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Wem hilft das Gestern?

Früher war besser Brötchen essen

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Autor Dieter Buchholtz

Das kennen Sie doch auch: „Früher war alles billiger – und besser sowieso.“ Wer ließe sich bei derlei Weisheiten nicht gerne mitreißen in den quirrligen Strudel zwischen dem geliebten Früher und dem schwierigen Heute?

Bereits in den sechziger und siebziger Jahren hat mein Vater mir bei unzähligen Gelegenheiten immer wieder berichtet: „Früher kosteten die Schrippen (er stammte aus Berlin) nur einen Sechser, also sechs Pfennige. Anfänglich erzeugte das bei mir ein Oh, dann nur noch ein Ach, danach folgten Jahre des Schweigens als Antwort auf solcherart verkrusteten Vergleichsbemühungen.

Durch eigene Nachforschungen  lernte ich: 1920 waren es schon 14 Pfennige. Und so um 1900 herum verdiente ein Arbeiter im Monat etwa zwischen 60 und 120 Mark. Dieses Wissen hat mir damals nicht weitergeholfen und auch heute ist der Nutzen gegen Null pendelnd. Wenn ich also in der spannenden Gegenwart Appetit auf ein Brötchen habe, dann kaufe ich mir eins nach meinen Geschmack und freue mich über die große Auswahl.

Druck um das Kleingebackene

Aber durch an- und aufregende Beiträge von Mitbürgern komme ich von diesem Thema nicht los. Wegen anzweifelnder Nachfragen fühle ich mich sogar gezwungen, im Internet wirklich danach zu suchen, was ein Brötchen in den sechziger Jahren gekostet hat. Widerwillig hangele ich mich hin durch, was eigentlich verlässlich in meiner Erinnerung abgespeichert sein müsste. Im damaligen „Heute“ der aufrührerischen 68er kostete das landläufige Brötchen im Schnitt (aber ungeschnitten) acht Pfennig.

Heute dagegen müssen wir für das Kleingebackene ohne Krümel geschätzt 30 Cent auf den Tisch legen. Es gibt natürlich die teilweise erheblichen Preisunterschiede zwischen dem Billig-Aufback-Bäcker und dem Bioladen. Und der alles killende  Umrechner-Blick auf die alte D-Mark ergibt dann etwa 60 schwer wiegende Teuerungs-Pfennige: Erschreckend teurer ist also das Normalbrötchen im Laufe der Jahre geworden.

Wahrnehmungen zum Warenkorb

Folgt aber der Gestern-Heute-Leidende weiteren Preisentwicklungen, dann stößt er auf einen Tsunami der Preisinflationen. Viele Beispiele können dies schlüssig belegen. Für 250 Gramm Butter musste man 1961 umgerechnet 83 Cent auf den Tisch legen, heute sind 1,33 Euro fällig. Mit solch happigen Preisanstiegen könnte der Chronist hier fröhlich weiter machen. Und die schlüssigen Beweise für ein Preisdesaster im Zeitalter des Teuro erbringen.

Kürzen wir es einfach ab: Von 1991 bis 2011 erlebten wir insgesamt einen Preisanstieg von 43 Prozent. Also haben die Skeptiker doch Recht behalten? Nicht ganz: Denn der arbeitende Bürger muss für einen identischen Warenkorb heute genauso viel Lohn investieren wie 1991. Also hat sich – entgegen vieler Behauptungen – gar nicht so viel geändert.

Kaffee zwischen Luxus und Lebensmittel

Greifen wir weitere Einzelbeispiele heraus, dann können wir uns teilweise glücklich schätzen, heute Verbraucher zu sein. Der Beweis: Gerade wir Lebensälteren wissen doch über den Tag verteilt eine herrlich belebende Tasse Kaffee zu schätzen. Können wir uns doch fast alles leisten – oder? Und wie war das früher? 1991 mussten wir für ein Pfund Kaffee 23 Minuten arbeiten. Heute reichen 21 Minuten. Also kein großer Unterschied. Und nun halten Sie sich aber fest. 1961 musste der Kaffee-Genießer satte dreieinhalb Stunden malochen, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Ganz zu schweigen von 1950. Da waren über 26 Stunden erforderlich.

Nun kommt ja sofort der Einwand: Von andauernd Kaffee-Trinken kann man ja nicht leben. Stimmt. Da würden etliche Vitalfunktionen sehr schnell die Grätsche machen. Dann nehmen wir mal zehn Eier als Vergleichsgröße. Die werden in jedem Haushalt unbestritten damals wie heute eher als Grundnahrungsmittel verbraten, verkocht oder auch verbacken. An Arbeitszeit waren hierfür 1950 immerhin runde zwei Stunden erforderlich, heute sind es sehr überschaubare acht Minuten.

Umrechnung bis in die alte italienische Lira hinein

Der benannte dauernde Sechser-Vergleich meines Vaters zusammen mit den Umrechnungsaktionen von Reichs- auf D-Mark und das aus seiner Sicht immer teurere Leben ist mir insbesondere als Pubertierender so um 1960 herum gehörig auf den Senkel gegangen. Damals habe ich mir geschworen, solche Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigungen der populistischen Art nicht dauerhaft zu pflegen. Ich denke, dass es mir einigermaßen gelungen ist.

Umso mehr regt es mich aber heute auf, wenn ich zunehmend von Gleichaltrigen umgeben bin, die am laufenden Band irgendwelche Preise in D-Mark und Pfennige umrechnen, um aus dem Stand heraus und kaum kontrollierbar astronomische Preisentwicklungen anzuprangern. Ich halte dann gerne eine Umrechnung in die alte italienische Lira dagegen. Ernte aber nur Unverständnis nach dem Motto: Der kapiert es eben nicht.

 

Wer jetzt noch Lust hat, sich etliche weitere Beispiele aus dem Früher und dem Heute hineinzuziehen, der sollte in rantlos/schreibwerkstatt mehr darüber lesen. Der Bonner Autor Richard Otten hat unter der Überschrift „Heute dies‘ und gestern das“ mit fröhlicher Hand gegenübergestellt, was sich so alles im Laufe der Zeit verändert hat. Lächeln bis Lachen oder sich auf die Schenkel klopfen – alles ist inklusive. Gönnen Sie sich den Spaß…
Ihr
Dieter Buchholtz





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