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Tradition – bei uns unbekannt?

Gisbert-72

Autor Gisbert Kuhn

Als am 9. November Hunderttausende in Berlin fröhlich den 25. Jahrestag des Falls der die Stadt, unser Land, Europa, ja im Prinzip die ganze Welt trennenden Mauer mit dem Aufsteigen leuchtender Luftballons sowie Beethovens Neunter und Schillers „Hymne an die Freude“ feierten, erkannte die TV-Moderatorin Sandra Maischberger darin „doch sehr viel Pathos“ und fragte den renommierten Historiker Heinrich August Winkler besorgt: „Dürfen wir Deutschen das eigentlich?“. Im Sinne von: Ist es uns wirklich erlaubt, aus diesem Anlass so erkennbar und ausgelassen Freude zu zeigen? Winkler, Sozialdemokat seit 1962 und eher der Gruppe der kritischen Geschichts-Wissenschaftler zuzuordnen, antwortete der Journalistin knapp und trocken: „Na klar dürfen wir das! Warum denn nicht?“

Selbstverordneter Griesgram

Dieses trockene „Na klar“ war geradezu ein Ohrenschmaus im Stimmen- und Kommentatorengewirr, das diesen Tag mitunter geradezu verunstaltete. Einen Tag immerhin, der einem für Deutsche nun wirklich seltenen, uneingeschränkt positiven Ereignis der jüngeren bis mittleren Geschichte gewidmet war. Nämlich der Wiederherstellung der staatlichen Einheit, dem Ende der Trennung von Familien- und Freundesbanden, der Rettung der von Ruin und Zerfall bedrohten Städte und Bauwerke von höchstem historischen Rang sowie (ja, trotz mancher Tränen und Enttäuschungen) dem Start im Osten zu bis dahin ungekanntem, breitem Wohlstand und zur Rechtsstaatlichkeit. Wer jedoch der Funk- und Fernseh-Berichterstattung lauschte oder gar in die offensichtlich unvermeidbaren Talkrunden schaltete, vernahm nur selten ein „Hurra“ oder „Wunderbar“, sondern versank nahezu in einem Meer von sorgenvoll und pessimistisch bestimmten „Aber“ und „Wer weiß schon…“.
Nun sind wir Deutschen (die Rheinländer vielleicht ausgeschlossen) in der Welt ja gewiss nicht für unsere überschäumende Fröhlichkeit und unseren Zukunfts-Optimismus berühmt. Aber muss man sich deshalb Griesgram selbst verordnen? Andere Völker und Staaten tun sich da leichter. Sie nennen das dann „Tradition“ und bieten in aller Regel Militär mit Glanz und Gloria auf. Das ist ja auch nicht falsch, handelt es sich doch in den allermeisten Fällen bei Gedenktagen um vergangene, kriegerische Ereignisse. Und weil dabei im Allgemeinen an eigene Siege erinnert wird, ist es für die Bürger nicht schwer, sich damit zu identifizieren. Und zwar selbst dann nicht, wenn die Aufmärschen – wie die Moskauer Siegesparade jedes Mal am 9. Mai – bevorzugt Macht und Stärke demonstrieren sollen.

Keine Tradition der Traditionen

Bei uns in Deutschland fehlt diese Tradition der Traditionen. Zumindest soweit es den politischen und militärischen Bereich im weitesten Sinne betrifft. Natürlich pflegen auch wir unser kulturelles Erbe wie Literatur, Musik, oder Architektur. Wir erfreuen uns an Ritualen und Volkskunst und halten an – vor allem land- und landsmannschaftlich geprägtem – Brauchtum fest. Aber eine Kombination etwa von Nationalfeiertag und Militärparade, wie in Frankreich am 4. Juli oder in Großbritannien im Zusammenhang mit dem Geburtstag der Königin üblich, ist in unserem Land undenkbar. Kleine Abordnungen der Bundeswehr bei Kranzniederlegungen am Volkstrauertag – na gut, das geht noch. Aber ein Marsch mit Schellenbaum und Musikkorps und grau unifomierter Wehr durchs Brandenburger Tor – unvorstellbar!
Es ist nun einmal so, die „Anderen“ haben – im Gegensatz zu uns Deutschen – ein ungebrochenes Verhältnis zu ihrer Geschichte. Dieser Vorzug, heißt es allgemein und unbestreitbar richtig, ist uns wegen des Nazi-Terrors und der alle Vorstellungen übersteigenden KZ-Verbrechen von den Siegermächten nach dem Krieg gründlich ausgetrieben worden. Aber was heißt eigentlich, „ungebrochenes Verhältnis“ in den anderen Ländern? Es ist ganz sicher richtig, dass viele Menschen hierzulande überhaupt kein Verhältnis zur deutschen Geschichte haben – zumindest wenig davon wissen und auch kaum daran interessiert sind. Wer das bezweifelt, braucht nur eine kleine Straßenumfrage bei Jugendlichen mit dem Thema DDR zu machen. Dabei liegt deren Ende gerade einmal ein Vierteljahrhundert zurück! Und während, andererseits, aus England, Frankreich oder Belgien noch immer jedes Jahr Tausende zu den Soldatenfriedhöfen des Ersten Weltkriegs (the great war, la grande guerre) pilgern, scheint dieses Ereignis im deutschen Bewusstsein so weit entfernt wie die Römerzeit.

