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Vorbilder

Gisbert Kuhn

Die Affäre um Uli Hoeneß, den Präsidenten des FC Bayern München, sorgt bei uns für ganz schönen Wirbel. Inzwischen reicht sie sogar schon bis in den Bayerischen Landtag und den Deutschen Bundestag. Klar, dass sich nicht Wenige kopfschüttelnd fragen, ob es denn nichts Wichtigeres in diesem Lande  gebe als sich (wieder einmal) über einen neunmalklugen Zeitgenossen zu entrüsten, der einen offensichtlich ordentlichen Batzen Geld am Finanzamt vorbei schleusen wollte. Nun ist das, wie jeder weiß, so eine Sache mit der materiellen, mehr noch aber mit der moralischen Gewichtung bestimmter Vorgänge. Was den Einen verdammenswert erscheint, ist für Andere zweitrangig. Außerdem – bereitet es, bei aller Empörung, nicht auch klammheimliche Freude und ein vergnügtes Händereiben, dass der perfide Steuer-Schmu am Ende eben doch aufflog? Vermutlich weil ein kleiner,  krimineller Bankangestellter heimlich Daten vom Computer klaute und diese gegen einen erklecklichen Betrag an deutsche Finanzbehörden verscheuerte.

Damit könnte man die ganze Sache eigentlich beiseite legen und in Ruhe den weiteren Gang der Dinge verfolgen; zum Beispiel, ob die Selbstanzeige tatsächlich zwar zur Steuer-Nachzahlung führen, den Täter aber auch gleichzeitig vor Strafverfolgung  schützen wird. Und ob der bislang allmächtige Vereinsboss das Debakel übersteht. Ja, wenn diese Angelegenheit nicht eine eigene, fast schon moralische Dimension hätte. Sie lässt sich in ganz altmodische Begriffe fassen: Ehrlichkeit, Gradlinigkeit, Glaubwürdigkeit, Solidarität und großzügigste Hilfsbereitschaft. Oder, einfach zusammengenommen, „Vorbildlichkeit“.  Dafür stand bislang der Name Hoeneß. Konnten sich die Kritiker auch oft genug an seiner Ruppigkeit reiben, über die nicht selten zur Schau gestellte Selbstgefälligkeit ärgern und mochten sie ihm, darüber hinaus, seinen mannigfaltigen Einfluss neiden – eines sprach ihm bis hierher niemand ab: Jene absolute Integrität, in der sich die eben erwähnten Eigenschaften wiederfinden. Man glaubte ihm halt ganz einfach.

Antiquierter Begriff

So war es denn auch kein Zufall, dass sich mit dem Namen Hoeneß sogar ein Wort verband, das zwar oft in allen möglichen Reden verwendet wird, dem jedoch meist die innere Deutung fehlt: Vorbild. Mehr noch – diese Zuordnung erfolgte erstaunlicherweise sogar durch alle Altersgruppen. Das ist ja keineswegs selbstverständlich. Schließlich klingt „Vorbild“ alles andere als cool. Vorbildlich handeln – für wen? Sich vorbildhaft benehmen – was ist das? Wer heute mehr als 60 Jahre alt ist, mag sich vielleicht noch etwas darunter vorstellen können. Zu ihrer Schulzeit hatte man ihnen noch Leitbilder vor Augen geführt für ihre eigene Lebensgestaltung. Namen etwa wie Bertha von Suttner, die Friedenskämpferin vom Beginn des 20. Jahrhunderts und erste Friedensnobelpreis-Trägerin. Oder die Humboldt-Brüder aus dem 19. Jahrhundert, möglicherweise sogar die Widerstandskämpfer gegen die Hitler-Barbarei. Aber wer hätte sich damit wirklich identifizieren können? Vor allem in Zeiten, die sich völlig geändert hatten.

Und die Jungen? Sicher, auch ihnen wird häufig genug angeraten, nach Vorbildern Ausschau zu halten. Aber wissen sie zu unterscheiden zwischen Vorbildern und Idolen? Für die Teens und Twens, die zum Beispiel den Dortmunder Borussia-Jungstar Mario Götze anhimmeln, ist der 20-Jährige in Wahrheit natürlich ein Idol – genau wie es mit Blick auf so manches TV- oder Show-Sternchen der Fall ist. Das ist ja auch nur zu verständlich. Wenn von „Vorbildern“ die Rede ist, klingt fast immer die klagende Frage mit, was unserer heutigen Gesellschaft angeblich so sehr fehle. Und zumeist wird dann auch gleich die Antwort mitgeliefert: Ziele, Werte, Visionen… Das klingt arg nach Helden und Heiligen, nach Heroisierung,  nach Idealisierung. Wo also sind Vorbilder zu suchen? Die Hamburger „Zeit“ versuchte, eine Antwort zu geben, indem sie Autoren aufforderte, den Deutschen 50 Vorbilder vorzuschlagen. Käthe Kollwitz wurde neben anderen genannt, die geniale Zeichnerin und Bildhauerin (vergl. rantlos „Steinernes Leid…„), dazu die legendäre Marlene Dietrich, aber auch Schalkes einstiger Rechtsaußen und Dribbelkönig „Stan“ Libuda, der damals (so auf Litfaß-Säulen zu lesen) angeblich als Einziger an Jesus vorbei gekommen sei.  Namen, die nach „Vorbild“ klingen?

Zwischen Jesus und dem Dalai Lama

Die Illustrierte „Stern“ versuchte, die „Zeit“ sogar noch zu toppen. Im „Stern“-Auftrag befragten die Meinungsforscher von „Forsa“ die Deutschen und stellten anschließend sogar eine 200-er Liste mit angeblichen Vorbildern auf. Da findet man  zum Beispiel den Fernseh-Moderator Günther Jauch an elfter Stelle zwischen Jesus und dem Dalai Lama. Selbst Adolf Hitler findet noch immer genügend Anhänger, um auf die Tabelle zu gelangen, wenngleich weit hinten auf Platz 198 – aber immerhin noch vor dem einstigen DsdS-Sieger Daniel Küblböck.  Wer aber steht ganz vorn bei den Vorbilder-Wünschen der Deutschen? Überraschung oder nicht – sowohl bei der „Zeit“ als auch beim „Stern“ sind es die Eltern. Wie es aussieht,  ist die Verhaltens-Messlatte der Menschen hierzulande noch immer ziemlich realistisch angelegt. Und damit sind wir auch wieder bei Uli Hoeneß und dessen Absturz in der öffentlichen Meinung. „Das hätte ich von dem nie gedacht, von dem nicht…“, hört man zwischen Flensburg und Konstanz. Die Glaubwürdigkeit ist dahin.

Gisbert Kuhn




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