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Prosit

 Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

„Prosit“! Wieviel millionenfach mag dieser Wunsch an der Jahreswende wohl gewechselt worden sein? Wie oft haben wir ihn selbst gegenüber Verwandten, Freunden und Bekannten benutzt? Eher routinemäßig, zumeist. Weil man das halt so macht und dann mit den Gläsern anstößt auf eine hoffentlich gute Zukunft. Auf die vor uns liegenden zwölf Monate, die Freundschaft, den Frieden (vom familiären bis zum allumfassenden in der Welt), auf die Gesundheit, die berufliche Karriere. Und dem einen oder der anderen fiel unter Umständen auch noch das Wetter ein. Schließlich wohnt dem „Prosit“ ja immerhin ein Sinn inne. Weh dem, der einst (lang ist´s her) im Lateinunterricht die grammatikalische Ableitung nicht gekonnt hat: 3. Person Singular, Konjunktiv Präsens aktiv von „prodesse“. Auf deutsch: von „nützlich“. Mithin bedeutet Prosit: „Es möge nützen“.

Wem oder was nützen?

Das ist denn doch schon mal eine gute Sache. Nämlich jemand anderem (dem Nachbar vielleicht) Erfolg zu wünschen etwa bei der Umsetzung bestimmter Vorhaben. Oder dem Unternehmer eine glückliche Hand in der Betriebsführung anempfehlen, damit Arbeitsplätze sicher und Menschen dauerhaft in Lohn und Brot bleiben. Oder (den immerhin von uns allen frei gewählten) Politikern auf allen Ebenen den notwendigen Mut, das Verantwortungsgefühl aber auch die notwendige Entschlossenheit nahezulegen, das Gemeinschaftswerk Staat und seine Bürger möglichst sicher und unbeschädigt durch alle Fährnisse zu steuern; mögen sie von innen oder außen drohen.

Wer sein „Prosit“ so allgemein formuliert, wird vermutlich auf wenig Widerspruch stoßen. Zudem weisen interessanterweise so gut wie alle Meinungsumfragen über ziemlich lange Zeitabstände aus, dass die überwiegende Mehrzahl der Deutschen mit sich, dem Land und den Lebensumständen im Großen und Ganzen zufrieden sind. Natürlich ist jedem vernünftigen Menschen klar, dass auch diese Gesellschaft in ihrer Breite weit von paradiesischen Zuständen entfernt ist. Aber dieser vernünftige Mensch weiß eben auch, dass es ein Paradies auf Erden niemals und nirgendwo geben wird. Wo und wann immer in der Geschichte Menschen mit speziellen Ideologien angetreten sind, ein solches zu schaffen, endete es in schrecklichen Katastrophen mit Millionen Toten. Denn: Wer die Macht hat und sich im Besitz der allein gültigen Wahrheit wähnt, wird anderes Denken oder gar Widerspruch nie dulden, sondern bis zur letzten Konsequenz bekämpfen. Alles schon dagewesen.

„Hier ist es zum Kotzen“

Weiß das wirklich jeder „vernünftige Mensch“. Zumindest in diesem Lande müsste man eigentlich davon ausgehen. Indessen, der Krieg mit seinen schrecklichen Verwüstungen und unsäglichen Opfern liegt weit zurück. Tatsächlich? Seitdem sind gerade einmal 7o Jahre vergangen. Überfordern sieben Jahrzehnte das Gedächtnis? Dasselbe gilt für Hunger, Massenarmut, Not. Wie Viele hierzulande beten vermutlich immer noch regelmäßig „Unser tägliches Brot gib uns heute“ – und gehören dennoch zum Heer jener, die gedankenlos Jahr für Jahr 16 Millionen Tonnen Lebensmittel wegwerfen? Keine Frage, es bestehen tatsächlich genügend Gründe und mannigfaltige Anlässe zum Nachdenken, Innehalten und gewiss nicht selten auch zum Korrigieren eigener Lebensmaximen.

Mit anderen Worten, wer mit offenen Ohren und wachen Augen die Abläufe und Vorgänge ringsum verfolgt, findet ausreichend Veranlassung, nach Verbesserungen zu suchen und Reformen anzustoßen. Das hat freilich nichts mit jenen ungezählten Eintragungen zu tun, die tagtäglich in den so genannten Sozialen Netzen die (an sich in jeder Gesellschaft notwendige) Kommunikationskultur vermüllen.  Es sind auch bei Weitem nicht mehr bloß die Polit- und Krawallultras von Links- und Rechtsaußen, die – verbal erkennbar wohlerzogen – dieses Land „nur noch zum Kotzen“ finden. Die Wertung, alles sei „grottenschlecht“, hat längst schon seinen Weg in erkennbar bildungsnähere“ Kreise gefunden.

