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…und fanden keine Herberge

Gisbert-72

Autor Gisbert Kuhn

Es war einmal in einer englischen Stadt namens Preston eine junge Frau, die inmitten der kalten Nacht vor einem Geldautomaten stehend bemerkte, dass sie ihre Bankkarte verloren und auch kein Bargeld mehr bei sich hatte. Da kam ein Mann auf sie zu, ein Obdachloser, und bot ihr seine letzten drei Pfund an, damit sie ein Taxi nehmen und sicher nach Hause fahren könne. Die Frau, 22 Jahre alt und Studentin, brachte es nicht übers Herz, das Geld anzunehmen. Aber sie war zutiefst gerührt von dieser selbstlosen Geste, machte sich am nächsten Tag auf die Suche und fand heraus, dass der Mann Robbie heißt und seit sieben Monaten arbeitslos ist. Mehr noch – sie erfuhr, dass er nicht nur ihr helfen wollte, sondern dies auch bei anderen Menschen schon getan hatte. Zum Beispiel dadurch, dass er Passanten deren verloren gegangene Geldbörsen zurückgab. Dominique Harrison-Bentzen, so der Name der Studentin, beschloss nun, ihrerseits dem barmherzigen Samariter Hilfe angedeihen zu lassen und startete – wir befinden uns ja immerhin im 21. Jahrhundert – im Internet einen Spendenaufruf, um ihm die Kaution für eine Mietwohnung und damit eine Meldeadresse zu ermöglichen. Denn ohne eine solche konnte der arme Kerl keine Arbeit bekommen. Und siehe da, eine Welle der Hilfsbereitschaft setzte ein; innerhalb kürzester Zeit wies das angegebene Konto mehr als 22 000 Pfund aus.

Ein modernes Weihnachtsmärchen

Ein modernes Weihnachtsmärchen? Das ist es, ohne Zweifel. Was aber noch viel schöner ist: Die Geschichte ist wahr und erst vor wenigen Tagen jenseits des Ärmelkanals geschehen. In der Weihnachtgeschichte nach Lukas heißt es: „… denn sie hatten keinen Raum in der Herberge“. In ungezählten Häusern und Wohnungen stehen in diesen Tagen Krippen unter dem Christbaum, in denen diese biblische Szene nachgestellt ist. Robbie, der selbstlose Helfer, hat inzwischen wahrscheinlich eine „Herberge“ gefunden und damit ein Fundament, um wieder auf eigene Beine zu kommen. Sein Schicksal hat die Hilfsbereitschaft vieler Menschen geweckt, weil es ein Gesicht, eine Gestalt und eine Geschichte hatte, die man erkennen und nachvollziehen, kurz: mit der man sich solidarisieren konnte.
Es sind in diesen Jahren, Monaten, Wochen, Tagen indessen Millionen von Menschen unterwegs auf der verzweifelten Suche nach „Herbergen“. Sinnlose Kriege, brutalste Verbrechen angeblich im Namen einer Religion oder eines Gottes, sowie Armut und Hunger haben die wohl größte Völkerwanderung in der Geschichte der Menschheit ausgelöst. Abertausende sterben auf der Flucht vor dem Terror oder sie ertrinken im Mittelmeer, getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben oder weil sie den Versprechungen skrupelloser Geschäftemacher gefolgt sind. Sie suchen Zuflucht. Nicht nur, aber auch und nicht selten gerade bei uns. Wenn man so will, vollzieht sich soeben die Weihnachtsgeschichte in ungezählten Fällen mit ungezählten menschlichen Schicksalen und in ebenso ungezählten Tragödien. Was im biblischen Text mit „Herberge“ beschrieben wird, lautet in der modernen Fassung ganz einfach „Rettung“.

„Macht die Türen und Fenster zu!“

Es kann nicht ausbleiben, dass angesichts des dramatischen Geschehens in der Welt die Gedanken zurückgehen in den Herbst 1946. Der damals 5-jährige Bub hat sein Leben lang nie den Ruf vergessen, der seinerzeit durch das Dorf gellte, als seine durch den Krieg dezimierte Familie und deren paar verbliebene Habseligkeiten zusammen mit anderen Schicksalsgenossen auf dem Hauptplatz von einem Lkw abgeladen wurde: „Macht die Türen und Fenster zu! Die Zigeuner kommen!“ Keiner der Neuankömmlinge wusste, wo er gelandet war. Niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, auf welche Menschen mit welchen Gefühlen und welche Unterkünfte er treffen würde. Man war nach dem von den Deutschen begonnen Krieg aus der Heimat vertrieben worden und nach einer mehrere Tage dauernden Fahrt im Güterwagon nun im Unbekannten gelandet. Die Zukunft war ein schwarzes Loch.
Was hier beschrieben wird, ist nur ein winziges Detail aus einer gewaltigen humanitären Tragödie und gleichzeitig auch einer – aus heutiger Sicht – kaum noch nachvollziehbaren Kraftanstrengung. Mehr als zehn Millionen Deutsche waren nach 1945 auf der Flucht oder als Vertriebene unterwegs. Sie wollten und mussten untergebracht und ernährt werden in einem zerschlagenen und zerbombten Staatsgebilde, dessen „einheimische“ Bewohner oft selbst kein Dach mehr über dem Kopf hatten, in dem Hungersnot herrschte, und in dem extrem eisige Winter noch massenhaft Erfrierungsopfer forderten.

