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„Social Freezing“ – Träume auf Eis

Was hat es hier für Wellen geschlagen, als durch die Ticker rauschte, Facebook und Apple wollen das Einfrieren von Eizellen ihren Mitarbeiterinnen bezahlen. Da jubelten die einen, dass endlich auch Frauen selbstbestimmt eine Karriere machen können und dann erst die Kinder kriegen…  Die anderen schrien „Werkzeug der Ausbeutung“.

Dazu muss man wissen, diese Firmen zahlen auch Betriebskindergärten und zu einem Teil die ärztliche Betreuung schwangerer Mitarbeiterinnen. Bei Facebook gibt es vier Monate bezahlte Elternzeit für Vater UND Mutter, dazu 4000 Dollar Kindergeld. Bei Apple bekommen Mütter 18 Wochen bezahlte Startzeit für den Nachwuchs. Apple hat zudem, so berichtet das Magazin Fortune, ein sogenanntes Wellness Center eingerichtet, das am Hauptsitz in Cupertino zu finden ist. Dort seien sieben Ärzte sowie Chiropraktiker, Physiotherapeuten und Ernährungsberater beschäftigt, die Angestellte medizinisch unentgeltlich beraten.

Tupperparty für gefrorene Eier

In den USA sind die Firmen völlig anders aufgestellt, wenn es um Vereinbarkeit von Arbeit und Familie geht. Geschuldet der Business-Strategie, gehört dieses auch zur Hire-and-Fire-Mentalität. Die geforderte Identifizierung mit der Firma wird wesentlich progressiver unterstützt. „egg-freezing parties“ sind in New York unter den karrierebewussten Frauen ein gesellschaftlich anerkanntes Ereignis. Hier tauscht man sich bei einem Glas Sekt über Vor- und Nachteile dieser medizinischen Methode aus.

Hier zulande ist es tabuisiert. Offen darüber reden, das wagt kaum eine Frau. Der Hamburger Spezialist für Kinderwunsch und Gynäkologische Endokrinologie Prof. Dr. med. Frank Nawroth erklärte in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk, zu ihm kämen nicht die Karrierefrauen. Seine hauptsächlichen Kundinnen seien Frauen, die ihren Kinderwunsch in Ermangelung eines Partners in die Zukunft verlagern wollen. Kundinnen sind die Frauen deshalb, weil es eine private medizinische Leistung ist, die da „eingekauft“ wird.

Wie das genau funktioniert, wird in diesem Video kurz dargestellt:

Das Ganze ist mit Risiken verbunden. Die notwendige Hormonbehandlung zur Eizellreifung führt nicht selten zum sogenannten ovariellen Überstimulationssydnrom (OHSS).  Hier vergrößern sich die Eierstöcke. Es sammelt sich Flüssigkeit im Bauchraum. Die Folgen sind Schmerzen, Übelkeit, Kurzatmigkeit. Eine sehr seltene Komplikation ist ein Gefäßverschluss. Dieser kann schlimmstenfalls tödlich enden. Bei der Eizellentnahme ist eine Verletzung des umliegenden Gewebes nicht ausgeschlossen, und es kann zu Blutungen kommen.

Ab dem 35. Lebensjahr wird die Gewinnung einer ausreichenden Menge Eizellen schwieriger. Mehrere Behandlungszyklen – mitsamt den einhergehenden Risiken und Kosten – sind notwendig, um eine annähernd sinnvolle Anzahl von Eizellen zu „gewinnen“.

Eine Erfolgsquote von acht bis zehn Prozent, die auch noch mit zunehmendem Alter (für Entnahme und Einpflanzung) bis auf drei Prozentchen als Gesamtergebnis sinken kann, ist ein doch recht brachialer Eingriff in die Abläufe, die die Natur für die weibliche Fruchtbarkeit vorsieht. Die Risiken in einer Schwangerschaft jenseits der Vierzig kommen noch dazu.

