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Soft-Aufstand alter Männer

Neue “Senioren” – Die etwas andere Generation

Autor Dieter Buchholtz

Geburt einer neuen Generation? Wer denkt da nicht eher an Jugend, an die Macron-Revolution gerade in Frankreich, an die Kinder der laufenden digitalen Umwälzungen? Nichts von allem trifft zu. Unser Referent an diesem milden Juni-Abend ist Engelbert. Er ist pensionierter Radiologe, aber schon ewige Zeiten ein Sänger und vor allem ein begnadeter Schauspieler. Wir – das sind Bonner Literaturfreunde – hängen ihm immer wieder an den Lippen, wenn er uns neue literarische und künstlerische Perspektiven eröffnet.

Zum Start wirft er in die neugierig gespannte Runde: „Sie fühlen sich lebendig, haben Pläne und leben gern allein: Die ´neuen´ Männer jenseits der 60. Es gibt sie tatsächlich. Bisher haben sich Forscher wenig interessiert für Männer. Reden übers Altern war ein Frauenthema.“

Entgegen dem weit verbreiteten Vorurteil, dass Männer nicht reden, lässt Engelbert die Protagonisten Ulrich und Peter zu Wort kommen: Zwei Männer, Mitte sechzig. Ulrich geschieden, Peter schon immer unverheiratet. Seit kurzem sind sie beide Rentner. Peter lebt in einer mitteldeutschen Großstadt, Ulrich im Norden. Sie haben Pläne, und es geht ihnen gut. Beide erzählen ganz locker Einzelheiten, wie es ihnen nach dem Rentenschnitt erging. Sie sind im Gartenvortrag authentische Zeugen dieser „Neuen Herrlichkeit“. Engelbert stellt in seinem Referat auf unterhaltsame Weise die Skizze über diese frisch gebackenen 60er Männer auf unterschiedliche fachliche Füße.

Leben nicht mehr einfach ausrinnen lassen

So zitiert Engelbert den Gestalttherapeuten Matthias Jung: „Also bei den Alten tut sich außerordentlich viel. Da sind nicht mehr die, die einfach ihr Leben nur noch ausrinnen lassen. Nein, sie gestalten es neu… Sie leben nicht mehr diese alte dumpf-backige Versorgungsmentalität. Sie sind autonomer geworden, sie sind liebesfähiger geworden, sie sind neugieriger und experimentierfreudiger geworden…!“ Philosoph Jung sieht schon seit einiger Zeit den Aufbruch einer neuen Männergeneration. Noch sind diese Männer unauffällig, lautlos, unsichtbar, aber sie sind da, und sie sind anders als andere Männer in diesem Alter jemals waren.

Der Therapeut spricht vom Erwachen der Männer über 60: „Wir sind in einem allgemein soziologischen Aufbruchsprozess… Da gehört beispielsweise auch die größere Achtsamkeit sich selbst gegenüber dazu. Auch der eigenen Gesundheit gegenüber. Es ist die Freundschaftsfähigkeit gewachsen, das sich Kümmern, um einen Freund zu haben. Früher galt: Von zehn deutschen Männern über 40 Jahren hatten neun keinen Freund. Von zehn deutschen Frauen über 40 hatten neun eine beste Freundin. Das sind Dinge, die jetzt langsam abnehmen…“

Desillusion und Streit – Feinde von Partnerschaft

Engelbert gräbt unerbittlich weiter nach belastbaren Erfahrungen mit dieser neuen Männergeneration. Er findet ihn in Hubert Frank. Der war viele Jahre Leiter der Männer- Beratung im Bistum Mainz. Er sieht mehrere Gründe für den Aufbruch der Männer über sechzig: „Das eine ist, dass halt viele Männer desillusioniert sind, was Partnerschaft anbetrifft, weil sie da schon jahrelang Streit hinter sich haben usw… Also dass sie einfach sagen: Ich habe keine Lust mehr auf Partnerschaft. Sie versuchen es alleine. Ich stelle zum Beispiel fest, dass sie dann eben auch in eine Männergruppe kommen, wo sie über sich reflektieren und sich einfach mehr Zeit für diese Prozesse nehmen.“

Der heutige Gefängnis-Seelsorger Frank hat eine weitere, nicht ganz unerhebliche, Beobachtung gemacht: „Es ist ein bisschen flapsig gesagt: Der Mann hat die Garage und den Keller, der Rest gehört der Frau, so sagen es manche Männer. Das heißt, die Bewegungsmöglichkeiten sind meistens schon vergeben. Da kommen zum Beispiel auch viele Konflikte her.“ Nicht verwunderlich daher, dass immer mehr Männer Einzel- und Gruppentherapien aufsuchen.

