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Papa ante portas

Papst

Papst Franziskus auf dem Balkon des Petersdom

Als Jorge Mario Bergoglio durch das Konklave am 13. März 2013 zum neuen Papst gewählt wurde, erstaunte mich das. Dass er den Namen Franziskus wählte, allerdings nicht. Im Jahre 2005 soll er sogar in einem Wahlgang 40 Stimmen erhalten haben, aber damals siegte noch Josef Ratzinger. Von 115 Teilnehmern waren das immerhin glatte 46 Prozent. Von diesen Wahlbeteiligungen und Ergebnissen können andere Wahlgebilde nur träumen.

Ist es dem regionalen Proporz zu verdanken oder einer schon fast unbewussten Strömung, dass der Argentinier jetzt Oberhaupt der katholischen Kirche wurde? Sollte nun endlich auch ein lateinamerikanischer Papst in Rom residieren, der auch noch Ordensbruder ist? Die Zeichen der Zeit stehen auf Umbruch. Nicht nur in der katholischen Kirche. Als Franziskus mit weißer Soutane auf dem vatikanischen Balkon erschien, war das der Anfang einer Reihe von Wegzeichen, die sich von denen der Vorgänger unterschieden.

Der Linienflug mit der AlItalia zum Weltjugendtag und der Kleinwagen, der ihn dann in Rio vom Flughafen zu seiner selbstbezahlten Herberge brachte, zeigten einen Weg, der in der weiten Masse der Gläubigen begrüßt wurde. Ob sich diese Begeisterung freilich auch in der römischen Kurie verbreitete, ist nicht genau zu orten. Franziskus stellte den Volksaltar wieder in der Sixtinischen Kapelle auf, er benutzt den Linienbus, wohnt im Gästehaus und geht zu Fuß zur Arbeit.

AmtseinfŸuehrung

Bischof Tebartz-van Elst
© KNA

Gerade weil der Nachfolger Benedikts XVI so entschlossen zu sein scheint, neuem Geist und neuem Verhalten Eingang im Vatikan zu verschaffen, verfolgen im Moment tausende und abertausende Gläubige (und zwar keineswegs allein in Deutschland) mit Spannung, wie Franziskus die Affäre um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst behandeln wird.

Ob es nun ein Rausschmiss erster Klasse wird, oder eine goldene Brücke zum eigenen Abgang, wird sich zeigen. Franziskus ist geübt in geschickter Vorgehensweise. Südamerika mit seinen Militärdiktaturen war eine gute Schule. Er weiß wie Macht funktioniert und Seilschaften zu händeln sind.

Einige halten an dem Bischof fest, in Rom und hierzulande.  Das „Forum Deutscher Katholiken“, beispielsweise,  hat für den Limburger (Noch)Bischof, als Zeichen der Solidarität, eine Unterschriftenaktion initiiert.  Ein Sprecher erklärte im Deutschlandfunk, dass es vor einer strafrechtlichen Verurteilung keinen Anlass für einen Rücktritt gäbe. Dieses erzkonservative Forum pfeift also auf Moral und Ethik, verschanzt sich hinter juristischen Winkelzügen. Bei dieser Haltung wundert mich eine Kirchenverdrossenheit ebenso wenig, wie die in der Politik.

Jetzt flog der Limburger Bischof noch vor seinem Vorsitzenden der Bischofskonferenz in der Holzklasse nach Rom. Allein dieser Wettlauf zeigt, wie chaotisch die Situation für alle Beteiligten ist.

Das Problem liegt tiefer – keine Hirte mehr in der Kirche

Der unlängst auf Kundschaft nach Limburg gesandte Kurienkardinal Giovanni Lajolo sagte in einem Interview mit der Katholischen Nachrichten Agentur (KNA) : „Dass hier auch eine Medienkampagne vorliegt, ist nicht zu übersehen. Das merken auch die Gläubigen. Die Ursache für die gegenwärtigen Konflikte liegen aber viel tiefer. In meinen Gesprächen konnte ich feststellen, dass die Spannungen latent schon über Jahrzehnte existieren und jetzt offen zutage treten“.

Damit dürfte der Kurienkardinal den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Es ist die Geisteshaltung, die hier hinterfragt werden muss. Gegenüber dem Deutschlandfunk erklärte der Limburger Bischof zu seinem kritisierten Erster-Klasse-Flug zum Slum-Besuch in Indien: „… es sei den dort Wartenden nicht zumutbar, einen übermüdeten Gast zu empfangen…“. Arroganz, Weltfremdheit, Dummheit? “Zumutungen” dieser Art dürften eher eine Erholung für die Slum-Bewohner Mumbay`s sein.

