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Senioren sind starke Wähler

Viele Köpfe – wenig Inhalt

Autor Dieter Buchholtz

Geschafft! Wir Ab-60-Jährigen sind in Deutschland die größte Wählergruppe! Das hat es bisher noch nicht gegeben. Überholt haben wir mit unserem 36,1 Prozent-Anteil die 40- bis 59-Jährigen. Sie landen mit 34,7 Prozent auf Platz zwei. Damit haben wir eine wirklich starke Stimme. Die sollte man nutzen. Schließlich sind wir – trotz höherem Alter – überhaupt nicht wahlmüde. Bei der vergangenen Bundestagswahl (2013) gingen die unter 40-Jährigen „nur“ zu 64,3 Prozent zur Wahl, die ab 60-Jährigen immerhin zu 76,3 Prozent. Sie verstärkten damit erheblich den möglichen Stimmendruck. Vermutlich wird das auch bei der kommenden Bundestagswahl am 24. September der Fall sein.

Und was machen wir daraus? Setzen wir berechtigte Belange der Senioren als Themen bei den Parteien und ihren Politikern angemessen um? Oder was bieten uns die Parteien an altersorientierten Programmen, Konzeptionen und Visionen an? Fangen wir einfach bei den parteipolitischen „Landmarken“ an, die jetzt entlang unendlich vieler Straßenkilometer in Deutschland gesetzt werden. Hier finde ich, wenn ich so durch bundesrepublikanische Dörfer und Städte fahre, viele Köpfe, wenig Inhalt.

Etwas mehr Botschaften kommen dann an Kreuzungen oder größeren Rasenflächen auf überdimensionierten Plakatwänden rüber. Dort spielen sich Szenen aus dem deutschen Alltag ab. Hier spielen Kinder, da wird geforscht, es wird gearbeitet (weniger malocht) – und natürlich tragen bekannte Politikerinnen und Politiker immer wieder ihre Volksnähe mehr oder minder glaubhaft zur Schau. Ihre hauptsächliche Botschaft: Wir sind nahe beim Menschen, verstehen ihn, möchten am liebsten bei allen sein. Nur: Der Anteil älterer Menschen erscheint mir auf all diesen Plakatmotiven verschwindend gering zu sein. Also ein Signal für schwaches Interesse an unserer älter werdenden Gesellschaft?

Was steht hinter der Fessel?

Halt, stopp! Ein Plakat erregte vor einer roten Ampel dann doch meine Neugier. Entspannt liegt lächelnd ein Senior an einen Baum gelehnt. Er ist gefesselt – und nimmt das lächelnd hin. Im Hintergrund die Täter: Kinder, die Indianer spielen und ganz offensichtlich den Alten ausgeschaltet haben. Meine politische Seele droht ungehemmt hochzukochen. Diskriminierung des Alters? Kampf zwischen Jugend und Alter? Ausschalten der Belange der Seniorinnen und Senioren?

Es wird Gelb, ich erkenne auf dem Riesenposter die zwinkernde Botschaft, dass ja am Wahltag etwas wie das hier Gezeigte dazwischen kommen kann. Es ist Grün und und ich muss starten. Sonst schimpft hinter mir gleich wieder ein Jüngerer, der sich darüber aufregt, dass die Alten einfach für den modernen Verkehr zu langsam sind. Zu Hause entdecke ich bei YouTube, dass das Plakat auf die Möglichkeit der Briefwahl hinweisen will. Wenn ich denn schon online bin, könnte ich mal nachsehen, was denn die größeren Parteien als Programm für die kommende Bundestagswahl zum Thema Alter anbieten.

Programme mit vielen Allgemeinplätzen

Nun maße ich mir nicht an zu glauben in kürzester Zeit einen vollständigen und ausgewogenen Überblick über derlei parteipolitische Aussagen zu bekommen. Ich gehe einfach so ran, wie es sicherlich viele Bürger machen, wenn sie überhaupt mal in diese Ausführungen hineingucken. Also hangele ich mich durch sehr umfangreiche programmatische Aussagen auf irgendwas zwischen 70 und knapp 300 Seiten. Sie stehen von jeder Partei, die an der Bundestagswahl teilnimmt, als pdf zur Verfügung. Im ersten Schritt suche ich nach Stichworten wie Alter, Senioren usw. Werde ich da fündig, beginnt die Suche nach Stellen im pdf, wo ein paar Sätze zum Thema stehen.

Es sind überwiegend ziemlich allgemein festgestellte Erkenntnisse darüber, dass sich das Altenbild in der Gesellschaft geändert hat, dass die Alten nun länger leben, dass sie fit und mobiler sind…Und die Parteien möchten, dass die “Silberrücken” in Würde so weiter leben können. Hier und da gibt es Hinweise auf Renten oder auf die Notwenigkeit, dass die Alten in Quartieren mit Netzwerken leben, die ihnen gegenseitig Hilfe und Lebensqualität anbieten können. Schön kann ich da nur sagen. Inzwischen sind das aber eher schon gelebte Allgemeinplätze, die auch die Betroffenen selbst nicht mehr vom Hocker reißen.

Was dürfen die Senioren erwarten?

An keiner meiner Fundstellen habe ich zukunftsweisende und konkret tragfähige Konzepte erkennen können, die in Umfang und Qualität des Dargestellten die Wahl-Mächtigkeit der über 60-Jährigen widerspiegeln. Man könnte deshalb die Vermutung hegen, dass vielleicht bei den Parteien noch nicht so richtig angekommen ist, dass die Seniorinnen und Senioren deutlich mehr politische Wahrnehmung erwarten, die es ihnen erleichtert auch davon zu schwärmen, wie gerne sie in Deutschland leben. Wie immer, so gilt natürlich auch hier, dass wir Älteren offensichtlich nicht erwarten dürfen, dass die Politiker das freiwillig tun. Es gilt, ihnen gehörig auf die Finger zu sehen und kritisch herauszufiltern, was sie denn nun wirklich und innovativ für diese große demografische Gruppe tun müssen.

Für uns ältere Wähler heißt es, vielleicht doch noch mal in die Programme der Parteien reinzuschauen. Sie müssen sich einfach an dem messen lassen, was sie uns an Planungen – auch wenn es wirklich bescheiden erscheint – verraten, vielmehr natürlich aber auch dann, was sie verwirklichen wollen. Glaubwürdigkeit kann nicht nur für einen Wahltag hergestellt werden, um dann in den folgenden vier Jahren in Vergessenheit und Inaktivität zu versickern.

Unsicherheit für die politischen Macher

Wenn wir solche Vorgehensweisen vermuten, können wir uns in unserer Freiheit und bis kurz vor der Wahl einfach sehr schnell umentscheiden. Wir können aktiv und politisch entscheidend teilnehmen an Wählerwanderungen. Denn eine Partei-Vorliebe ist ja schon lange nicht mehr „vererbbar“. Das hält auch uns Ältere politisch beweglich. Es trägt dazu bei, dass Politik und deren Macher nicht sicher sein können.

Die Parteien müssen immer mit völlig unerwarteteten Wahlergebnissen rechnen. Für gedankliche Koalitionen ist es deshalb vor der Wahl viel zu früh. Denn knapp die Hälfte der Wahlberechtigten weiß jetzt noch nicht, wem sie am 24. September ihre Stimme geben. Hier steckt das Potenzial für politische Mitgestaltung. Eine noch schlummernde Chance – ganz besonders für Seniorinnen und Senioren.

Dieter Buchholtz




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