Durch Anweisung der Siegermächte

In späteren Jahren haben sich die Deutschen auf die Schultern geklopft und gern gegenseitig versichert: „Es war eine historisch einmalige Leistung, diese ungeheure Zahl heimatloser, entwurzelter, verzweifelter, um Hab und Gut gebrachter Menschen bei uns zu integrieren“. Das ist uneingeschränkt richtig. Aber glaube nur niemand, dass die Bereitschaft der „Habenden“ zum Teilen, Abgeben, den Fremden „Herberge“ zu gewähren, in ihrer Mehrheit überwältigend gewesen wäre. Die Meisten hatten ja selber nichts. Natürlich gab es wunderbare Ausnahmen. Der damals 5-Jährige schwärmt noch heute von „Oma Henne“ – einer drallen Bäuerin mit einem Dutt auf dem Kopf und weit auslandenden Röcken, die im Spätherst, wenn im Kessel die Vielfruchtmarmelade köchelte und einen süßen Duft verbreitete, die Kinder um sich versammelte und im schummrigen Licht einer Petroleumlampe Märchen erzählte. So muss es zu Zeiten der Brüder Grimm gewesen sein…
Die Integrationsleistung war wirklich kein Ergebnis von freiwilliger Hilfe und mitbürgerlicher Solidarität. Wer sich aus den heutigen Generationen ein Bild der seinerzeitigen Wirklichkeit machen möchte, sollte das Buch „Kalte Heimat“ (Siedler-Verlag, 432 Seiten, € 24,95) des jungen Historikers  Andreas Kossert lesen. „Kalte Heimat“ ist in diesem Fall nicht das bekannte Synonym für Ostpreußen, sondern beschreibt die menschliche Kälte, mit der die Zuwanderer aus den Ostgebieten im westlichen Heimatland oft genug empfangen wurden. Nein, die später so selbstzufrieden gefeierte Großtat der millionenfachen Integration war natürlich nur möglich, weil ein Befehl der Siegermächte dahinter stand und diese unerbittlich über die Umsetzung der Anweisung wachten. Genauso wie in den folgenden Jahren die tolle soziale Leistung des „Lastenausgleichs“ selbstverständlich auch nicht auf freiwilligen Opfern basierte, sondern ausschließlich (und von lautstarken Protesten begleitet) auf gesetzlicher Grundlage. Man kann auch sagen: Es war eine staatliche Zwangsmaßnahme.

Lehren aus der Geschichte?

Zeitzeugen aus jenen Jahren könnten dutzende von Weihnachtsgeschichten erzählen. Von offenen Türen genauso wie von verschlossenen „Herbergen“. Und, nicht zuletzt, von phantastischen Aufbau-Leistungen. Es waren vor allem die besitzlosen „Neuen“, die in die Hände spuckten, Denn: Haste was, biste was. Es ging – logisch – um den Wiedergewinn von Lebensqualität, aber auch um Selbstbewusstsein und Anerkennung in der neuen Heimat. Was das alles mit der jungen britischen Studentin Dominique Harrison-Bentzen und dem selbstlosen Obdachlosen Robbie oder der Lukas-Weihnachtsgeschichte zu tun hat? Na, das herauszufinden, ist doch nun wirklich nicht schwer. Riesengroß ist gerade jetzt die Zahl derer, die anklopfen und um „Herberge“ betteln. Bei uns in Deutschland und anderswo. Mit Siegerbefehlen und staatlichen Zwangseinweisungen wie vor rund sieben Jahrzehnten sind die Tragödien heutzutage nicht zu stoppen und wären in der modernen Gesellschaft ja auch gar nicht durchzusetzen. Aber muss deshalb wirklich ein so erbärmliches Schauspiel ablaufen, wie es tagtäglich geschieht?
Statt auf europäischer Ebene eindeutige und die Mitgliedstaaten bindende Hilfsprogramme auszuarbeiten, statt faire Verteilungen von Aufnahmequoten vorzunehmen, statt gemeinsam Basen zu schaffen nicht nur für eine erste Nothilfe, sondern für Schule, Bildung und Sprachkurse (denn die Menschen werden in ihrer Mehrheit bleiben) – statt für all das Sorge zu tragen, schieben die meisten EU-Mitgliedstaaten die Verantwortung einfach über die Grenze ab. Hier brauchen sich die Deutschen wirklich keine Vorwürfe zu machen und solche auch nicht gefallen zu lassen – wenigstens nicht im Prinzip. Zusammen mit Schweden nimmt die Bundesrepublik bisher mehr als die Hälfte derjenigen auf, die über das Mittelmeer aus Afrika, die aus dem Irak und Syrien, ja die sogar noch immer aus den längst kriegsfrei gewordenen Balkanländern in die Europäische Union kommen.