Diese Männer können nicht in einer umfangreichen Beraterliteratur aufgefangen werden. Denn hier ist eine geschlechterspezifische Schieflage zu beobachten. Über das Leben jenseits der 60 von Frauen weiß man viel. Von Männern weiß man so gut wie nichts.

Männer kriechen nicht mehr einfach wieder unter

Immer wieder gerne zitiert Engelbert in seinem launigen Vortrag die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Fachbereich für interdisziplinäre Alternswissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Eine dieser Forscherinnen ist die Entwicklungspsychologin und Seniorprofessorin Insa Fooken. Sie spricht von einer späten Ernte in ihrem Berufsleben. Denn schon vor 30 Jahren wollte sie das Thema „Männer im Alter“ in die Wissenschaft einführen – ohne Erfolg.

Als Fooken sich dann vor einigen Jahren mit den zunehmenden Scheidungen nach langjähriger Ehe beschäftigte, fand sie zum Thema „Neue Männer im Alter“ zurück: „Das sind insofern neue Männer, als es sie früher so nicht gegeben hat, nicht in dieser Vielzahl. Inzwischen lassen sich natürlich viel mehr Paare scheiden. Und während es früher üblich war, dass die Männer sozusagen unterkrochen, also eigentlich relativ schnell doch wieder in eine neue Beziehung hineinkamen, ist das heute nicht mehr so. Es wächst eine neue Generation von Männern heran, die Ansprüche an ihre Freizeit haben, die Ansprüche an ihre Lebenszusammenhänge haben und auch dabei sind neue Dinge auszuprobieren.“

Und weiter führen die Frankfurter Forscher aus: „Es sind nämlich Männer, die in der Regel gut gebildet sind, die gesundheitlich auch ganz gut dabei sind, die Ansprüche an Freizeitgestaltung haben, die finanziell relativ gut gestellt sind und die auch anfangen, untereinander Kontakt aufzunehmen. Wir erleben neue Generationen von Männern, die über Beziehung reflektieren und die allmählich auch in der Lage sind, da eine Sprache für diese Erlebensbereiche zu haben. Es sind Dinge zu beobachten, dass mehr Nachdenken über sich ist, Selbstverantwortung und dass damit auch die Beziehung zwischen den Geschlechtern auf eine andere Basis gestellt wird.“

Irrtümer über das Unglücklich-Sein älterer Männer

Bis heute existieren in der Öffentlichkeit ziemlich antiquierte Vorstellungen über den alternden Mann allein zu Haus: Sie reden nichts, sie kapseln sich ab, sie sind muffig, eigenbrötlerisch, depressiv, tauschen sich mit niemandem aus, auch nicht mit ihren Nachbarn. Männer im Alter allein, das steht für Unglücklichsein.

Vor solchen Vorurteilen warnen die Frankfurter Wissenschaftler. Es sei ungerecht, das Sozialverhalten von Männern stets an der weiblichen Messlatte, wie Mensch zu sein habe, zu messen. Immerhin leben heute 25 Prozent der über 65-jährigen Männer allein und zwar gern. Ende der 90-er Jahre waren es zwölf Prozent. Und die Lebenserwartung der Männer nimmt zu. Das traditionelle Männerbild wandelt sich.

Die Entwicklungspsychologin Insa Fooken spricht sogar von der Entdeckung eines neuen Mannes. Er könnte gerade in der heutigen Zeit einen wertvollen sozialen Beitrag leisten: Nachdem man ältere Männer auch in ihrer Rolle als Großväter wahrgenommen hat, die nicht nur die Autoritäten wahren, sondern die anfangen, mit ihren Enkelkindern zu spielen, sie möglicherweise auch zu betreuen, sie zu begleiten.  Das sind neue Trends, die eben auch inzwischen in der neuen Forschung berücksichtigt werden.

