- Anzeige -

Rentner zwischen Beruf und Berufung

Kompetenz immer stärker im Vordergrund

Dieter-Farbe-72

Autor Dieter Buchholtz

Die europäische Welt sah vor 15.000 Jahren anders aus als heute. Sicherlich. Das ist keine wirklich neue Erkenntnis. Aber der Blick auf diese uralte Zeit lohnt sich. 50.000 Jäger und Sammler lebten damals mit ihren Familien in dieser Steppenlandschaft. Der Meeresspiegel lag rund 70 Meter tiefer als heute. Abrupte Klimaschwankungen machten den Menschen zu schaffen. Vor hundert Jahren wurde aus dieser Zeit bei Oberkassel das Doppelgrab einer 20- bis 25jährigen Frau und eines 40jährigen Mannes gefunden. Die beigelegten Funde von Kunstgegenständen verraten etwas über den Alltag der damaligen Menschen. Und ganz offensichtlich war es auch eine innovative Zeit mit ausgeprägtem Erfindergeist der Jäger und Sammler. So wurde beispielsweise damals die Nadel mit Öse erfunden – wegweisend für das Herstellen wetterfester Kleidung.
Fachleute sagen heute, dass das Leben der damaligen Europäer in der Eiszeit paradiesisch gewesen sein muss: Denn ihre Tagesarbeit war nach vier Stunden erledigt, dann hatten sie Freizeit. Na ja, mag man heute sagen. Vermutlich war das alles nicht wirklich so toll. Sicher galt der Mann aus Oberkassel mit seinen 45 Jahren damals schon als alt. Ein verheilter Bruch am Unterarm und eine Sehnenverletzung an der Schulter, eine akute Zahnwurzelentzündung und ein zahnloser Oberkiefer waren Insignien auch seines Alters. Irgendwie beschleicht mich dabei das Gefühl, dass solche defizitären Altersbilder Jahrtausende, teilweise bis in unsere Zeit, überlebt haben. Denn die Hinfälligkeit ist vielfach immer noch markantes Zeichen unseres tradierten Altersbildes. Wirklich? Verändert sich gar nichts?
Es hat den Anschein. Denn bisher gibt es kaum Studien zu den Wünschen älterer Menschen, insbesondere hinsichtlich ihrer beruflichen Orientierungen und Situationen. Hat bisher denn niemanden interessiert, was diese wichtige Gesellschaftsschicht denkt, wie sie handelt, was sie will? Offensichtlich nicht. Denn erst jetzt ist in diese Wahrnehmungs- und Erkenntnislücke die Studie „Mittendrin? Lebenspläne und Potenziale älterer Menschen beim Übergang in den Ruhestand“gestoßen. Angesichts der jahrelangen gesellschaftspolitischen Diskussion um den demographischen Wandel in unserem Land ist es höchste Zeit. Wissenschaftlich ist nun belegt, dass die Best Ager zwischen 55 und 70 Jahren deutlich von alterhergebrachten Altersbildern abweichen – insbesondere bei beruflichen Aspekten.

