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Die Schere im Blick

Lernen über und mit Facebook

Wer kennt das nicht: Die Schere geht immer weiter auseinander. Zum Beispiel im Dialog der älteren mit der jüngeren Generation. Nehmen wir mal Facebook. Ich höre von den jungen Leuten, dass siefacebook-jugendliche sich zum Fußball über das soziale Medium verabreden. Sie wissen, was ihre Freunde im Ausland machen, wer gerade eine Prüfung hat, was eben so abgeht.

Ich vernehme dagegen von meinen älteren Gesprächspartnern, dass das mit Facebook, Twitter und Co. alles unsinniges Zeug sei. Dass das keiner braucht. Ja, und gefährlich sei es auch. Man höre und lese ja so einiges in den Medien. Da kommen dann im Stakato die Bilder von aus dem Ruder gelaufenen Partys, weil unübersehbar viele „Facebook-Freunde“ einfach ins Haus gekommen sind. Von den kompromittierenden Fotos, die junge Leute bedenkenlos ins Netz gestellt haben, gar nicht zu reden.

Ich habe irgendwann selbst meinen Facebook Account angelegt. Habe mir von jungen Leuten sagen lassen, wie es funktioniert. Habe gemerkt, dass ich schon deutlich mehr Zeit als meine jungen Berater brauchte, bis ich alles so leidlich verstand. Mit noch ein wenig jugendlicher Nachhilfe hat es  begonnen mir Spaß zu machen. Ich verstehe auf diesem Feld die junge Generation jetzt etwas besser. Meine emotionale Schere hat sich zusammen mit dem neuen Wissen etwas geschlossen.

Generationsscheren in den Kirchen

schere

Die Generationen-Schere

Zu Weihnachten und Neujahr waren und sind auch bei mir Kirchenbesuche mit Familie angesagt. Immer wieder fällt mir bei solchen Gelegenheiten auf: Mehrheitlich sind die Besucher der Dorfkirchen, Münster und Dome überwiegend ältere Leute. Wirklich keine neue Erkenntnis. Gibt es also auch hier eine Generationenschere? Es scheint so. Denn die katholische Kirche beispielsweise hat kürzlich weltweit eine Befragung der Gläubigen zu Familie, Partnerschaft und Sexualität gestartet.

Vor wenigen Tagen lagen nun die Ergebnisse der regionalen Umfrage im Erzbistum Köln auf dem Tisch. Nicht repräsentativ, aber doch sehr deutlich zeigt sich, dass insbesondere von jüngeren Leuten die Kirche zu den genannten Themen nicht als kompetenter Ansprechpartner wahrgenommen wird. Deren gelebte Wirklichkeit unterscheidet sich teilweise diametral von den eher dogmatischen Vorgaben der Amtskirche. Es sieht so aus, als ob Papst Franziskus alles daran setzt, solch dramatisches Auseinanderklaffen von Scheren zu bekämpfen.

Es wäre – so denke ich – manchmal schon ein großer Schritt, wenn die älteren Bürger mit ihrer großen Lebenserfahrung sich stärker bemühen würden, die eigenen Sichtweisen der jungen Generation mit einer auch für diese verständlichen Sprache zu vermitteln. Das Lutherjahr 2017 und die Themenjahre bis dahin könnten hierfür ein hervorragender Anlass sein. Denn es war ja bekanntlich ein großes Anliegen des Reformers, dass die Kirche dem Volk auf Maul schaut. Das hat an Aktualität nicht verloren.

Armutsschere bedroht den sozialen Frieden

Ein weiteres und drängendes Thema für Kirche und Politik ist das in allen Gesellschaften bestehende Spannungsverhältnis zwischen Arm und Reich. Gerade in den letzten Tagen haben die Sozialverbände erneut deutlich auf die Gefahr hingewiesen, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderdriftet. Hier glimmt ein Problem, das generationsübergreifend unseren sozialen Frieden bedroht. Jugend- und Altersarmut eben. Das aber wäre eine traurige Koalition von Verlierern in unserer Gesellschaft. Sie positiv aufzubrechen, muss eine große Aufgabe für die frisch an den Start gegangene Große Koalition sein.

Demgegenüber, das darf auch nicht vergessen werden, steht eine Jugend, die mehrheitlich positiv in die Zukunft blickt, die im Rahmen von zunehmend familiärer Bindung ihre Leistung erbringt. Ebenso gesellen sich die in vielerlei Beziehung aktiven jungen Alten hinzu, die ihre dritte Lebenshälfte mit der Ernte aus den Aufbauleistungen in einem Nachkriegsdeutschland heute gestalten können. Bei ihnen wiederum ist statistisch gesehen ein nie da gewesenes Barkapital vorhanden, das wiederum einer außergewöhnlichen und breit angelegten Erbengeneration zugute kommt.

Wer von uns Älteren hat es nicht schon mehrfach erlebt. Man wird vergesslich, etwas langsamer in der Umsetzung von Denk- und Handlungsprozessen. Junge Leute verstehen das oft nicht. Auch hier ist manchmal etwas mehr beidseitige Kommunikation angebracht, um die Schere zum gegenseitigen Verständnis etwas zu schließen.

Das kleine und das große Vergessen

Nicht zu verwechseln ist das kleine Vergessen mit dem großen krankhaften Vergessen. Wenn immer mehr Bausteine aus dem eigenen Gedächtnis herausgebrochen werden. Und die Zahl der in einer älter werdenden Gesellschaft von Demenz Betroffenen steigt rasant. Die Medien sind voll von Berichten über diese Krankheit. In Deutschland sind derzeit schon über 1,4 Millionen Menschen davon betroffen, weltweit fast 36 Millionen. Nun sind die meisten Betroffenen 85 Jahre und älter. Aber auch jüngere Menschen können diese Krankheit erleiden.

DEmenz

Demenzkranke brauchen eine besonders intensive Betreuung

Experten rechnen damit, dass sich in Deutschland die Zahl der Demenz-Erkrankungen bis 2050 verdoppeln wird. Leider muss man feststellen: Die Regierungen haben bisher wenig getan. Auch hier wird sich – so scheint es – die Schere zwischen einer dramatischen Wirklichkeit und politischem Handeln in absehbarer Zeit nicht schließen.

Und so könnte ich endlos weiter Scherenbewegungen sehen. Viele werden sich dadurch nicht wirklich schließen. Also fange ich bei mir selbst an.  Auch für 2014 habe ich gute Vorsätze: Weniger essen, mehr Sport machen, das Konsumverhalten etwas einschränken, an der Kommunikation feilen, damit auch in meiner kleinen Welt das eine oder andere Problem gelöst wird. Sich noch öfter mit jungen Leuten auseinandersetzen, die einfach einige Weihnachts- und andere Familienrituale in Frage stellen. Mal hinhören, was sie gerne mögen (nicht immer nur rumsitzen und essen).

Es gibt eben auch etliche private Scheren, die weit auseinanderklaffen. Der Vorsatz zur Veränderung ist für mich da – und war auch immer da. Nur meine gelebte Wirklichkeit wird auch in 2014 mehr Scheren nicht schließen können, als mir lieb ist. Da geht es mir im Kleinen genau so wie bei den genannten großen Themen. Meine Kritik an großen Scherenspreizungen schmilzt dann schnell wieder auf ein übersehbares Maß zusammen – realistisch eben. Ich freue mich deshalb – vielleicht etwas blauäugig und kritiklos – auf 2014.

Dieter Buchholtz

 


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