Von wegen – Trennung von Staat und Kirche

Steuer

Die Bemessungsgrundlagen für die Kirchensteuern sind die Einkommensteuer bzw. Lohnsteuer

Es ist die besondere deutsche Verquickung zwischen Staat und Kirche, die diesen Elfenbeinturm prächtig hat gedeihen lassen. Der Staat zieht die Kirchensteuer ein, baut Schulen und Kindergärten, die dann unter kirchlicher Trägerschaft (beider großen Konfessionen) von Steuergeldern fast gänzlich finanziert werden, und zahlt die Gehälter und Pensionen der Bischöfe. Ob Kirchen- oder Katholikentage, „Miserior“ und „Brot für die Welt“, Religionsunterricht, Integrationsbetriebe für Arbeitslose und Behinderte (ich wähle bewusst nicht die Termini „Menschen mit Handicap“ und „Arbeitssuchende“); alle kassieren Steuergelder in insgesamt Milliardenhöhe. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung  hat unter dem Titel „Wie sich die Kirche von den Heiden finanzieren lässt“, einmal etwas die Kirchenfinanzierung in Deutschland versucht aufzudröseln.

Die Katholiken erklären, ohne eine einzige Zahl zu nennen, ihre Finanzen. Ausnahmen sind nur die offiziellen Zahlen der Kirchensteuer. Geht es aber um die angebliche Einsparung des Staates durch die Leistung des kirchlichen Ehrenamtes, dann stehen plötzlich Millionenbeträge im Raum. Hier lesen Sie, wie die deutsche Bischofskonferenz die Finanzierung erklärt.  Die Evangelische Kirche macht es keinen Deut anders. Die EKD erklärt ihre Finanzen auch ohne Zahlen.

Unter dem Namen “Caritas-Legende” wird hier einmal etwas Licht ins Dunkel des Geldflusses für die soziale Arbeit der Kirchen gebracht.

Kirchen als Gewinner der Hartz-IV-Industrie

Ein besonderes Kapitel haben die Kirchen mit den so genannten „Hartz-IV-Gesetzen“ aufgeschlagen. Nicht nur die, aber hier möchte ich nur diese Profiteure der Hartz-IV-Industrie betrachten.Die Diakonie sieht die Hartz-IV-Zuwendungen als Ausgleich für entfallene Kirchensteuer an. Dazu muss man wissen, dass diese Einrichtungen für die Beschäftigungsgelegenheit (1-EURO-Job) pro Nase mehrere Hundert Euro bekommen. Bieten sie auch noch „Weiterbildung“ an, dann erhöht sich diese Summe noch einmal. Also ist es ein einträgliches Geschäft.

Sogar ein Geschäftsmodell, wie der Bonner Verlag für die deutsche Wirtschaft verheißt. Hier der Text zum 1-Euro-Job-Geschäftsmodell. Den Link hat der Verlag inzwischen mit einem zynisch zu nennenden Text abgeschaltet.

Die Caritas und Diakonie haben eigens dafür gemeinnützige Gesellschaften gegründet, damit der staatliche Geldregen auch ein Ziel hat. Allein 2005 wurden ein Großteil der 3,6 Millarden Euro für diesen Bereich, für Verwaltung und Lohnkosten dieser Zuverdienstmöglichkeiten vom zuständigen Bundesministerium vorgesehen. Damit hat sich seinerzeit Gerhard Schröder das Stillhalten der Sozialverbände erkauft. Es hat funktioniert. Von Empathie für die Betroffenen war da bei den Hirten der evangelischen und katholischen Christen nichts zu spüren.

