die Eingangsgasse mit bergeweise Krimis und dem Erotikrenner „Shades of Grey“ – ein Quotenspiegel mehrheitsfähiger Leseinteressen. Dazwischen an mehreren Punkten die einladenden und plakativ beworbenen Angebote für E-Reader. Und sofort eine freundliche Mitarbeiterin, die gerne in die kleinen Geheimnisse des neuen Lese- und Buchformats einweist. Der stationäre Buchhandel ist aufgewacht, denn abnehmende Verkaufszahlen machen Druck. Die verlagsgesteuerten E-Book-Anbieter aber hinken teilweise noch erheblich hinterher.

Hier findet sich auch das Portal zu Mysterien des Buchhandels. Selbst Fachleute verirren sich im Labyrinth von Erkenntnissen, Prognosen, technischen Entwicklungen, Veränderungen in der medialen Nutzung von Inhalten, Erosionen althergebrachter Rollen wie Lektorat, Produktion, Vertrieb. Die Flucht in fast manisch wirkende Proklamationen von ideologisch anmutenden Grundüberzeugungen (Papier stirbt nie!) ist menschlich verständlich, aber allein schon an der allgemeinen Erfahrung gemessen unrealistisch. Schlagen wir einfach ein paar Seiten jüngster Entwicklungen auf. Foto-Profis stritten um die Jahrtausendwende noch unversöhnlich um die Zukunft der Digitalfotografie. Heute kein Thema mehr. Die analoge Fotografie fristet nur ein Nischendasein. Die CD trennt noch die ältere Generation von der jüngeren MP3-Generation. Es ist absehbar, wann auch die gute alte CD in der nostalgischen Ecke verschwindet. Und genau so ging es der VHS-Kassette, als die DVD sie ablöste. Und diese hört schon die Totenglocke, weil Filme immer häufiger downgeloaded werden. Bei allen diesen Umbrüchen geht zumeist das vielfach noch glühend gewünschte sinnlich Haptische verloren. Die Verteidiger dieser Richtung predigen tibetanisch „niemals“. Hier steckt manchmal schon der Kopf im Sand, während dieser in der Eieruhr gefangen das Auslaufen einer Epoche signalisiert.

Kleinere Büchermöbel und digitale Präsenzbibliothek mit 1000 Büchern

Historisch schwergewichtig kommt nach wie vor das Papier daher. Hier tobt seit langem unerbittlich die Schlacht um diesen Jahrhunderte alten und lieb gewonnenen Datenträger. Mit ihm verbinden Viele auch intellektuelle Qualität, die rascheln darf und auch umgeblättert werden kann. Vom Geruch der Druckerschwärze mal ganz abgesehen. Und nicht zu vergessen die mehr oder minder großen Bücherregale als für alle sichtbare Bildungsnachweise in deutschen Wohnzimmern. Dass man sich damit durchaus einrichtungsmäßig schmücken kann, zeigt insbesondere der aktuelle Möbel-Edel-Trend mit ausladenden Bücherregalen, die wieder Wärme und Atmosphäre in die vielfach glatt designten Wohlstandswohnstuben bringt. Dagegen bietet das bekannte Möbelhaus aus Schweden für die jüngere Käuferschicht eher kleinere Bücherregale an. Die digitale Generation, die sich große und damit teure Wohnflächen nicht leisten kann, lässt grüßen. Allein dieses beschränkte Platzangebot verschafft dem E-Reader mit bis zu 1000 Büchern im Speichervorrat oder dem Tablet PC einen ganz neuen Stellenwert.

Egal, wo man sich gefühlsmäßig positioniert, viele Fakten sprechen eine eindeutige Sprache.

