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Vernünftig ärgern!

Gisbert Kuhn

Gisbert Kuhn

Die Älteren unter uns besitzen – dank der Gnade der frühen Geburt – das Privileg, sich bei Bedarf auch einmal zurück erinnern zu können. Wie war das, zum Beispiel, damals, im Mai 1987, als Hunderttausende in den Bonner Hofgarten strömten, um – schreckensbleich und mit Angstschweiß bedeckt – gegen den „gläsernen Menschen“ im angeblich drohenden „totalen Überwachungsstaat“ Bundesrepublik zu demonstrieren? Es ging in jenen Tagen um die so genannte Volkszählung. Um genau zu sein, im Wesentlichen um die Erfassung der aktuell vorherrschenden Wohnsituation in Deutschland. Also, etwa um die Art der Heizungen in den Häusern – Kohle, Öl, Gas, Ofen oder Zentral. Wie sich  hinterher herausstellte, hatten die Allerwenigsten die Fragen vorher überhaupt gelesen. Das hinderte die Demo-Aktivisten freilich nicht daran, zum Boykott aufzurufen und die Fragebögen öffentlich zu verbrennen. Als die demoskopische Erhebung dann schließlich doch durchgeführt wurde, war der Spuk ganz plötzlich – sozusagen von einem Tag auf den anderen – wieder verschwunden. Kein Mensch mochte sich mehr seiner Panikattacken erinnern.

Was dieses Beispiel zeigen soll? Ganz einfach. Es ist nur eines von vielen, die auf ein offensichtlich vorrangig in Deutschland anzutreffendes Massenphänomen deuten. In kaum einem anderen (eigentlich in gar keinem) europäischen Land herrscht in der Bevölkerung eine derartige, permanente Bereitschaft, sich sozusagen aus dem Stand heraus in mitunter geradezu hysterische Angstzustände zu versetzen oder versetzen zu lassen. Nun ist Angst an sich ja nichts Verwerfliches, sondern gehört (im Gegenteil) als wichtiges Frühwarnsystem zum Wesen eines jeden Menschen. Sie sollte sich jedoch, vernünftigerweise, eigentlich aufgrund von bestimmten äußeren Geschehnissen erst einmal kontinuierlich auf- und später entsprechend langsam wieder abbauen. Aber sich doch nicht von null sofort auf hundert katapultieren und am nächsten Tag wieder völlig in sich zusammen fallen!

Damit nun nicht gleich wieder ein anderer beliebter Reflex einsetzt (der des Missverstehen-Wollens), sei hier nachdrücklich betont, dass natürlich täglich genügend Dinge rund um den Erdball passieren, die Ängste wecken können oder Proteste geradezu hervorrufen müssen. Die Atom-Katastrophe in Japan nach dem Tsunami gehört genauso dazu wie die Sorge vor der Raketen-„Nachrüstung einst in den 70-er und 80-er Jahren. Wobei es zeitweise freilich schon einigermaßen bizarr war, dass man s1ch von dem Unglück im Pazifik vor allem wieder in Deutschland besonders „betroffen“ zeigte, während doch die tatsächlich Betroffenen die Japaner waren. Fehlt uns Deutschen nicht vielleicht tatsächlich im Kollektiv jene (wenn schon nicht Gelassenheit, so doch) Grundstabilität, wie sie speziell die Briten, aber auch Franzosen, ja sogar Italiener besonders in schwierigeren Zeiten auszeichnet? Ist die mitunter zu beobachtende Hasenfüßigkeit möglicherweise das andere Extrem der einstigen Hybris, dem gründlich ausgetriebenen Wunsch nach der Weltherrschaft?

