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Rentner zwischen Rausschmiss und Roboter

Millionenfache Diskriminierung von Senioren

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Ausstellung: Kunst des Alterns.
©Frauenmuseum

Mädchen stehen im Bonner Frauenmuseum vor einem weiblichen Halbakt. Ihr Kommentar: Altes Fleisch! Das ist ja ekelhaft. Richtig ist, dass die Dargestellte 53 Jahre alt ist. Sicher ist, dass sie nun nicht unbedingt die Idealfigur von beispielsweise der US-Schauspielerin Pamela Anderson (46) hat, die gerade für das französische Modemagazin „Purple“ wieder mal die Hüllen fallen lies. Diesmal mit dem Hinweis: „Ich hatte mit Nacktheit nie Probleme.“

Die in der Ausstellung gezeigte Verwaltungsangestellte betrachtet ihr „Outing“ als Befreiung. Die Mädchen im Teeny-Alter aber rennen aus dem Museum. Sie haben ohne weiteres Nachdenken einfach nur ihrem Gefühl Luft verschafft. Was bleibt bei der Fotografin, der die Frau am Start in die zweite Lebenshälfte Modell gestanden hat? Sie ist erschrocken darüber, wie die jungen Leute spontan mit ihren älteren Geschlechtsgenossinnen umgehen. Und das auch noch im Frauenmuseum! Es zeigt ganz offensichtlich, wie tief sich in der Gesellschaft verankerte und von jeher tradierte Altersbilder sogar in die jüngere Generation hineinziehen. Diskriminierung inkludiert.

Kostenloses Essen bis ans Ende der Tage

Szenenwechsel: Barbara (81) und Carl Becker (85) sitzen im us-amerikanischen Rixeyville, Virginia, bei McDonald`s und genießen ohne Hetze ihr Menü. Dem Manager dauert das zu lange. Er schmeißt das Paar raus. Der Imbiss-Konkurrent Shawn Moss von Smokehouse BBQ kontert diese Altersdiskriminierung: Der Weltkriegsveteran darf mit seiner Frau bis ans Ende seiner Tage bei Shawn Moss einmal in der Woche kostenlos essen. Und noch eins: Alle Senioren und Veteranen bekommen jeden Mittwoch Gratis-Kaffee. Ich meine: Eine besonders nette Geste der Altersinklusion. Man mag hier die Schulter zucken: Das sind doch nur exotische Beispiele aus dem Portfolio weltweiter Alten-Anekdoten und-Unverträglichkeiten zwischen den Generationen. Dem ist nicht so, denn Altersdiskriminierung ist gerade in modernen Industriegesellschaften tief verankert, wird vielfach gar nicht bewusst realisiert, ist aber ein Massenphänomen.

Widerstand gegenüber Übergriffen

Und in Deutschland? Immerhin wurde jeder fünfte Deutsche schon einmal wegen seines Alters benachteiligt. Nehmen wir eine weitere statistische Größe: über 33 Millionen Menschen in unserem Land sind über 50 Jahre alt. 20 Millionen davon sind Rentner. Das ist eine gesellschaftspolitische Größe mit demokratischem Machtpotential. Wenn diese Zielgruppen aber an den ästhetischen Rand (nicht wert für ein Akt-Foto) verdammt oder wegen Langsamkeit aus dem Lokal geschmissen werden, dann hilft es, wenn rund gut ein Drittel der betroffenen Bevölkerung rechtzeitig und entschieden Widerstand gegenüber altersmotivierten Übergriffen leistet.

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Leonhard Kuckart, Landesvorsitzender der Senioren-Union der CDU Nordrhein-Westfalen.

Medienwirksame Einzelereignisse sind es aber nicht alleine. Ins Millionenfache gehen ganze Komplexe von mangelnder Altersinklusion, von Diskriminierungen. Da genügt schon ein Blick auf die immer wieder hoch kochenden Forderungen nach obligatorischen Fahreignungstests für Ältere. Der Chef der NRW-Senioren-Union, Leonhard Kuckart, sieht in solchen Forderungen den Versuch, dass „ältere Menschen am Steuer quasi entmündigt“ werden. Er nennt weitere Aspekte, wie Steuerformulare nur übers Internet, Probleme für 70jährige, einen Bankkredit zu bekommen.

