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Totschlagbegriffe – leichter als Denken

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Autor Gisbert Kuhn

„Lügenpresse“ also lautet das „Unwort des Jahres 2014“. Wahrhaftig keine schlechte Wahl. Allerdings haben es die lauten Krakeeler unter den Dresdener PEGIDA-Demonstranten der sprachkritischen „Aktion Unwort des Jahres“ (drei Sprachwissenschaftler, eine -wissenschaftlerin und ein Redakteur der „Frankfurter Rundschau“) auch leicht gemacht, sich für dieses besondere Negativwort zu entscheiden. Mit dem Begriff „Lügenpresse“, so die fünf Darmstädter Sprachwächter in ihrer Begründung, würden „pauschal die Medien diffamiert“. Damit liegt die Jury, mit Blick auf die islamfeindlichen Manifestationen in Sachsen zweifellos richtig. Nichts anderes als eine pauschale Beschimpfung von Zeitungen, Fernsehen, Rundfunk und online-Diensten im Lande ist schließlich gemeint.

Nicht sonderlich originell

Dabei ist, bei Lichte betrachtet, das Wutwort der selbst ernannten europäischen Patrioten gegen die angebliche Islamisierung Deutschlands nicht einmal originell. Und mithin auch die anschließende Erhebung in den negativen rhetorischen „Adelsstand“ nicht. Denn „Lügenpresse“ ist keineswegs, wie in vielen Berichten behauptet, eine Erfindung der Nazis. Hätten die das seinerzeit auf ihre – tatsächlich gleich geschalteten – Medien bezogen, wäre es ja sogar richtig gewesen. Taten sie logischerweise aber nicht. Im 1. Weltkrieg gehörte der Begriff zum Propaganda-Repertoire aller am Völkergemetzel beteiligten Mächte, während der Weimarer Republik war er im Parteienkampf Jeder gegen Jeden ebenfalls eine gängige Waffe. Im gespaltenen Deutschland setzten die DDR-Machthaber – nicht sonderlich fantasievoll – einfach das Beiwort „kapitalistisch“ davor, die Außerparlamentarische Opposition (APO) der so genannten 68-er brandmarkte mit „Lügenpresse“ alle medialen Kritiker (in Sonderheit die Zeitungen des Springer-Verlags). Und wer nun etwa glaubt, die PEGIDA-Organisatoren und ihre kreischenden Mitläufer hätten den Begriff aus der sprachlichen Versenkung geholt, irrt wiederum. Die vor allem in Berlin außerordentlich aktive russische Propaganda-Maschine namens „Russia today“ war viel schneller.
„Lügenpresse“ ist ein Totschlagbegriff. Wie alle diese Wortschöpfungen soll er zweierlei bewirken: Er sichert den Benutzern in der Regel tosenden Beifall, denn er erspart den Anhängern das eigene Nachdenken. Weitere Beispiele gefällig? Bitte sehr: „Volksverräter“, „Überfremdung“, „Asylindustrie“. Alle sind, ohne Zweifel, dumm und falsch. Wobei das Letzte immerhin für sich in Anspruch nehmen kann, auf dem Markt der polit-rhetorischen Geschmacklosigkeiten neu zu sein. Vor allem aber verhindern diese Kampfbegriffe durch ihren beleidigenden und diffamierenden Charakter jede Art von Bemühung, Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen über Vorgänge und Entwicklungen in der Politik, im Land, in der Gesellschaft in einen Dialog zu bringen, um Sorgen, Ängste oder auch Ärger auf deren unter Umständen ja durchaus vorhandene Berechtigung hin abzuklopfen und vielleicht gemeinsam auf Abhilfe zu sinnen. Das wäre dann ja angewandte Demokratie.

Skandalös und traurig

Natürlich ist die These von der angeblichen deutschen „Lügenpresse“ absurd. Ganz abgesehen von der verfassungsrechtlich garantierten Pressefreiheit hat es hierzulande noch nie eine solche Medien- und Meinungsvielfalt gegeben. Genau um eine solche ebenfalls zu bekommen, sind doch vor einem Vierteljahrhundert die Hunderttausenden in der DDR gegen das SED-Regime auf die Straßen gegangen! Dass jetzt ausgerechnet in Dresden diese Schmähung erfolgt, ist deshalb nicht bloß ein Skandal, sondern – darüber hinaus – auch noch sehr traurig. Gleiches gilt, übrigens, genauso für die Tatsache, dass die Organisatoren von PEGIDA stolz und unter lautem Beifall die eigentlich doch beschämend geringe Wahlbeteiligung in Ostdeutschland rühmen. Auch hier sei noch einmal an die Losungen und Forderungen der Menschen 1989 erinnert…
Dennoch könnte die pauschale Presse-Beschimpfung vielleicht auch etwas Positives bewirken. Nämlich ein intensives Nachdenken und Diskutieren in den Redaktionen und Verlagen, ob denn und inwieweit die ja mit großen rechtlichen Privilegien ausgestatten Medien bei der Berichterstattung tatsächlich auch ihrer Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit nachkommen: Größtmögliche Genauigkeit und damit Wahrhaftigkeit, Anhören und Wiedergeben unterschiedlicher Denkrichtungen, bestmögliche Recherche und unabhängige Bewertung, Ausleuchten von Hintergründen und Ursachen, Vorrrang geben dem gewiss sehr viel mühseligeren eigenständigen Beschaffen von Informationen vor oft kaum überprüfbaren Darstellungen im Internet – um nur einige Punkte zu nennen.