Und wie steht es mit Politik und Gesellschaft? Politisches Handeln sollte ja nicht zuletzt Führung bedeuten -Führung des Staates, aber auch das Setzen möglichst allgemein nachvollziehbarer Leitlinien für die Gemeinschaft. Das schließt in der Demokratie Streit über den richtigen Weg keinesfalls aus. Ausgeschlossen hingegen sollte das Spiel mit gezinkten Karten sein. Nehmen wir das aktuelle Geschrei über die globalen Abhöraktionen der amerikanischen, aber ganz sicher auch vieler anderer Geheimdienste. Das ist in diesem Fall nun ja wirklich eine mehr als unangenehme Situation, real das Gefühl haben zu müssen, ein „gläserner Mensch“ geworden zu sein. Dabei sollte – ungeachtet aller verbalen Eiertänze von politischer Seite – aber doch jedem auch nur einigermaßen aufmerksamen Zeitgenossen völlig klar sein, dass „Berlin“ (genau wie vorher „Bonn“) davon immer Kenntnis hatte. Ganz gewiss nicht von sämtlichen operativen Details, wohl aber im Prinzip. Und natürlich auch davon, dass die eigenen Dienste sich kräftig daran beteiligten – auch zum Vorteil der inneren Sicherheit in Deutschland. Außerdem war den westlichen Siegermächten das Fortbestehen bestimmter Lauschrechte bei den 2-plus-4-Verhandlungen im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung doch ausdrücklich zugestanden worden.

Und wenn der Bundeskanzlerin jetzt von oppositioneller unterstellt wird, ihren Amtseid zu brechen, weil sie den Amis nicht lautstark die rote Karte zeigt – was war denn eigentlich geschehen in der Zeit, als Gerhard Schröder und Joschka Fischer das damals rot/grün-farbene deutsche Staatsschiff steuerten und ein gewisser Frank-Walter Steinmeier als Chef des Bundeskanzleramtes zugleich Koordinator der Geheimdienste war? Von nichts auch nur die blasseste Ahnung gehabt? Das kann gar nicht sein. Und es ist auch nicht so! Gleiches gilt, im Übrigen, für die Medien. Auch dazu ein Beispiel. Vor etwas mehr als zehn Jahren hatte die der Europäischen Union angegliederte Dienststelle zur Schadensfolgeabschätzung einen dicken, sich wie ein Krimi lesender Bericht über das Projekt „Echelon“ erarbeitet. Darin wurde nachgewiesen, wie die (auch jetzt wieder im Zentrum stehende) amerikanische NSA (National Security Agency) mit den damals vorhandenen Spitzentechnologien die weltweite Telekommunikation durchforstete – es ging halt noch nicht so sehr um Computer und Internet, sondern um den Telefon- und Telefax-Verkehr.  Das Interesse seinerzeit in den Redaktionen: Absolut null. Desgleichen die Reaktionen aus den politischen Zentralen…

So viel zur öffentlichen Aufgeregtheit. Womit ja gar nichts gesagt ist über den praktischen Nutzen, beziehungsweise Unsinn oder die rechtliche wie moralische Bewertung derartiger Mega-Schnüffeleien. Zumal dann, wenn sie nicht einmal der öffentlichen Sicherheit und Gefahrenabwehr für die Bürger dienen, sondern vorrangig dem Ausspähen wirtschaftlicher Konkurrenten mit dem Ziel, diesen zu schaden. Das ist und bleibt eine unglaubliche Sauerei; da sollte das Wort „Freunde“ tunlichst vermieden werden! Und darüber darf (mehr noch: sollte) sich nun wirklich kräftig geärgert werden. Aber bitte – mit Vernunft und nicht einfach nur hysterisch.

Gisbert Kuhn

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    Nachrichtendienste außer Kontrolle? Klar, wenn sie sich selbst kontrollieren und einen Generalverdacht generieren können! Jeder hört jeden ab. Rasterfahndung weltweit. Industriespionage als Staatsgeschäft. Gedanken zum Deckmantel des Schweigens.
    Tags: für, so, nur, geheimdienste, war, noch, schon, dann, können, wurde


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