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Spaßbremse Gutmensch

Vor einigen Tagen las ich folgenden Dialog bei Facebook:

Paul Pawlowski
©sepp spiegl

A: Ich habe eine Einladung zum Dinner. Von meinem Zahnarzt, meinem Verlag und meinem Chef.
    Er und Ich….. –  wer von denen…?
B: Will auch mit…!
A: Was ist das denn für eine Ansage?
B: Ist mir doch egal wer das Dinner bezahlt und mit mir am Tisch sitzt!
A: Mir ist es nicht egal, wessen Einladung ich annehme.
B: Du Gutmensch, wenn Du so ein Geschisse drum machst, dann entgeht Dir ein geiler Abend.

Ob der Begriff Gutmensch nun Nietzsche zugeschrieben werden kann, oder man doch der Gesellschaft für deutsche Sprache eher glaubt, das dem englischsprachigen Forbes Magazine aus dem Jahr 1985 die Erstverwendung zusprach, in der Franz Steinkühler (damals zweiter Vorsitzender der IG Metall) so bezeichnet wurde, seimal dahin gestellt. Selbst der Deutsche Journalisten Verband hat sich um eine Vita des „Gutmenschen“ bemüht. Hier wird ein Ursprung im Nationalsozialismus hergeleitet. Seit dem Jahr 2000 ist er jedenfalls im Duden zu finden, und 2011 hat es der „Gutmensch“ sogar auf Platz zwei für das Unwort des Jahres geschafft.

Ist nun ein Gutmensch jemand, wie im einleitenden Dialog angeführt, der sich eine Chance entgehen lässt, etwas abzugreifen, weil er sich Wertung, Moral erlaubt? Ich weiß, in unserer weichgespülten Konsensgesellschaft trifft man hier auf eine mehrschichtige Problematik. Die Phobie vor Wertung wird in einer anderen Denkrichtung ebenso dem „Gutmensch“ zugeschrieben. Hier wird ihm eine Art Feigheit unterstellt. Immer auf der Suche nach Political Correctness. Der Duden erklärt es in dieser Weise.

Die Jury für das Unwort des Jahres hat folgendes formuliert:
 „Mit dem Ausdruck Gutmensch wird insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren. Ähnlich wie der meist ebenfalls in diffamierender Absicht gebrauchte Ausdruck Wutbürger widerspricht der abwertend verwendete Ausdruck Gutmensch Grundprinzipien der Demokratie, zu denen die notwendige Orientierung politischen Handelns an ethischen Prinzipien und das Ideal der Aushandlung gemeinsamer gesellschaftlicher Wertorientierungen in rationaler Diskussion gehören. Der Ausdruck wird zwar schon seit 20 Jahren in der hier gerügten Weise benutzt. Im Jahr 2011 ist er aber in unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Kontexten einflussreich geworden und hat somit sein Diffamierungspotential als Kampfbegriff gegen Andersdenkende verstärkt entfaltet.“

 Moderne Hellseher

Ist der „Gutmensch“ nun der dumme, naive Zeitgenosse oder der Rebell? Ich selbst bin natürlich ein Kind meiner Zeit. Die Nähe einer Definition in Richtung „Ökoterroristen“, die mit stinkendem Uralt-Diesel zur Brokdorf-Demo fuhren, will ich nicht abstreiten. Also zu denen, die Moral und Ethik einforderten, nur die Reflektion eigenen Handelns teilweise vergaßen. So berechtigt durchaus manche Anliegen waren und sind. Die Suppe des Atommülls kocht gerade wieder hoch. Auf der Suche nach der heute für mich gültigen Interpretation gefällt mir ein Halbsatz der Jury zum Unwort des Jahres am besten. Auch ich sehe den Widerspruch zu Grundprinzipien der Demokratie. Auffällig ist in allen Fällen, dass „Gutmensch“ immer dann besonders negativ besetzt ist, wenn es politischen und/oder ökonomischen Mainstream-Interessen entgegensteht. Eine weitere Übereinstimmung ist, diese „Gutmenschen“ (egal welcher Couleur) haben Rahmenbedingungen eingefordert, deren Nichtsetzung durch die Politik zu vermeidbaren gesellschaftlichen Problematiken führten. Ob wir hier das Thema Kernenergie, Ökologie oder Hartz IV anführen, in allen Fällen musste nachgebessert werden.Ökonomische und politische Rahmenbedingungen einer Gesellschaft fallen nicht vom Himmel, sie werden gemacht.

Wenn „Gutmenschen“ und „Weltverbesserer“ nun den Mainstream stören, wer macht ihn denn? Die „Schlechtmenschen“ und „Weltverschlechterer“? Wäre doch nur die logische Konsequenz. Oft begegnet einem in einer solchen Diskussion der Hinweis, man möge doch Realist sein. Wobei sich dann die berühmte Katze in den Schwanz beisst. Die politische und ökonomische Realität ist kein Schicksal. 

Deutungshoheit will erobert werden

Woher kommt nun diese „Gutmenschenphobie“ die auch der Medienphilosoph Norbert Bolz in einer Podiumsdiskussion formulierte? Er sagte:“ An Gutmenschen stört mich nichts, solange das privat bleibt.“ Die Maßstäbe unterscheiden sich. Oder einfach nur die Angst, diese Spezies könnte an dem bequemen Weltbild rütteln und uns drastisch vor Augen halten, dass es außer Spaß nichts macht, immer das neueste Smartphone, den aktuellen SUV, den billigsten Strom zu konsumieren. Die Zusammenhänge seien zu komplex und nicht mit einfachen Antworten zu erklären, wird fast immer als Argument für „nichts ändern“ angeführt. Diese Entwicklungsbremser, Bedenkenträger und selbst ernannten Machbarkeitsfanatiker schaffen eine unbewegliche Realität. 

 Nach der Nuklearkatastrophe in Japan wurden über Nacht fast alle Atomkraftwerke abgeschaltet, und sie sind bis auf wenige Ausnahmen auch heute nicht am Netz. Die Lichter sind nicht ausgegangen. Langsam zeigt sich in der deutschen Energiewende, der Bestandsschutz für die Energieoligarchen durch Überlandleitungen und Offshoreanlagen wird durch hohe Kosten und Widerstände in der Bevölkerung ad absurdum geführt. Dieser Wegfall eines Geschäftsmodells veranlasst die Energiewirtschaft zum Beispiel, auf die „Gutmenschen-Idee“ Bürgerernergie-Genossenschaften aufzuspringen. Die RWE initiierte gerade eine solche Genossenschaft in Dortmund. Hier könnte eine Idee, die sich immer mehr auch in politischen Gremien durchsetzt, die eigene Macht gefährden. Also geht man den Weg, diesen Trend zu integrieren. Wenn das der Weg ist, wenn „Gutmenschen“ Realitäten schaffen, dann ist dieser manchmal langwierig, aber nicht ohne Erfolg.

Viele kleine Entscheidungen für das Leben und das Zusammenleben ergeben ein Ganzes und manchmal auch eine weltumspannende Umwälzung. Peter Maffay wurde einmal gefragt, ob seine Initiative „Schutzräume für Kinder“ nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sei. Er sagte:“ Ja. Aber was ist die Alternative? Nichts tun?“ Wenn „Gutmenschen“ sich diesem Defätismus des Verharrens entgegenstellen, dann wünschen wir uns irgendwann nicht mehr „viel Spaß noch“, sondern „Freude am Leben“.

Paul Pawlowski

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