Der Wink mit dem Grundgesetz

Ähnlich sieht es bei privaten Zusatz-Krankenversicherungen, -Pflegeversicherungen und bei Auslandskrankenversicherungen aus. Ein Blick in den Stellenmarkt sensibilisiert weiter für die Problematik: Sehr häufig sucht man Verstärkung für ein junges und dynamisches Team. Und am Ende des Berufslebens gibt es den starren Rentenschnitt noch oben drauf. Wer übergangslos so aus dem Berufsleben katapultiert wird, der wäre manchmal für eine längere Grünphase bei den Fußgängerampeln beim Citywalking dankbar. Kuckart fordert als Konsequenz ein Diskriminierungsverbot im Grundgesetz. Die Zielrichtung dabei ist, dass Alter kein Unterscheidungsmerkmal bei der Beurteilung eines Menschen sein dürfe. Praktisch sieht er die Möglichkeit, Artikel 3 des Grundgesetzes entsprechend zu ergänzen. Denn eins ist klar: Altersdiskriminierung hat viele Gesichter.

Rentnerschwemme

OECD hält Rentner-Schwemme für bedrohlicher
als die Finanzkrise.

Wie gesagt, es geht hier nicht um altersbedingte Episoden. Es geht um ein weitreichendes europäisches Problem, das wie ein Tsunami auf uns zurollt. So hält die OECD die Rentner-Schwemme sogar für noch bedrohlicher als die Finanzkrise. In der aktuellen OECD-Studie „Gesellschaft auf einen Blick“ schneidet Deutschland katastrophal ab. Derzeit stehen drei Arbeitnehmer zwischen 20 und 64 Jahren einem Ruheständler gegenüber. 2050 werden es nach dieser Prognose nur 1,5 Erwerbstätige sein. Einzig durch Rücklagen in Aufschwungphasen könnten wir unsere Sozialpolitik krisenfest gestalten. Machen wir aber nicht. Denn die derzeitige Regierungskoalition hat bekanntlich ein Rentenpaket beschlossen, das zu deutlichen Erhöhungen der Ausgaben in den kommenden Jahren führt. Rücklagen schmelzen dann diskret aus dem Plus heraus.

Und dann hebt mich der Roboter auf…

Der Blick in diese nicht gerade rosige Zukunft endet mit der individuellen und gesellschaftlichen Frage, wie es mit der Pflege und den erforderlichen Pflegekräften aussieht. Da jaulen schon jetzt die Haushälter auf: Nicht bezahlbar. Wobei wir uns umgehend in Finanzkrisen-Szenarien wiederfinden. Da erscheint es schon wie eine Rettung, wenn Bielefelder Forscher eine „fürsorgliche Wohnung“ mit viel Technik kreieren. Der Neuroinformatiker von der Uni Bielefeld, Prof. Helge Ritter: „Unsere Forschung zielt auch darauf, älteren Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.“

Das Altersapartment der Zukunft wird nach diesem Bielefelder Modell  mit Sensoren,Kameras und Mikrofonen ausgestattet. Ein Roboter ist mit diesem System verbunden. Er erkennt, so die Zielrichtung, ob z.B. ein Mensch am Boden liegt. Er ruft dann automatisch nach Hilfe. Es gibt diese helfenden Roboter ja beispielsweise auch schon im militärischen Bereich. Sie tragen Verletzte aus gefährlichen Gebieten heraus.

Ängste möglicherweise von gestern

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Das japanische Forschungsinstitut Riken hat einen neuen humanoiden Roboter entwickelt, der in der Altenpflege eingesetzt werden soll.

Nun bin ich bestimmt kein Feind technischer Assistenzsysteme. Wenn ich mir aber vorstelle, dass mich zukünftig ein Roboter pflegt und mir mit sonorer Stimme Aufmunterungen unterbreitet, mich möglicherweise ungefragt aufhebt, obwohl ich mal meinen Rücken auf dem Boden liegend entspannen möchte, dann wächst in mir so ein gewisses Unbehagen. Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass ich bisher noch nicht von einer solchen Mensch-Maschine fürsorglich und unerbittlich zielgerichtet betreut worden bin. Ich spüre, wenn ich mich nach einer menschlich warmen Betreuung sehne, dass ich möglicherweise von gestern bin, weil ich mir heute ein solches Morgen nicht oder noch nicht vorstellen kann. Irgendwie beschleicht mich das ungute Gefühl, dass der Roboter die befürchtete Rentnerschwemme einfach systematisch beseitigen könnte. Na, ja….Vielleicht sehe ich das ja auch einfach viel zu schwarz…

Dieter Buchholtz

 




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