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Nie wieder Bücher

Paul Pawlowski

Paul Pawlowski

Eine gute Freundin bekundete in einem Telefonat, sie würde sich endlich wieder einmal Zeit für ein gutes Buch nehmen. Ich verbat mir die Frage, an welches sie denn denke. Angesichts der Bestsellerlisten könnte man schließlich auf die Idee kommen, dort finde man es nicht mehr – das „gute Buch“.

Titel wie „Digitale Demenz“ oder die in Papier gegossene Weltanalyse des Berliner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky („Neukölln ist überall“) reihen sich ein in die endlose Kette unter dem Ordnungsbegriff  „Sie wissen alles – und tun nichts“. Hier wird über die Wirklichkeit gejammert und zum Teil hochwissenschaftlich erklärt, wie alles so kommen konnte. Parallel beklagen wir eine exorbitante Politikverdrossenheit. Bei Wahlbeteiligungen unter 60 Prozent müssen wir uns nicht wundern, wenn die absolute Mehrheit bei 25 Prozent beginnt.

Weiter geht es mit den Selbsttherapieversuchen von Musikern, K- bis Z-Promis, frustierten Lehrersöhnen, Frauen auf der Suche nach dem „Ich“ und modernen Aussteigern. Wer auf Schulhöfen aufwächst, der, so sollte man meinen, lebe nahe an der Bildung. Aber weit gefehlt. Selbst überwundene Feuchtgebiete entpuppen sich bei aktuellen Autorinnen als Hochmoore. Wenn einem nun gar nichts mehr einfällt, dann lässt er Hitler wieder auferstehen und ihn mediale Karriere im heutigen Berlin machen.

Die Reihe der Ratgeber ist inzwischen Wände füllend. Mediziner als Grinsemännchen mutieren zu Pinoccios des Glücks. Mit Allgemeinplätzen den vermeintlichen Schlüssel zum Glück unters Volk bringend, vegabundieren sie durchs Land. Das bringt Glück – für den Verlag und den Autor. Burnout, AIDS, Partnerschaft, Sexualität… auf allen Kanälen der Ratgeberindustrie fährt man mit Volldampf. Die Kockecke lasse ich heute einmal ganz bewußt aus. Jeder, der Pfanne oder Kochlöffel stotterfrei buchstabieren kann, fühlt sich bemüßigt, einen Beitrag aufs Papier bringen zu müssen.

Eine besondere Spezies unter den Büchern ist inzwischen der Krimi. Die Depri-Storys aus Skandinavien haben mit oft brachialer Gewalt den Weg ins Kino geschafft. Regionalkrimis sind der Renner. Hier stößt man, neben richtig guten Plots, leider zu oft auf den Charme eines verunglückten Heimatkundeaufsatzes. Da werden schon mal Zeugen mit unterschiedlichen Biografien belegt, Ermittler bekleiden gleichzeitig unterschiedliche Dienstgrade und können sich partout nicht entscheiden, ob sie nun für die regionale Polizeistation, LKA oder gar BKA arbeiten. In den Verlagen ist, so scheint es, sogar die „Generation Praktikum“, geschweige denn ein Lektor, nicht mehr anzutreffen.

Ich habe Freude gefunden am elektonischen Buch, dem eBook. Das ist billiger im Einkauf und problemlos zu erwerben. Mit dem eBook-Reader oder Tablet ist es selbst für mich wieder möglich, im Bett zu lesen und…. wenn ich nach zwanzig Seiten feststelle, das Werk ist den Preis nicht wert und nach weiteren vergeblichen Versuchen auf Seite 86 und 134 den Wert zu finden, kann ich es auf dem Reader einfach löschen und muß es nicht noch als weiteres Mahnmal ins Bücherregal stellen.

Paul Pawlowski

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  • 30
    Digital lesen. Wir merken ihn kaum - den Wechsel aus der analogen in die digitale Lesewelt. Er vollzog sich schleichend – über viele Jahre. Aber es gibt immer noch (abschmelzende) Bastionen von Papierbuch-Lesern. Sie prophezeien nicht müde werdend den Untergang des intellektuellen Abendlandes, wenn der Anteil altgewohnter und massen-gedruckter Bücher…
    Tags: lesen, prozent, digitale, über, so, bücher, noch, können, schon, mehr




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