„Alle Politiker sind korrupt“

Würde man sich diesen Weltbildern anschließen, wäre das Leben hierzulande wirklich nur noch zum Gruseln. Politiker? Alle korrupt, inkompetent, faul und Lügner! Unternehmer? Gierige Wirtschaftsmafiosi! Justiz? Blind! Sozialsysteme? Ungerecht! Dazu die Reichen zu reich und die Armen zu arm. Nur wir, die kleinen, die einfachen, die von „denen da oben“ täglich betrogenen und bis aufs Mark ausgebeuteten Leute, sind in diesem üblen Sumpf noch die rühmlichen Ausnahmen. Eigentlich zum Davonlaufen. Tatsächlich ist an diesem Gemotze ja nicht alles falsch. Wie soll denn, zum Beispiel, ein VW-Arbeiter seine – mit Absatzschwierigkeiten begründete -Kündigung akzeptieren, wenn Manager mit Riesen-Abfindungen bedacht werden, nachdem mit ihrem Wissen Produktionsdaten verfälscht worden waren? Womit lassen sich Millionen-Boni für Banker (merke: früher war der – zumeist persönlich haftende – „Bankier“ eine hoch geachtete Persönlichkeit) begründen, die zuvor das Unternehmen mit hoch riskanten „Deals“ praktisch in den Ruin gefahren hatten?

Andererseits – wo bleibt eigentlich der Aufschrei der diversesten Interessenverbände oder der Medien angesichts der Tatsache, dass der Chef einer mittelgroßen Sparkasse ein deutlich höheres Gehalt bezieht (auf das Wort „verdient“ wird hier bewusst verzichtet) als die Bundeskanzlerin? Und das, obwohl diese unter Umständen sogar über Leben und Tod (z. B. bei Militär- oder Antiterror-Einsätzen) entscheiden muss. Ok, nicht wenige Zeitgenossen haben hier immerhin eine Erklärung parat: “Merkel ist schließlich an Allem schuld”! (Vermutlich also auch an dem aktuellen Hochwasser im Rhein. Denn ohne die riesige Flüchtlingswelle…) Aber wer empört sich über das Geschäfts- und Gehaltsgebaren in der Fußball-Bundesliga? Wie bitte? Das seien Privatunternehmen? Na, dann sollen sie doch auch für die Kosten der Polizei-Einsätze aufkommen und sich ihre Stadien nicht von den Kommunen für teures Steuergeld abkaufen lassen…

Davonlaufen? Wohin denn?

Kehren wir noch einmal zurück zu dem Satz, die Zustände bei uns seien „zum Davonlaufen“. Der Auffassung kann man als freier Mensch in einem freien Land ja durchaus sein. Stellen wir deshalb die Frage: Wohin denn? Genauer: Welches Land oder welche Region in der Welt präsentiert sich in einem besseren Zustand als diese offensichtlich so miese und marode Bundesrepublik Deutschland? Wo sind Politiker am Werk, die den unsrigen als Vorbilder dienen könnten (und damit natürlich auch müssten)? Wo wird strenger auf die Menschrechte geachtet, und wo sonst genießen sogar Minderheiten mitunter mehr Schutz als Majoritäten? Vielleicht nach Großbritannien, in dem immerhin die „Mutter der Parlamente“ beheimatet ist? Der Drang aus Deutschland dorthin ist, nach dem EU-Austrittsbeschluss der Briten, gleich Null – eher ist es umgekehrt.

Auch Frankreich scheint die so der Heimat überdrüssigen Deutschen nicht recht anzuziehen. Amerika – einst Zentrum aller Sehnsüchte – hat momentan an Attraktivität offensichtlich selbst für jene facebook-Jubler verloren, die in Donald Trump ungebrochen den tollen Mann sehen, „der hält, was er versprochen hat“. Aber da wäre doch noch die wunderschöne Mittelmeerküste der südlichen Türkei… Ach so, ja – Erdogan. Auch nicht so das Wahre.

Bliebe nur die Innere Emigration…

Was also bleibt für die bedauernswerten Kritikaster? Das eigene Land empfinden sie als „zum Kotzen“. Zum Weglaufen mögen sie sich aber nicht entschließen – aus den oben dargelegten Gründen. Bliebe demnach wohl bloß noch die Innere Emigration, also der Rückzug in ein selbst gewähltes mentales Schneckenhaus. Aber dieser Weg ist ja ebenso verschlossen. Denn er würde ja den Verzicht auf das tägliche Mecker-Bombardement heißen. Und dies, wiederum, wäre halt dummerweise gleichbedeutend mit dem Rückfall in jene Namen- und Bedeutungslosigkeit, wie sie herrschte, bevor die digitalen Medien virtuelle (besser: gefühlte) Geltung verliehen.

Vor dem Hintergrund und in diesem Sinne: „Prosit“ für 2018 – es möge nützen.     

 

 




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