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Einschläfernde Kraft

Schreiben wir Substanzen eine Wirkung nur deshalb zu, weil wir das Ergebnis der Substanz kausal zuordnen? Molière mit seiner Frage in einem Lustspiel „Warum schläfert Opium ein?“ legte den Finger in die Wunde.

Paul Pawlowski

Paul Pawlowski

Die Allgemeinmedizin lässt langsam Raum für Erkenntnisse, die somatische Erscheinungen einbeziehen. In der Krebstherapie ist es heute normal, ein ganzheitliches Bild des Patienten in der Therapie zu berücksichtigen.

Die Psychiatrie dagegen geht anscheinend einen anderen Weg. Seit 1952 versucht die American Psychiatric Association (APA) in dem Regelwerk DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) festzulegen, welche Symptome zu psychischen Krankheiten gehören. Nun hat sie die fünfte Ausgabe (DSM-5) veröffentlicht. Darin befinden sich doch recht merkwürdige Kriterien, eine Krankheit zu diagnostizieren. Deutsche Psychologen arbeiten mit der zehnten Ausgabe der „International Classification of Diseases“ ICD-10). Sie wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegeben. In zwei Jahren kommt nun ICD-11 heraus und wird eine Reihe der APA-Vorgaben beinhalten.

Bluthochdruckpatienten produzieren

Entscheidend ist, ob die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese Kriterien auch in ihren Katalog übernimmt. Die Aussichten dafür sind gut. Die WHO hat auch nach intensiver Lobbyarbeit der Pharmaindustrie die Grenzwerte für Bluthochdruck so angepasst, dass viele über 50 plötzlich Hochdruckpatienten sind. Die deutsche Hochdruckliga postuliert als Höchstwert für den systolischen Blutdruck 140 mm/Hg.  (Hier die Hochdruckdefinition der Liga)

Richtig ist, dass ein permanent hoher Blutdruck die Gefäße schädigt und das Herz belastet. Eine Therapie dieses essenziellen Hochdrucks junger Patienten ist durchaus zielführend. Insbesondere, wenn es gelingt, die Ursache zu finden und zu beheben. Beim älteren Menschen ist jedoch der Hochdruck u.U. nicht Ursache, sondern Folge von Gefäßveränderungen. Die Gefäße verlieren an Elastizität. Ablagerungen in Form von Schlacken finden sich an den Innenwänden der Adern. Ein verengter Kanal erfordert einen größeren Druck, um alle Gefäße des Körpers mit dem Lebenssaft zu versorgen.

Damit sind wir bei der Messmethode für den Blutdruck. Es wird nach Riva-Rocci (darum RR) nicht unmittelbar der Blutdruck, sondern der Luftdruck in der Manschette gemessen, der notwendig ist, um die Cubitalarterie vollständig zusammenzudrücken, so dass kein Blut mehr fließt. Dieses wird manuell und auch mit den digitalen Messgeräten, am Korotkowsche Geräusch der wirbelnden Flüssigkeit festgemacht. Die Manschette wird aufgepumpt, bis kein Geräusch mehr wahrnehmbar ist. Durch Ablassen der Luft aus der Manschette bis zu dem Punkt, an dem wieder ein Geräusch auftritt, wird dieser Wert ermittelt. Dieses Zusammendrücken bezieht sich nicht auf die Arterie alleine, sondern auf sehr individuelle Muskelmasse und Fettgewebe, die darüber lagern. Dieses sind Faktoren, die die Messung in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen. Dazu noch altersbedingte Verengungen und der Hochdruckpatient ist geboren.

Emotionen als Krankheit

Der Verlust eines geliebten Menschen, gerade auch nach einer langjährigen Partnerschaft, rüttelt manchmal sogar erheblich an der Fundamenten des bisherigen Lebens. Trauer ist eine völlig gesunde Reaktion. Der Trauernde erfüllt unter Umständen formal die kriterien einer Depression, ist jedoch nicht krank. Diese Phase wird von dem allermeisten ohne eine ärztliche Behandlung überstanden. Sie kann wenige Wochen, aber durchaus auch Jahre dauern. Jetzt ist Trauer in einer Länge von mehr als zwei Wochen als Depression attestierfähig. Vor DSM-5 wurden die Kriterien einer Depression erst nach einer Dauer von zwei Monaten als Krankheit bewertet.