Das Geld diktiert nicht die Selbstbestimmung

Die jungen Alten von heute haben sich relativ schnell aus dem ihnen aufgedrückten stereotypen Defizitmodell befreit und leben – von der Politik immer noch ziemlich interessenlos begleitet – ihr neues Kompetenzmodell. Ein Knaller der Studienerkenntis ist, dass nur vier Prozent der Befragten ausschließlich finanzielle Gründe für eine Erwerbstätigkeit im Ruhestand anführen. Von den insgsamt 50 Prozent Erwerbstätigen im Alter zwischen 55 und 70 Jahren ist mehr als die Hälfte hauptsächlich aus nicht–ökonomischen Gründen aktiv. Sie wollen damit ihre geistige Fitness erhalten, suchen die Freude an der Arbeit und den Kontakt zu anderen Menschen. Schlussendlich sind dann 23 Prozent der Befragten im Ruhestand erwerbstätig.
Neben den beruflichen Aspekten spielt das Ehrenamt eine große Rolle. So möchten 71 Prozent der Befragten im Ruhestand noch etwas für die Gesellschaft leisten. Favoritisiert werden gleitende Übergänge. Der abrupte Sprung aus einem aktiven Berufsleben in das süße Nichtstun war gestern. Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung sind immer stärker angesagt. In seiner Rede anlässlich der Studien-Vorstellung betonte Bundesinnenminister Thomas de Maizère (CDU), dass die Ruheständler keine strikte Trennung zwischen Erwerbsleben und Ruhestand wollen. Das hat der Minister schön aus den Daten herausgelesen. Die arbeitspolitischen Rahmenbedingungen aber hinken dieser Entwicklung noch meilenweit hinterher. Das hat de Maizère nicht angesprochen. Wie ist es mit flexiblen Arbeitszeiten, mit veränderten Lebensarbeitszeiten, mit Arbeitszeitregelungen für Lebensältere? Wir brauchen dringend die Inklusion des Alters in unsere Gesellschaft. Die Studie belegt, dass 36 Prozent der Erwerbstätigen auch über die gesetzliche Grenze hinaus beruflich tätig sein wollen. Das ist ein vermutlich sogar wachsender Posten. Das darf man politisch nicht links liegen lassen. Wer aber wagt es, solche Entwicklungen beherzt anzupacken?

Raus aus dem Stigma unproduktiven Alterns

Was lernen wir nun aus diesem Befund? Im Sinne des vorher Gesagten fasst der Studienkoordinator Dr. Andreas Mergenthaler zusammen: „Die vielfältigen Lebenspläne und Potenziale der 55- bis 70-Jährigen erfordern stärkere individuelle Einflussmöglichkeiten und eine flexible Gestaltung institutioneller Regelungen sowie der betrieblichen und zivilgesellschaftlichen Strukturen. Die Politik und die Wirtschaft sollten daher bestehende Barrieren abbauen, welche die Verwirklichung von Tätigkeitsabsichten Älterer erschweren oder sogar verhindern.“ Dem Soziologen Mergenthaler ist darüber hinaus uneingeschränkt Recht zu geben, wenn er propagiert, dass im Rahmen des derzeitigen Bevölkerungswandels die Stigmatisierung eines unproduktiven Alterns unbedingt vermieden werden muss.
Und wie war das noch mit dem Fund von Oberkassel? Der „alte“ Mann lebte in einer scheinbar einfachen Welt mit viel Freizeit. Eine der damaligen Innovationen war die Nadel mit Öse. Heute aber müssen wir alle durch das Nadelör immer rasanterer Entwicklungen. Es ist insbesondere die digitale Revolution, die alle erfasst – auch die älteren Bürger. Durch gleitende Übergänge, durch berufliches Engagement und entsprechend notwendige Förderungen könnten sie den Anschluss an moderne Entwicklungen behalten. Als vollwertige Mitglieder auch der Arbeitswelt kommen sie besser mit Veränderungen und Neuerungen klar. Sie stellen in vielerlei Hinsicht ein Potenzial dar, das dem Einzelnen nützt, ebenso aber auch der gesamten Gesellschaft.
Älter werden ist kein schlagartiges Ereignis, sondern ein Prozess. Und laut Studie könne wir es eine bemerkens- und beachtenswerte politische Hausnummer nennen, wenn 84 Prozent der 55- bis 70-Jährigen mindestens einer Tätigkeit im Erwerbsleben, in der Zivilgesellschaft oder in der Familie nachgehen. Hier wird etwas bewegt, hier werden Leistungen erbracht, die einen Anspruch auf gesellschaftspolitische Unterstützung und ausgeprägte Akzeptanz haben.
Dieter Buchholtz

Mehr zur Studie hier




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden