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Obergrenze gegen alte Fahrer?

Senioren als Unfallverursacher

Autor Dieter Buchholtz

Es juckt mich so richtig in den Fingern – für ein Alten-Bashing. Denn zwei Erlebnisse haben mich aktuell auf 180 geschraubt. Eine 82-Jährige startet mit ihrem unbeleuchteten Kleinwagen. Drei Fahrzeuge zerbeult sie, weil sie sich mit Vollgas durch eine Gasse zwischen geparkten Autos und einer Mauer durchquetscht. Dann die Kollision mit einem entgegenkommenden Auto; sie fährt stur weiter und landet an einem Felsstein auf einem Grünstreifen. Dann legt sie mit Karacho ein Verkehrsschild samt Betonfundament um. Ihre Irrfahrt endet an einem großen Blumenkübel. Pech für die Dame, Glück für mich – ich bin nur Zuschauer. Aber es ist für mich sonnenklar: Die Alten sind eine hohe Gefahr im Straßenverkehr – ein ansteigendes Dauerrisiko vor dem Hintergrund unserer älter werdenden Bevölkerung.

Dann die Krönung: Vor mir steht ein Mittelklassewagen. Offensichtlich ist sich der Fahrer mit dem entgegenkommenden Verkehrsteilnehmer uneinig. Wer soll als erster die Straßenenge passieren?  Plötzlich kommt das vor mir stehende Fahrzeug mit Tempo rückwärts fahrend auf mich zu. Ich hupe. Keine Reaktion. Das Auto legt noch einen Zahn zu und – Crash. Ich springe aus meinem Wagen und will den Fahrer zur Rede stellen. In dem Moment gibt er Gas und flüchtet durch die inzwischen frei gewordene Engstelle. Ein paar Straßenecken weiter stelle ich den Crash-Fahrer. Ein gutmütiger und freundlich lächelnder Mitachtziger lässt die Seitenscheibe herunter. Sehr nett schaut er mich an, ob er mir helfen könne. Mir verschlägt es fast die Sprache. Dann versuche ich ihm zu erklären, was passiert ist. Ungläubig und schwer stöhnend stemmt er sich aus seinem Wagen heraus und betrachtet fassungslos den Schaden, den er bei sich und mir angericht hat.

Straße als demografisches Schlachtfeld?

Ich bemühe mich gegenüber meinem Unfallgegner um Höflichkeit. Innerlich koche ich. Die beiden Fälle haben doch mal wieder den Beweis geliefert, dass Senioren nicht mehr hinter das Steuer gehören. Ihnen sollte man breitflächig den Führerschein entziehen. Denn es ist ja erwiesen, dass ein großer Teil der Falschfahrer auf den Autobahnen Senioren sind. Man hört und sieht doch in den Medien jeden Tag, welch mörderische Unfälle gerade alte Menschen verursachen. Und man muss doch nur in andere europäische Länder schauen, die längst einen regiden Alten-TÜV eingeführt haben. Ja und wir wissen doch längst, dass zwei Drittel aller Autofahrer ab 65 Jahren regelmäßig Medikamente einnehmen. Was soll denn noch passieren, bis etwas passiert?

Und dann läuft es mir kalt den Rücken herunter, wenn ich erfahre, dass fast zwei Millionen Deutsche zwischen 75 und 84 Jahren ein Auto bewegen. Hier ist doch in höchstem Maße die Politik gefordert: Unsere Straßen dürfen nicht zum demografischen Schlachtfeld werden. Der „Senioren-TÜV“ muss endlich her. Leider aber sind die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern hoffnungslos verhärtet. Wir diskutieren uns in demokratischen Abstimmungen und in dem sogenannten Interessenausgleich einen regelrechten Wolf. Der Verkehrsminister muss endlich klare Entscheidungen treffen…

Mein faktisches Ich ist schon 73

Während ich so in mich hineinwüte, merke ich nicht, dass meine Frau bereits mit der Beifahrerin des Greises ein nettes Gespräch eingeleitet hat. Es wird deutlich, dass dem betagten Herren heute der erste Unfall nach 65 Jahren Fahrpraxis passiert ist. Das Ehepaar macht uns klar, dass es auf diese Art der Mobilität angewiesen ist. Bei mir steigt plötzlich und zunächst ungewollt Milde durch Verständnis auf. Und ich befrage mein inneres Ich – also mein Bauchgefühl. Es ist seit Jahrzehnten in meinen Wahrnehmungen zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr angesiedelt. Mein kalendarisches und damit faktisches Ich aber steht kurz vor dem 73-jährigen Lebensjahr. Meine eigene Realität gebietet es also, nicht von oben oder außen zu urteilen, sondern ich bin Teil der Problematik – also mitten drin.