Der Fall Wulff

Und da gibt es nichts zu beschönigen – hier liegt auf dem Pressesektor einiges im Argen. Geradezu beispielhaft dafür ist der „Fall“ Christian Wulff. Dass sich der seinerzeitige Bundespräsident sowohl hinsichtlich der Finanzierung seines Privathauses als auch – mehr noch sogar – mit seinen telefonischen Drohungen gegenüber dem „Bild“-Chefredakteur bescheuert verhalten hatte, bleibt auch heute noch unbestreitbar. Unentschuldbar indessen bleibt auch die regelrechte mediale Hetzjagd auf ihn und seine damalige Ehefrau mit Anschuldigungen, ja mitunter bloßen Gerüchten. Ob gedruckte, elektronische oder digitale Medien – die Redaktionen (schändlich unterstützt übrigens von den niedersächsischen Ermittlungsbehörden) überschlugen sich geradezu im Wettlauf, dem Mann den Blattschuss zu versetzen. Was blieb am Ende von dem Wust an Anklagen übrig? Nichts, gar nichts! Hat irgendeiner der daran Beteiligten deswegen um Entschuldigung gebeten? Nein.
Es läuft, keine Frage, vieles nicht richtig auf dem deutschen Medienmarkt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Das beginnt damit, dass die Zeitungsverlage im Zuge des Internet-Aufkommens in eine schwere, nicht wenige sogar in eine existentielle Krise geraten sind, weil die Anzeigen wegbrachen. Die Folge: Massive Personaleinsparungen auch (und gerade) in den Redaktionen. Wiederum davon die Folge: Eigene Recherchen sind in vielen Zeitungsstuben aus Zeit- und Personalgründen praktisch nicht mehr möglich. Also kauft man, möglichst billig, fertige Produkte (oft genug sogar ganze Seiten) bei Agenturen ein. Dadurch begegnet dem Leser bundesweit sehr oft diesselbe Geschichte. Oder das mit einer Story befasste Redaktionsmitglied geht schnell ins Internet, lädt die gewünschten Infos herunter, vermengt sie in einem sprachlich gefälligen Text und setzt sein Autorenzeichen davor. Kontrolle auf Richtigkeit? Null! Auf welcher Vertrauensbasis soll sich da der Leser (also der so gern zitierte „mündige Bürger“) eine eigene Meinung bilden?

Von digitalen Teufeln gehetzt

Ein anderes Beispiel. Jeder hat wahrscheinlich in den Nachrichtensendungen die Bilder gesehen, wenn bei Pressekonferenzen die Journalisten mit Tablets auf den Knien sitzen und bereits während der Veranstaltung ihre Texte eingeben. Und zwar gleichgültig, ob es sich um ein wirklich wichtiges oder um ein zweit- bis drittklassiges Thema handelt. Dabei hat Journalismus an sich doch mit Nachdenken zu tun, um die Informationen zu ordnen und dann zu bewerten. Weit gefehlt im digitalen Zeitalter. Längst sind viele Berichterstatter nämlich doppelt gehetzt: erst die Geschichte für die online-Ausgabe, und danach auch noch für das Printprodukt. Und hier, beim Wettrennen in die online-Seiten, geht es um Sekunden. Erster zu sein, ist allein wichtig. Der Inhalt, Sprachgenauigkeit, grammatikalische Exaktheit etwa bei der indirekten Rede oder der Verwendung des Konjunktivs – das alles ist wurscht, wenn hinter den Schreibern der digitale Zeitteufel sitzt. Das ist nicht mehr sorgfältiger Journalismus. Hier werden forumsdeutsche Tastenbrigaden heran gezüchtet.
Freilich wäre es viel zu einfach und daher auch falsch, die Verantwortung für diese Entwicklung allein den Medien und den dort Schaffenden zuzuweisen. In den vergangenen rund 30 Jahren hat sich durch das Internet und das damit einher gehende technische Equipment natürlich der Medienkonsum der Menschen (vor allem der jungen) drastisch geändert. Man braucht doch nur einmal mit offenen Augen durch die Straßen zu gehen oder die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen – deutlich in der Minderheit sind diejenigen, die nicht ein Smartphone malträtieren. Auf das Thema bezogen, zeigt das: Die gewünschte Information (gleichgültig, ob trivial oder bedeutsam) muss schnell, am besten sofort her. Sonst ist der Nutzer blitzgeschwind beim nächsten Anbieter.

Wie kommt man da raus?

Hier schließt sich der Kreis. Im Grunde brauchte man den „Lügenpresse“-Brüllern gar nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die Beschuldigung ist dumm, primitiv, unanständig. Aber dass die Medien in bis dato nicht gekannten Schwierigkeiten stecken, ist nicht zu leugnen. Es ist, klar, eine strukturelle Krise, zumindest bei den Zeitungen. Sie wurde (und wird) jedoch auch befördert durch den geänderten Medienkonsum der Bürger. Es mag ja wahr sein, dass von Seiten der Politik oder der Wirtschaft komplizierte Zusammenhänge noch immer zu wenig erklärt werden. Aber der Gesellschaft, den Bürgern also, muss umgekehrt halt auch abverlangt werden dürfen, sich selber umfassend zu informieren. Genügend Angebote gibt es ja nun wirklich. Vielleicht sogar zu viele.
Gisbert Kuhn




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