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Müssen die Alten stolpern?

Kommunen brauchen Willkommenskultur für Senioren

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Autor Dieter Buchholtz

Ich ärgere mich eigentlich nur ungern. Wenn ich beispielweise in meiner Wohn- und Heimatstadt Bonn über einen losen Stein in der Fußgängerzone stolpere und dabei nicht auf der Nase lande, dann möchte ich als kopfgesteuerter Optimist den sturzfreien Tag feiern. Aber bauchgesteuert bin ich ungebremst sauer auf die städtische Ignoranz, solche Barrieren verlässlich in Ordnung zu bringen. Und wenig später finde ich keine Bank in der Nähe, um schmerzende Füße und den etwas gebeugten Rücken altersgerecht zu entspannen. So lande ich schnell bei der Radikalerkenntnis: Die Kommune darf sich nicht ungestraft ihrer Fürsorgepflicht gegenüber uns Senioren entziehen. Und wenn ich Platz für noch mehr Wut im Bauch habe, dann finde ich reichlich weiteren Stoff für altersdikriminierende Missstände – in Bonn, aber reichlich auch anderswo.

Warum die Stadt Bonn so hoch verschuldet ist – wie viele andere Gemeinden, Kommunen und Städte auch -, bleibt flächendeckender Forschung vorbehalten. Ob die Alten nennenswert daran Schuld sind, möchte ich mal bezweifeln. Aber das sieht ja wohl jede Lobby-Gruppe ebenso. Die Spitze des Schulden-Eisberges in der Bundestadt am Rhein jedenfalls ist das Desaster mit dem World Conference Center Bonn (WCCB). Der Stadtrat hatte für dieses Prestige-Projekt stolze 64 Millionen Euro bewilligt. Aktuell sind dagegen schon 78,45 Millionen Euro kalkuliert. Angesichts nationaler und internationaler Bankenskandale sowie schwindelerregender EU-Rettungsschirme sind wir kleinen Bürger inzwischen daran gewöhnt worden, dass Euro-Milliarden von einem Loch ganz locker ins andere verschoben werden. Weitere Stichworte könnten der neue Berliner Flughafen oder die Elbphilharmonie sein… Also warum sich in Bonn über ein paar Millionen aufregen?

Wer zerstört, wird gehört – oder: Bunte Masche

Strickart

Strick-Art für Bäume

Bleiben wir also bei lokalen und damit eher überschaubaren Skandalen. Meinen aktuellen Aufreger entdecke ich fast bei mir um die Ecke. Die Stadt Bonn will die Seniorenbegnungsstätte Blumenhof am 31. Mai 2015 schließen. Betroffen sind mehr als 40 ältere Menschen. Sie verlieren einen für sie wichtigen und ortsnahen Treffpunkt in einem eher prekären Stadtteil. Als Gewinn hat die Stadtverwaltung eine jährliche Ersparnis von 9.500 (!) Euro errechnet. Die Betroffenen aber rechnen anders: Sie wissen, dass die eineinhalb Kräfte, die man im Blumenhof einsparen will, nicht entlassen werden, sondern diese wechseln in eine Ausweichbegegnungsstätte innerhalb der Stadt. Also ein Taschenspielertrick?

Die so hart Betroffenen kopieren als brave Bürger nicht die linken Gewalt-Chaoten beim Protest zur kürzlichen Einweihung der EZB- Zentrale (Europäische Zentralbank) in Frankfurt. Die Frauen vom Blumenhof schwingen keine Pflastersteine gegen Sachen und Menschen, sie greifen zu Wolle und Nadel. Mit ihrem bunten Strick-Art-Projekt für Bäume, Schilder oder Regenrinnen wollen sie die „Atmosphäre und Wärme“ auf die Straßen bringen, die sie bis heute im Blumenhof erhalten haben. Ungemein sympathisch finde ich das. Aber welchem Druck folgen die knochenharten Verwalter unserer Steuergelder eher – dem, der lauthals protestiert oder doch den Bürgerinnen mit der sanften Masche? Diese jedenfalls wollen nicht als Beweis für den Schlachtruf dienen: Wer zerstört, wird gehört.