Das Gestern und die neue Wirklichkeit

Es ist in der Tat beeindruckend, wenn man etwa in Großbritannien in nahezu jeder Dorfkirche auf zerschlissene , uralte Regimentsfahnen trifft mit der Erwähnung von Schlachten an Orten, die niemand mehr kennt. Ja, das ist Erinnerungskultur. Genau wie es die Überflüge am Geburtstag der Queen mit historischen Kampfflugzeugen aus der „Battle of Britain“ sind. Die Nation ist stolz deswegen, und hat auch ein Recht darauf. Die Paraden und bunten Gala-Uniformen spiegeln das britische Empire wider.
Aber das ist vergangen! Britannia regiert längst nicht mehr die Meere. Die vielen Siege einst, von denen die alten Fahnen künden, zählen nicht mehr. Von London aus wird kein Imperium mehr regiert, sondern nur noch eine europäische Mittelmacht. So mag (und soll) man auf der Insel zwar nach wie vor seine Freude an Traditionstreffen und –veranstaltungen haben. Doch haben diese längst etwas Operettenhaftes angenommen. Welche Anleitungen sollen denn die Bürger davon mitnehmen, welche nationalen Lehren daraus ziehen? Die Herausforderungen – weltpolitisch wie national, sozial wie technologisch – sind längst völlig anders geartet. Der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann hat einmal gesagt, wer nichts verändern will, läuft Gefahr, auch das zu verlieren, was er bewahren möchte. Ist es nicht tatsächlich so, dass der allzu sehr auf Traditionen verhaftete Blick die Sicht schon auf das Heute, auf jeden Fall jedoch auf das Morgen verstellt?

Gloire und Verdrängung

Auch Frankreich feiert national gern mit Pomp und Glorie. Und es hat in der Tat auch Grund dazu. Der 14. Juli mit dem Gedenken an die Erstürmung der Bastille in Paris als Auslöser einer Revolution, deren Schlagworte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ im Prinzip die Welt umgekrempelt haben und noch heute ohne Einschränkung Gültigkeit besitzen – dieser Tag verdient Würdigung weit über die französischen Grenzen hinaus. Leider aber berauschen sich sowohl das Volk als auch seine Eliten in einem Maße an ihrer „gloire“, das längst nicht bloß der weltpolitischen Bedeutung von La France widerspricht, sondern oft sogar der historischen Wahrheit. Frankreich hat im Ersten Weltkrieg (wie auch die anderen beteiligten Mächte) einen hohen Blutzoll entrichtet. Den Sieg aber hat es nicht allein errungen, sondern nur in der Allianz mit Großbritannien und (entscheidend) am Schluss mit den USA.
Diese beiden Mächte haben das besetzte Frankreich auch im Zweiten Weltkrieg wieder befreit. Und dennoch feiert sich „la grande nation“ noch immer als Siegermacht. Die Franzosen wurden in den 50-er Jahren militärisch in Vietnam geschlagen, sie mussten sich aus Algerien zurückziehen, verloren alle asiatischen und afrikanischen Kolonien. Wobei dieser Aufzählung noch etwas Entscheidendes hinzugefügt werden muss: Gerade die Kämpfe in den und um die Kolonien sind mit unglaublicher Grausamkeit, ja unter Anwendung aller nur denkbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt worden. Bis heute ist auf diesem Gebiet noch keinerlei Aufarbeitung betrieben worden. So wie es auch Jahrzehnte dauerte, bis sich Politik, Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit bereitfanden, einzugestehen und zu akzeptieren, wie groß die Zahl der Kollaborateure während der deutschen Besatzungszeit war. Es ist halt leicht, im Glanz von Gloria bei Traditionsfeiern Unangenehmes zu verdrängen.

Es geht auch ohne Tschingdarassabum

Wenn man sich dies alles vor Augen führt – müssen wir dann immer noch bedauern, an nationalen Gedenk- und Feiertagen nicht mit derart bunten Paraden, bunten Militäraufmärschen und Tschingdarassabum aufwarten zu können? Es gibt einen klugen Sinnspruch, für den viele Dichter und Denker Urheberrecht beanspruchen: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“. Was heißt das für Deutschland? Hier ist nach 1945 – zunächst nur im Westteil, seit 1990 im ganzen Land – eine Demokratie, ein Rechts- und Wohlfahrtsstaat, ein im internationalen Bereich wirkender Helfer entstanden, der sich nun wirklich sehen lassen kann und als solcher auch anerkannt wird. Dies als Tradition zu sehen und zu bewahren, sollte daher aller Ehren und Anstrengungen wert sein. Und noch etwas: In der Gedenkfeier des Deutschen Bundestages am Volkstrauertag prägte der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, einen Satz, den die Nation durchaus wie einen Ritterschlag empfinden könnte. Deutschland sei das einzige Land auf dieser Erde, das auch an Niederlagen und seine Schandtaten mit Denk- und Mahnmalen erinnere. Mit einem solchen Land trauere er gerne…
Gisbert Kuhn





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