  • So ist der Buchabsatz insgesamt rückläufig. Dennoch wurden 2012 in der Buchbranche immerhin 9,6 Milliarden Euro umgesetzt.
  • Nur 25 Prozent der Buchhändler aber erwarten zukünftig gute Geschäfte.
  • Die Buchbranche leidet offensichtlich an einer Art Digitalisierungsphobie.
  • Dennoch ist die Entwicklung weg vom Papier progressiv.
  • Aber derzeit beträgt der Anteil von E-Books am Branchenumsatz erst zwei Prozent.
  • Verkauft wurden 2012 in Deutschland 4,6 Millionen E-Books im Wert von knapp 40 Millionen Euro. Acht Millionen Deutsche (11 Prozent) aller Altersgruppen lesen E-Books.
  • Bei der Generation 60 Plus liegt die E-Book Leserschaft bei einem Anteil von drei Prozent.
  • Immerhin 13 Prozent lesen Zeitung über Apps auf Tablet Pc oder Smartphone. Gesamt lesen 23 Prozent aller Bundesbürger elektronische Publikationen.
  • Befeuert wurde der E-Book-Markt ganz besonders durch „Shades of Grey“. Für diese erotische Literatur scheint für Viele der vordergründig diskrete Bezug ein Motiv zu sein.
  • Viele klassische Buchhandlungen bieten mittlerweile auch Downloads an. Bei Amazon überholten 2009 die E-Books erstmals die Umsätze von Hardcover-Printbüchern.
  • Wenn E-Books angeboten werden, kommen diese über die Verlage oft noch altbacken daher – als nur digitalisiertes Buch. Hier muss die Chance für mehr Kreativität mit vielfältigen medialen Ansätzen genutzt werden.

Russell Grandinetti von Amazon und seine Kampfansage an die Verlage

Es erscheint mir was dran zu sein, wenn der Büchermacher Ralph Möllers von einem „Beharrungsvermögen der Verlage“ als „grundlegendes Problem“ spricht. Sie „wollen nicht, dass sich etwas an den Strukturen ändert“. Möllers spricht in diesem Zusammenhang auch von Verhinderungskalkulationen. Mit Blick auf die USA, wo der Anteil von E-Books am Buchmarkt bei über 25 Prozent liegt, prognostiziert Möllers für Deutschland den Anteil im Jahre 2014 zwischen 15 und 20 Prozent. Weitere Stimmen sehen das Taschenbuch ernsthaft in Gefahr, dem Buchhandel in großen Warenhäusern droht das Aus. Eine große Tageszeitung brachte den Umbruch auf den Punkt: „Das Netz ist der historische Zwischenschritt von der Kultur des gedruckten zur Kultur des digitalisierten Buches.“ Russell Grandinetti, Verlagsmanager bei Amazon, sagt es ohne Umschweife: Die einzig erforderlichen Leute im Publishing-Prozess sind heute der Schriftsteller und der Leser. Das ist eine Kampfansage an die Verlage.

Ein Problem zurzeit ist noch, dass fast alle Prognosen zum E-Book linear auf der Grundlage bisheriger Erfahrungen errechnet werden. Nicht berücksichtig wird der sich mit Sicherheit bei der Marktdurchdringung selbst verstärkende Prozess. Das hat dann so etwas von Lawinencharakter. So rechnen Fachleute mit einem steilen Teil der Kurve in den Jahren bis 2017 und kommen auf einen Spitzenmarktanteil bis zu 50 Prozent.

Weil die überzogene Papierliebe geschäftlich fast lebensgefährlich ist, wirkt „Vorsicht E-Book“ eher als wohlgemeinte Warnung, dem Leser vernünftige, innovative und damit moderne Formen für Genuss von Inhalten zu erhalten. Der geistige Output kann auf modernen Wegen eher gesteigert werden. Alle Beteiligten rund ums Buch sollten gemeinsam daran arbeiten, Qualität zu verbessern, Inhalte zu pflegen, ohne sich in ideologische oder Gewohnheitsbunker einzuigeln. Schneller als wir vielleicht glauben, wird das aufwändig produzierte, professionell layoutete, lektorierte Printbuch der alten Art in einer nostalgischen Ecke von Freaks genossen, wie auch heute junge Leute wieder Vinylschallplatten auflegen und das Nischenritual genießen. Das ist schön, aber nicht die breite Zukunft. Es ist einfach so wie bei der eingangs genannten älteren Dame: Lassen wir uns die Lust am Buch nicht nehmen, analog oder digital – egal.

 

Dieter Buchholtz

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    Frankfurt ist eine Reise wert. Erst recht zur Buchmesse. Irgendwann brannten die Füße, der Rücken schmerzte. Wir starteten von der Agora. Hatte die „Bücherdiebin“ vor der Finanzskyline schon zugeschlagen? Hatte die E-Book-Welle die Buch-Hallen leergefegt? Spurensuche zur digitalen Unterwanderung des Papierbuches. Ein Trend?
    Tags: buchmesse, buch, für, schon, prozent, e-books, lesen, über, viele, noch




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