Amtsleiters Weisheit: Das sieht woanders auch so aus

Klar war es auch für mich als „Altbonner“ schmerzlich, als Bonn seinen Status als Regierungssitz vor gut 20 Jahren verlor. Der Politik war damals keine Steuer-Milliarde zu teuer, um den gigantischen Umzug nach Berlin zu bezahlen. Fußgänger können nun im Berliner Regierungsviertel beschwerdefrei flanieren. Ein echter Gewinn für die Bürger an der Spree. In der heutigen Bundesstadt hat es dagegen zum Beispiel im Stadtteil Duisdorf Stolperfallen. Wegen hoch stehender Steine in der Fußgängerzone haben sich bereits einige Bürger verletzt. Besonders gefährdet sind Senioren oder Rollatorfahrer. Tiefbauamtsleiter PeterEsch Esch bemerkt dazu lakonisch: „Eigentlich müsste das ganz Pflaster raus und erneuert werden, aber das ist bei der finanziellen Lage der Stadt illusorisch.“ Der Verwaltungsmensch tröstet die Leser im Bonner General-Anzeiger: „Außerdem sieht es an anderen Stellen auch so aus.“ Durch eine derartig gleichgültige, fast kaltschnäuzige Bemerkung fühle ich mich als Mitbetroffener schlicht auf den Arm genommen…Gut, bei diesem Sprachbild wäre ich in der komfortablen Auffanglage weniger gefährdet. Der Schmerz aber bei immer wieder ungewollten Fehltritten auf Flanierwegen bleibt.

Her mit den Steuern – Weg mit der Achtsamkeit

Nun könnten Nichtbonner ja kontern: Mein Gott, dieses Lamentieren über örtliche Stolpferfallen ist nur aufgeblähter Provinzkram. Ein kurzer Blick jedoch ins Internet, und ich habe den nächsten Fall: Diesmal aus dem hohen deutschen Norden. Das Hamburger Abendblatt schreibt in Elmshorn: Bordsteinkanten, Kopfsteinpflaster, unerreichbare Toiletten: Das Leben von Senioren und körperlich behinderten Menschen ist alles andere als frei von Hürden. Ganz neu wurden dort polierte gelbe Ziegel in der Fußgängerzone verbaut. Sie sind viel zu glatt und werden in Herbst und Winter zur gefährlichen Rutschpartie. Auch hier hat man darüber hinaus in einer Straße zu hochwertigen Pflastersteinen gegriffen. Fahrräder, Rollstühle und Rollatoren bleiben in den Fugen hängen. Weitere Klagen kommen vor Ort wegen zu kurzer Grünphasen bei Ampeln, falscher Planungen bei Toiletten und Bänken ohne Rückenlehnen. Diese sind in der Regel für Senioren unbrauchbar. Mein wütender Frust: Es muss doch bei den heutigen digitialen Vernetzungsmöglichkeiten drin sein, dass sich Kommunen, Stadt- und Kreisverwaltungen technisch und inhaltlich verbinden, um derartige Negativerfahrungen zum Schaden der Bürger nicht an jedem Ort immer wieder neu zu machen. Das Ignoranz-Credo von Lokalpolitikern und öffentlichen Verwaltern scheint zu lauten: Her mit dem Steuergeld – weg mit der bürgerfreundlichen Achtsamkeit. Oder: Wer nicht mehr so richtig kann, darf einfach auch in eigener Verantwortung stolpern.

Arnsberg: Stadt des langen und guten Lebens

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Bundespräsident Gauck in Arnsberg: Treffen mit den Pflegeclowns vom Kinder- und Jugendzirkus Fantastello. Mit diesem Projekt soll Freude in Alten- und Pflegeeinrichtungen einziehen. ©ministerium für gesundheit