Selbstbestimmt ins Risiko

Nach den Erkenntnissen von Prof. Nawroth laufen die Genderverfechter aber ganz schön an die Wand. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern war schon immer etwas ambivalent. Aber heute gibt es für Mann und Frau die Pille davor, damit er kann und sie nicht. Jetzt die Pille danach; wohl demnächst auch noch im Drogeriemarkt als Angebotsartikel. Spermien einfrieren ist seit langer Zeit gängige Praxis. Dieses, bis hin zu der Idee, dass eine Frau sich nach dem Ableben des Mannes mit dessen Eizellen befruchten lassen kann. Sozusagen einen postmortalen Akt vollzieht. Die israelische Organisation „mishpacha chadasha“ (Neue Familie) arbeitet an der Umsetzung des Anspruchs, allen Menschen zu einem Recht auf eine eigene Familie zu verhelfen. Eine Familie, die schon vor dem Eintritt des Kindes ins Leben, schon eigentlich keine mehr ist – im Gegenteil, diese Restfamilie kann sogar sehr traumatisiert sein. Ich will bewusst an dieser Stelle keine Beispiele einer solchen Traumatisierung anführen.

Selbstbestimmtheit als Terminus für Gedankenkonstrukte, die angeblich Karriere und danach vielleicht irgendwann Nachwuchs oder gar Familie als „Lebensplan“ postulieren, werden mit den wirklichen Gedanken der Frauen ad absurdum geführt. Was veranlasst eine Frau Mitte dreißig dazu, sich mit dem Thema des Einfrierens von Eizellen zu beschäftigen?  Nicht weil es der Karriere schadet, das ist nur eine Folge. Hier stellen wir wieder alles auf den Kopf. Sondern weil wir eine Gesellschaft geschaffen haben, in dem der ökonomische Nutzen des Menschen als Ware und Marktbestandteil anerkannt ist. Die biologische Uhr tickt obendrein. Und das ist gut so. Jetzt wollen wir den natürlichen Ablauf der Spezies Mensch an den Produktionsprozess anpassen. Jetzt kann man anführen, dass die Evolution mit der ökonomischen Entwicklung nicht Schritt hält. Welche Schlüsse ziehen wir daraus, ist doch die Frage. Die Systeme, die heute krank, arm, ausgegrenzt und wertlos machen, sind allesamt nicht vom Himmel gefallen.

Die Seele ist schon Mama

Eine Frau in den Vierzigern wird sich dieser Prozedur nicht unterziehen, um „selbstbestimmt“ irgendwann endlich einen akzeptablen Partner zu finden oder nach dem Aufstieg in den Vorstand oder als „Partner“ in der Kanzlei dann kürzer treten zu können. Sie macht es, weil sie eine Sehnsucht hat, Mutter zu sein. Die Risken sind gerade den gut gebildeten Frauen sehr wohl bekannt. Der ideologische Überbau, den wir uns gesellschaftlich aus der Not einer ökonomisierten Gesellschaft geschaffen haben, ist ein weiterer Auswuchs dieser Entwicklung.

In der Seele sind diese Frauen schon lange Mutter, haben den Traum nur auf Eis gelegt. Ob er in Erfüllung geht, das steht aus vielfachen Gründen in den Sternen.

Eine 30-jährige Akademikerin aus Hamburg mit zwei Kindern sagte mir, sie habe das Glück, einen Partner und eine Familie zu haben, die ihr das Muttersein ermöglichten. Sie arbeitet oft Zuhause in ihrem Homeoffice und bei Reisen sind der Vater und die Großeltern da. Sie wollte ihren Kindern keine alten Eltern präsentieren, die mit dem Rollator zur Abifeier kommen und die Großeltern nur als dementen Pflegefall kennen.

Meine Frage an die „Aktivisten der Selbstbestimmung“ ist, warum sie den Kindern eine Kindheit und die Großeltern stehlen. Wieso nicht die Wurzel angefasst wird und ganz vehement gegen eine solche Ideologie der Verhinderung von Mutter- und auch Vaterschaft laut protestiert wird.

Paul Pawlowksi/pp

P.S.: An alle, die jetzt geneigt sind loszuprusten: „Klar, ein Mann hat das geschrieben. Der hat doch keine Ahnung!“ Fragen sie einfach mal eine Frau in den Vierzigern, ob sie bei guten gesellschaftlichen Umständen ihr erstes Kind jetzt bekommen hätte…… Ich habe mir an einer Grundschule in Meckenheim bei Bonn die Mühe gemacht.

 


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