Die inzwischen erheblich umstrittene Diagnose ADHS bei Kindern wird in dieser Überarbeitung noch ausgeweitet. Bisher wurden Symptome wie andauernde Unruhe und Konzentrationsschwäche vor dem siebten Lebensjahr herangezogen. Jetzt gilt das 12. Lebensjahr als Schallmauer. Damit hat man die Phase des Schulwechsels nach der Grundschule und Beginn der Pubertät mit einbezogen. Damit wächst der Markt für die legalen Kinderdrogen wie Ritalin. Laut Spiegel seien die Verschreibungen von Ritalin von 34 Kilogramm im Jahre 1993, auf Jahr 1760 Kilogramm im Jahr 2011 angestiegen.

Die Reduktion auf chemische Prozesse und die Propagierung der SSRIs (engl. Selective Serotonin Reuptake Inhibitor, SSRI) (selektive Serotonin- Wiederaufnahmehemmer) als Allheilmitteln in Sachen Depressionen, eröffneten einen Milliardenmarkt. Ob es Reaktionen auf Lebensbedingungen, genetische Defekte oder Veränderungen der Informationsträger in unserem Hirn sind, ist wissenschaftlich nicht eindeutig zu beantworten. Eindeutig ist, dass mit solchen Definitionen von angeblichen Anormalismen ein Geschäft gemacht wird. Man rechnet damit, dass der Antidepressiva-Umsatz im Jahr 2015 bei 30 Milliarden Dollar liegen wird. In den von Darrell G. Kirsch – hier geht`s zur APA-Datenbank–  38 bewerteten Studien (randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert) wurden Anti-Expressiva an ca. 7000 Patienten getestet. Das Ergebnis der Metaanalyse ist, dass mehr als die Hälfte der Studien keine signifikante Besserung durch das Medikament im Vergleich zum Placebo nachweisen konnten. 82 Prozent der erreichten Besserung durch Medikamente wurde auch durch Placebo erreicht, bei Fluoxetin (Fluctin, Prozac) sogar 89 Prozent.

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) kritisiert die neue Regel als willkürlich. Vermehrte Gedächtnislücken und Denkprobleme im Alter werden mit dem Krankheitsbild „minore neurokognitive Störung“ bezeichnet. Die Entwicklungsstörung Asperger-Syndrom ist künftig in der Gruppe der Autismusspektrumsstörung zu finden. Bei Suchtkrankheiten soll es keinen Unterschied mehr zwischen Abhängigkeit und Missbrauch geben. Doch DSM-5 beinhaltet auch neue Krankheitsbilder, die von Kritikern begrüßt werden.  Spielsucht und Messie-Syndrom sind danach Krankheiten.

Endlich Diagnose gegen Wutbürger

Mit „Disruptive Mood Dysregulation Disorder“ (DMDD) ist ein völlig neues Leiden geschaffen. Betroffene Kinder leiden angeblich an starken Wutausbrüchen. Eine „störende Stimmung durch Fehlregulation in der Unterordnung“ könnte man es in etwa übersetzen. Dieses heißt, wenn jemand sich vehement, aufgebracht. also wütend, gegen einen Druck, dem er sich nicht unterordnen kann und will, wehrt, dann ist er auffällig und krank. Wann diese Diagnose auf Erwachsene ausgeweitet wird, ist abzuwarten. Wäre ja so schön einfach. Eine Ambivalenz des Begriffes „Wutbürger“ ist schon in unserer Bewertung eingezogen. Unterdrückte Wut kann, wie Studien beweisen, zu Krankheitsbildern führen, genauso wie zu viel Stress. Der Nichtumgang mit Aggressionen und deren soziale Ächtung haben ihren Preis. Viele soziale Brandherde finden in dieser Konsenz-um-jeden-Preis-Gesellschaft ihr Wurzeln.

Wenn sie jetzt vor Wut kochen, dann entscheiden Sie sich: raus lassen und für seelische Gesundheit sorgen, zum Arzt gehen,  Krankheit bescheinigen lassen und zu Hause auf die Depression warten…  Und mit der lässt sich dann weiter bequem Umsatz machen.

Ihre Entscheidung !

Paul Pawlowski

 

Interessante Links zum Thema:

Blutdruckmessung unter der Lupe
Lobbyarbeit der Pharmaindustrie
Ritalin bei Erwachsenen




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