Damit erlebe ich am eigenen Leib durch Betroffenheit, wie leicht man in so eine Art postfaktisches Lebensgefühl abdriften kann. Zwischen den erlernten und in höchstem Maße verinnerlichten Spielregeln einer freiheitlich rechtsstaatlichen Demokratie, den persönlichen Wahrnehmungen und den eigenen Lebensumständen kann man sich schnell in egozentrierten Forderungen und Verschwörungstheorien verlieren. Mein eingangs formuliertes Alten-Bashing fällt somit populistisch und Stimmung aufpeitschend dem auch schon vorurteilsgeladenen Leser entgegen.

Das unsägliche Spiel mit der Schmerzgrenze

Solche inakzeptablen Vorgehensweisen finden wir in unserer aktuellen politischen Landschaft stark im rechtspopulistischen Lager zu Stichworten wie Flüchtlinge, Pressefreiheit, EU, Rassismus…In gleicher Weise habe ich insbesondere meine einleitende Forderung nach einem breitflächigen Führerscheinentzug für Senioren aus rein dramaturgischen Gründen an den Anfang meines Textes gestellt. In einem Atemzug distanziere ich mich hiermit von meinen vereinfachenden und in höchstem Maße diskriminierenden Äußerungen. Damit habe ich mich bewusst und als abschreckendes Beispiel in die (lebens) gefährlichen Spielereien des rechten Spektrums hineinbewegt nach dem Motto: Erst mal eine steile Vorlage bei Verletzung der in unserer Gesellschaft tief verankerten Spielregeln. Und wenn dann Widerstand kommt, geht man eben wenige Millimeter hinter die von der political Correctness gezogene Schmerzgrenze zurück. Fast täglich können wir das bei Trump und Co beobachten. So etwas könnte somit auch beim Thema Alten-TÜV passieren – und natürlich bei jedem anderen Thema. Der Rechtsstaat erodiert dann Stück für Stück in den Unrechtsstaat hinein.

Um es ganz deutlich zu sagen: Mich ärgern und ängstigen politische Vereinfacher in höchstem Grade. Wenn auch in unserem Staat sicherlich manches nicht in Ordnung ist, so sollte man denen aber nicht ohne Widerstand die Stabiliserung und Weiterentwicklung unserer Demokratie zum Fraße vorwerfen. Denn schon jetzt stöhnt die Demokratie immer häufiger auf, wenn Gallionsfiguren mit ihren Gefolgsschaften auf europäischer, russischer und nordamerikanischer Ebene die Rolle rückwärts hinein in den Nationalismus, in Abschottungsstrategien und vielfältige Feindbilder proklamieren.

Kein Plus an Verkehrssicherheit

Zurück aber zum eigentlichen Thema – und damit zu Fakten mit vielfältigen Pros und Cons. Hier schlummert das Erfahrungspotential für die in der Demokratie üblichen Diskussions- und Abwägungsprozesse, bevor Gesetze geändert oder auch neu geschaffen werden. Die Urteile aus dem Bauch oder dem sogenannten gesunden Menschenverstand heraus halten oft genaueren und seriösen Prüfungen nicht stand. So verbietet es sich wohl anhand der Statistiken, die Alten pauschal als Verkehrsgefährder abzustempeln. Bis zum 75. Lebensjahr sind sie statistisch nicht „auffällig“. Also verbietet es sich, Sondermaßnahmen zu ergreifen. Sie wären schlicht diskriminierend.

Geteilt aber sind die Meinungen in Fachkreisen zu den hochbetagten Führerscheinbesitzern jenseits der 75. (fast zwei Millionen Deutsche). Über die nationalen Grenzen hinweg besteht auf der Basis von Studien ein klares und eindeutiges Ergebnis. Danach würde eine auf das Alter bezogene Überprüfung die Verkehrssicherheit nicht verbessern. Prof. Dr. Wolfgang Fastenmeier von der Psychologischen Hochschule Berlin ergänzt diesen Befund mit der Feststellung, dass individuelle Beratungs- und Trainingsangebote vielversprechender erscheinen. Dieser Empfehlung schließen sich in der Tendenz auch GDV, ADAC, AvD, ACE, DVR, „Aktion Schulterblick“ an. Gefordert seien die Angehörige und Hausärzte. Interessant in diesem Zusammenhang: In einigen europäischen Staaten wie Norwegen, Schweden und in den Niederlanden sind ärztlich Untersuchungen für Autofahrer ab 70 Pflicht. In Spanien ist der Gang zum Gesundheitstest schon ab 45 Pflicht.