Totalausfall der kirchlichen Hirten

Ein besonders perfides Beispiel der Nichtempathie begegnete mir im Jahre 2003. Ein angestellter Geschäftsführer wurde mit Mitte Fünfzig beim Verkauf der Firma mit einer Abfindung und dem 7er BMW vor die Türe gesetzt. Aufgrund der damals gerade eingeführten Änderungen im Sozialgesetzbuch hieß es für den Familienvater nach zwölf Monaten Höchstsatz an Arbeitslosengeld: Fall in ALG II           (Hartz-IV). Dieses führte sich die Familie, zu der ein schulpflichtiger Sohn und eine noch studierende Tochter gehörte,  vor Augen. Eine objektiv bedrohliche Situation für die Existenz dieser Familie stellte sich dar. Der Sohn unternahm einen Selbstmordversuch, den er gottseidank abbrach. Der Vater schrieb in dieser schweren Zeit drei Menschen an, von denen er Rat und Hilfe erwartete. Es waren der damalige Wirtschaftsminister NRW, Harald Schartau, der  Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, und Kardinal Karl Lehmann als damaliger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Nach einer Woche war ein Brief des NRW-Wirtschaftsministers im Postkasten. Dieser drückte sein Bedauern aus und erklärte sich auch bereit, im Einzelfall Unterstützung bei den eigenen Bemühungen zu leisten. Von den Kirchenvertretern kam nie eine Reaktion.

Die K(F)urie soll sich selbst zähmen

kardinalskommission-kurien-reform

Papst Franziskus gründete das acht-köpfige Gremium.

Ob es dem Papst gelingt, die Kirche weder auf den Boden zu bringen und wieder Hirte zu sein, wird sich zeigen. Der intelligente Schachzug von Franziskus, der Kurie in Rom die Reformen selbst aufs Auge zu drücken, setzt die Kardinäle unter Druck. Eine Kommission aus acht Kardinälen aus fünf Kontinenten soll  Maßnahmen einer „horizontal ausgerichteten Kirche“ entwickeln.

Dieses Ansinnen dürfte vor allem unter den italienschen Kardinälen für Missmut sorgen. Denn hier rüttelt einer gefährlich an den bisherigen Machtstrukturen. Nicht zufällig wohl debattiern deutsche Kirchenrechtler schon heute eifrig, ob und wie nach einem des ja auch nicht mehr gerade blutjungen Papsts Franziskus die Änderungen wieder rückgängig gemacht werden könnten. Interessant ist auch zu beobachten, wie die Zahl der Pressemitteilungen des Zentralrat der Katholiken (ZdK) in jüngster Zeit  abgenommen hat. Es wurde normalerweise so gut wie täglich zu allen relevanten und unrelevanten Themen etwas abgesondert. In der vergangenen Woche war es nur noch eine einsame Pressemail, die ich in meinem Verteilereingang fand. Es ist verdächtig still in katholischen Kreisen. Man weiß noch nicht so wirklich, wem man die Türe zur päpstlichen Macht geöffnet hat. An der Seite der Armen zu stehen und solidarisch deren Rechte und Teilhabe in Kirche und Gesellschaft einzufordern, ist für viele der deutschen Kirchenfunktionäre dieser Kirche schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Unsere Verquickung zwischen Staat und Kirche ist eben ein gewaltiger Hemmschuh.

Instanz Kirche vor dem Scheideweg

Die Kirchen haben ohne Not weite Bereiche der moralischen und ethischen Instanz aufgegeben. Sie sind um sich selbst gekreist und haben Wege des Anbiederns an den Zeitgeist gesucht. Ob es sich um das Thema Homosexualität handelt oder Familienpapiere, die in evangelischen Kreisen für Diskussion sorgten; um den Menschen und seine Nöte haben sich diese Themen nicht gedreht. Den Katholiken warf man vor, zu dogmatisch zu sein, den  Protestanten eine Verkopfung und zu große Öffnung an den Zeitgeist. Man kann nun durchaus drüber streiten, ob es eine zeitgemäße Moral oder eine zeitlose, grundsätzliche gibt.

Vielleicht steht im Luther-Gedenkjahr eine Reformation der Kirchen an. Papst Franziskus traue ich zu, notfalls auch eine Türe einzutreten, als nur Thesen dran zu hämmern. Bei der evangelischen Kirche ist es schon etwas schwieriger. Die weisen im Kern eine ähnliche Problematik wie die Grünen auf. Man hat es sich im gesellschaftlichen Konsens bequem gemacht. Beide sollten auf jeden Fall eines nicht tun: weiterhin die Deutung von Moral irgendwem nach Gusto zu überlassen. Damit schaffen sie sich endgültig ab. Das bedeutet Konfliktfreude und auch Aktion auf politischem Parkett. Das machten sie bisher auch, halt nur im Verborgenen und nicht immer mit einer urchristlichen Richtung. Jetzt ist es offen gefragt. Es lauert eine gewaltige gesellschaftliche Chance – ob sie erkannt und genutzt werden wird…?

Paul Pawlowski (pp)




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