Das Alter ist gestaltbarer geworden

Pflegende Männer, das andere Beispiel, das sind genau die Bereiche, wo sich andeutet, dass Männer mit einem anderen Selbstverständnis älter werden für Fragen des Sich-Kümmerns, der Fürsorge, die inzwischen entdecken, dass auf der Beziehungsebene etwas für Andere tun zu können, sich einzulassen auf eine menschliche Not beim Gegenüber, auf Kinder, dass das sehr bereichernd sein kann.

Es geht also in der Männerforschung längst nicht mehr nur um medizinisch funktionelle Fragen oder um eine Viagra-Studie, sagt Frank Oswald, der Inhaber des Lehrstuhls für interdisziplinäre Alternswissenschaften am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt. Er sieht: Ältere Männer stehen vor vielen Fragen: Wie werde ich als Mann älter? Wie gehe ich um mit meiner Männlichkeit, mit meinem Mann-Sein ins hohe Alter hinein, wenn bestimmte Dinge nicht mehr funktionieren, wenn ich vielleicht meine Beziehungsfähigkeit nochmal neu definieren muss? Das Alter ist länger, gestaltbarer, vielfältiger geworden, muss nicht mehr Schicksal sein, sondern kann aktiv in die Hand genommen werden. Was bedeutet das für mich als älter werdender Mann? Das wollen die Frankfurter Wissenschaftler anschauen.

Sprachlosigkeit ist die größe Gefahr

Der neue ältere Mann könnte zunehmend die Stärke in der Zerbrechlichkeit erleben, nicht mehr wie ein einsamer Wolf durch die Städte streunen oder sich sprachlos in seine Behausung zurückziehen, sondern sich seinen Fragen und Ängsten stellen.

Die heutigen Männer über 60 könnten sich in Kommunikationsversuchen noch eher üben als ihre Väter, die das Sprechen nie gelernt haben. Reden ist lebensnotwendig, sagt die Entwicklungspsychologin Fooken. In der Sprachlosigkeit sieht sie die größte Gefahr für alleinlebende Männer im Alter. „Es sind Männer, die das zum ersten Male auch ausprobieren, die Väter waren – ein Verhaltensmodell, was eher noch auf Autoritäten orientiert war und für die heutigen Männer kein Leitbild mehr ist. Sie grenzen sich auch von dem Bedürfnis ab, vielleicht nicht nur der harte schweigsame Mann zu sein, sondern auch weiche Anteile zu zeigen, sich mal anzufassen, zu umarmen. Das ist in der Tat die erste Generation, die das auch in diesen Mengen so versucht zu leben. Man sollte in keinem Fall zu euphorisch sein. Denn es gibt noch viele traditionelle ältere Männer, die genau da ihre Probleme haben eben selbstgestaltet, zufrieden mit Alltagskompetenzen über die Runden zu kommen.“

Engelbert sammelt auf dem Rasen verteilte Manuskriptseiten ein, lässt einen lauten Schrei der Befreiung aus sich heraus explodieren und geniest eine kühlen Weißwein gegen die vom langen Reden trockene Zunge. Gerne stellt er sich der Diskussion mit den Mitgliedern des Literaturkreises, zu denen er seit sehr vielen Jahren auch gehört.

 

Dieter Buchholtz…

…hat die locker aneinandergefügten Passagen aus dem Vortrag von Engelbert herausgeschrieben/-kopiert. Damit will er die Leser von rantlos auch einfach mal ein Stück teilhaben lassen an so einer wunderbaren Einrichtung wie einem Literaturkreis, der sich einmal im Quartal bei einem bunt gemixten Büffet privat zusammenfindet. Diese Mischung aus geistiger und kulinarischer Nahrung tut uns allen, die wir größtenteils die 60 überschritten haben, seit knapp zwei Jahrzehnten gut. Vielleicht ist es auch eine Anregung für rantlos-Leser, das eigene Alter mit einem solchen Kreis (Nachbarn, Freunde und auch immer wieder mal neue Teilnehmer) zu gestalten, zu beleben!?

 

DER GEDICHTEMACHER

Von F.W. Bernstein (79)

 

Warum soll ich mir Mühe geben?

Wozu nach Vollendung streben?

Ich geb mir keine Mühe mehr.

Bitte sehr:

LIRUM LARUM SÜPPENSCHUH

DIEBEL DABEL PUSTEKUH

HORRIBEL SCHURRIBEL SCHNURZ

Kurz ist der Furz.

Das Gedicht ist schlecht.

Schon recht.

 




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