Dobrindt: Keine Pflichttests für Senioren

Der 55. Deutsche Verkehrsgerichtstag in Goslar vertrat kürzlich die Position, dass es für die Einführung genereller, obligatorischer und periodischer Fahreignungsüberprüfungen derzeit keine Grundlage gibt. Vorgeschlagen wurde eine qualifizierte Rückmeldefahrt, deren Ergebnis ausschließlich dem Betroffenen mitgeteilt wird. Immerhin haben 2015 ohne jeden Test fast 9500 Bundesbürger jenseits des 75. Lebensjahres ihren Führerschein freiwillig zurückgegeben. Und der Präsident des Verkehrsgerichtstages, Kay Nehm (75), unterstützt diese Selbstverantwortung der Autofahrer, denn „Pflichtuntersuchungen für alle bringen erhebliche Einschränkungen ohne adäquaten Sicherheitsgewinn“. Ebenso sieht es Verkehrsminister Alexander Dobrindt: „Pflichttests für Senioren am Steuer wird es nicht geben.“

Der Mainsteam der Verantwortlichen scheint also festzustehen. Dennoch gestatte ich mir zusätzliche Anmerkungen. Wenn wir über Senioren am Steuer sprechen, dann meinen wir die rund 16 Millionen Auofahrerinnen und Autofahrer über 65. Ihr Anteil an allen Autofahrern beträgt 25 Prozent. Sie sind aber nur zu zwölf Prozent an Unfällen beteiligt. Hierzu Sven Rademacher vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat in Bonn: „Die älteren Fahrer haben viel Erfahrung. Sie können Gefahrensituationen richtig einschätzen und sind auch keine Raser.“

TÜV auch für die Autofahrer

Ich meine, dass wie beim technischen Zustand des Autos, der alle drei bzw. zwei Jahre beim TÜV festgestellt wird, auch – unabhängig vom Alter – beim Autofahrer in regelmäßigen Abständen eine Überprüfung von Gesundheit und Fahreigenschaften vorgenommen werden muss. Denn wir wissen, dass gesundheitliche Einschränkungen durchaus in vielen Fällen schon vor Erreichen einer Altersgrenze bestehen. Aufgrund der jährlichen Statistiken wissen wir dazu verlässlich, dass schwere Unfälle hauptsächlich durch Alkohol (Drogen) und zu schnelles Fahren verursacht werden. Hier wäre Verkehrsminister Dobrindt gefordert durch eine Anpassung an die mehrheitlich in der EU praktizierten Geschwindigkeitsbegrenzungen diese dicken Themen in Angriff zu nehmen und schnellstens Lösungen zu finden. Eine europäische Anpassung in Richtung null Promille wäre angesichts der vielen Toten und Schwerverletzten in Deutschland eine ebenfalls überfällige Maßnahme. Jenseits unserer Grenzen werden die eindämmenden Feldversuche seit Jahrzehnten gemacht. Wir können einfach lernen oder schlicht übernehmen.

Ich höre schon die Einwände, dass eine regelmäßige Untersuchung aller Autofahrer ein zu hoher Aufwand wäre. Mit diesem Argument wäre dann wohl auch der Aufwand für die vorgeschriebene technische Überprüfung der Autos zu hoch. Das darf aber angesichts der potentiellen Gefahr durch technisch fehlerhafte oder verantwortungslos gesteuerte Fahrzeuge nicht sein.

Dann mehr Unfälle auf dem Fahrrad

Wie komplex Überlegungen zur Verbesserung der Sicherheit im Straßenverkehr sein können, zeigt das Beispiel Dänemark. Unser nördlicher Nachbar hat einen verpflichtenden Gesundheitscheck eingeführt. Viele Senioren sind vom Auto auf das Fahrrad umgestiegen. Der Psychologe Sebastian Poschadel: „Es hat sich gezeigt, dass Radfahren viel gefährlicher als Autofahren ist. Die Unfallzahlen sind gestiegen.“

Das ist ein weiteres Beispiel, dass sich bei so verzweigten Themen einfache Hauruck-Lösungen verbieten. Zur Demokratie-Kultur gehört eben auch die Geduld, im Sinne aller Betroffenen Konsenslösungen anzustreben und sie auch zu praktizieren. Das ist zeitraubend, anstrengend und langwierig. Ich plädiere dafür, dass wir uns – bei allen Themen – dieser Anstrengung stellen.

Ich setze mich jetzt mal in mein Auto und fahre zum Konditor meiner Wahl, um mich und meine Nerven wieder zu stärken. Ich freue mich, dass ich mit dieser und und weiteren Mobilitäten die Rentenzeit genießen kann. Übrigens habe ich mich erst vor wenigen Monaten in einem ADAC-Sicherheitstraining vergewissert, dass ich schnell und richtig auf kritische Verkehrssituationen reagieren kann. Die jährlichen Gesundheitschecks gehören ganz selbstverständlich zu meinem freiwilligen TÜV.

Dieter Buchholtz

 




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