Warum werden die Probleme geleugnet?

Doch dieses – in Europa zwar große, aber weltweit gesehen kleine – Land Deutschland kann unmöglich die Lasten tragen, die rundum auf dem Globus durch Religionsverblendung, Machthunger, Rohstoffgier und was sonst noch alles mit Massenfluchten und –vertreibungen angerichtet werden. Da mögen besonders gutgläubige und ohne Zweifel wohlmeinende Politiker, Kirchenleute und Wohlfahrtsverbände noch so sehr das Gegenteil propagieren. Die Bundesrepublik in ihrer gesellschaftlichen Struktur ist auch nicht in der Lage, jene ethnischen Minderheiten zu verkraften, die in einer unerträglich zynischen Weise von EU-Mitgliedstaaten (!) wie Bulgarien und Rumänien aus ihren angestammten Siedlungs- und Lebensräumen vertrieben werden – die Sinti und Roma, eben jene „Zigeuner“, vor denen oben bei der Schilderung der Ankunft von Vertriebenen 1946 auf dem Dorfplatz die Rede war. Eine soziale Gemeinschaft wie ein Staat braucht ein festes Gefüge. Aber selbstverständlich war jede Gesellschaft in der Geschichte (und ist es noch immer) stets Veränderungen von außen ausgesetzt. Sie erfuhr dadurch auch enorme Bereicherungen. Allerdings darf die Akzeptanz gegenüber diesem „Neuen“ nicht überstrapaziert werden, will man nicht das Gegenteil von „gut“ erreichen.
Was damit gemeint ist, erleben wir gegenwärtig auf deprimierende Weise an Montagen. Wie immer, wenn die demokratische Politik Probleme nicht aufgreift, die – real vorhanden oder auch nur als solche empfunden – den Bürgern zunehmend auf den Nägeln brennen, treten Leute auf den Plan, die als „politische Rattenfänger“ ganz gewiss nicht überzeichnet sind. Dass freilich ausgerechnet in Dresden die Zahl derer fast lawinenhaft anwächst, die gegen eine angebliche „Islamisierung“ demonstrieren, ist grotesk. Denn die ostdeutschen Länder sind von dieser „Gefahr“ schon deshalb am wenigsten betroffen, weil dort die Zahl zugewanderter Muslime höchst überschaubar ist. Aber auch im Westen bekommen diese Demos erkennbar Zulauf. Und zwar, weiß Gott, keineswegs nur von Nazis und Rechtsextremisten, sondern mehrheitlich „aus der Mitte“.

Sorgen und Ängste gegen gute Gewissen

Wer, jedoch, greift deren Befindlichkeit auf? Die Politiker und ihre Parteien, die sich in Plattitüden, Sprechblasen und gegenseitigen Schuldzuweisungen erschöpfen? Die Gegendemonstranten, die sich – in gewiss bester Absicht – quer stellen? Wo eigentlich ein vernünftiges, kritisch rationales Gespräch zwischen den argumentativ aufgeschlossenen Kräften der unterschiedlichen Lager, Ethnien oder Religionen stattfinden müsste, herrscht stattdessen ein Dialog zwischen Stummen und Tauben. Oder, um das Sprachbild zu verändern, man pfeift, trillert und brüllt sich – zum Glück noch durch Polizeikräfte getrennt – gegenseitig an. Am Ende behalten die einen ihre Sorgen und Ängste vor dem Verlust der eigenen Identität und Wertvorstellungen, und die anderen gehen heim im Vollbesitz des guten Gewissens, für die richtige Sache gestanden zu haben. Erreicht worden ist in Wirklichkeit nichts.
Wie einfach war es doch da im zerbombten, am Boden liegenden Deutschland, unter alliiertem Befehl und mit der Hoffnung auf neuen Lebensbeginn „Herberge“ zu gewähren,  zu finden und gegenseitig Hilfe zu leisten. Und wie schwer ist es offensichtlich im mittlerweile längst wieder aufgebauten, prosperierenden Land, Heimstatt zu schaffen für wirklich Verfolgte mit dazu gehörenden Angeboten, möglichst bald wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Vielleicht wäre dabei ein hilfreicher Druck nicht von Übel. Zum Beispiel, damit so schnell wie möglich die deutsche Sprache gelernt und begriffen wird, dass hiesiges Recht und die Verfassung über allen traditionellen Gebräuchen, religiösen Riten und familiären Hierarchie-Rechten stehen. Dann erst, nämlich, wäre das erreicht, was „Herberge“ meint.
Gisbert Kuhn

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