Wohl nicht gestolpert ist Bundespräsident Joachim Gauck (75) bei seinem kürzlichen Besuch in der seniorenfreundlichen Stadt Arnsberg. Schnell war er sich mit CDU-Bürgermeister Hans-Josef Vogel (59) einig, dass die zunehmende Alterung der Gesellschaft in einem ganz neuen Licht gesehen werden müsse. „Es geht uns um eine Stadt des langen und guten Lebens“, erläuterte Vogel. Und hier kann die westfälische Stadt einiges vorweisen. Es gibt u.a. 120 Seniorentrainer, ein „Philosophisches Erzählcafé“, das Projekt „JuleA“ (Jung lehrt Alt), die „Fachstelle Zukunft und Alter“, einen Seniorenbeirat, die „Arnsberger Lern-Werkstatt Demenz“. Also alles im grünen Bereich? Es scheint so, denn die 70.000-Einwohner-Stadt wurde 2010 durch die Stiftung „Lebendige Stadt“ als seniorenfreundlichste Stadt Deutschlands ausgezeichnet. Wohl entscheidend für die Ehrung war, dass die Senioren immer aktiv in Entwicklungen der Stadt einbezogen werden (20.000 Einwohner sind älter als 55 Jahre!). Einen weiteren Imagegewinn erzielte die Leuchtmittel-Stadt durch die 2007 gegründete Senioren-Akademie senaka. Arnsberg ist also so etwas wie ein Leuchtturm kommunaler Seniorenpolitik. Die Stadt zeigt, dass Engagement auf diesem Gebiet auch zu mehr Attraktivität des urbanen Lebens führt. Also: geht doch!

Mega Senioren-City in China und Kuschelroboter in Japan

Wozu aber dagegen ein zentralisiertes Überengagement für die alternde Gesellschaft führen kann, zeigt ein Beispiel aus Nordchina. Auf 120 Quadratkilometern will ein Investor die Millionenstadt „Senioren City“ bauen. Hier soll alles perfekt sein – also auf keinen Fall Stolpersteine. Na, das wär´ es doch. Ja, schon, aber nicht in Deutschland! Denn einer Umfrage von TNS-Emnid zufolge sind deutsche Senioren von einer derartigen perfektionierten Monokultur des gealterten Lebens nicht begeistert. Für sinnvoll halten das nur 30 Prozent der Befragten. Mit anderen Worten: Es gibt nicht einfach die Patentlösung im Global Village. Und es scheint auch vielen älteren Menschen in Deutschland nicht zu gefallen, wenn sie von Robotern gepflegt werden. Erst recht nicht, wenn dadurch die Kommunen von ihren Kern-Verpflichtungen entbunden würden. Anderer Meinung sind da offensichtlich die Japaner. Einen Kuschelroboter im Seniorenheim sehen sie als Verbesserung des Lebens von Einsamen. Die kleine weiße Kunstrobbe wird unter dem Namen „Paro“ bereits in Senioreneinrichtungen eingesetzt. Und – oh Wunder – in Japan kommt dieses technische Gefühl bei älteren Menschen gut an.

Lebensgefühl im Alter neu definieren – Technik kann helfen

Schleimer

Per Computer mit der Außenwelt verbunden: Elisabeth Schleimer in Trier, telefoniert per Susi TD. So kann sie mit allen Teilnehmern des Projektes Videotelefonate führen.TV-Foto: Friedemann Vetter

Trotz ausgeprägter Skepsis der betroffenen älteren Menschen verharren aber die Forscher auch in Deutschland nicht im Roboter-Abseits. Auf der diesjährigen CeBit machte der Abschlussbericht zur Pilotstudie von „SUSI TD“ Furore. Das Kaiserslauterner Fraunhofer Institut hatte 2014 das System im Raum Trier installiert und erprobt. Erfasst wurden bei den Teilnehmern Gewohnheiten aus dem Alltag. Vernetzt war dies mit zwei eingebundenen Pflegestützpunkten zur individuellen Betreuung der Senioren. Institutsleiter Prof. Dieter Rombach sieht sich durch die bisherigen Ergebnisse bei diesem Senioren-Assistenz-System darin bestärkt, dass „das Lebensgefühl im Alter komplett neu zu definieren“ ist. Sicher: Ein sehr steiler Satz. Aber ich finde es durchaus tröstlich, wenn mich zukünftig ein Assistenzsystem davor schützt, über die Versäumnisse meiner Stadt zu stolpern.

Roller und Rollator kommen zusammen

Auffällig ist zudem, dass viele Kommunen inzwischen eine Unzahl von Senioren-Konzepten entwickelt haben. Ja, es werden Problembewusstsein und guter Wille erkennbar. Aber manches wirkt in der Theorielastigkeit auch sehr kompliziert und blockiert sich gegenseitig. Machen wir es doch einfach bei der Bewertung von vermeintlichen oder sogar wirklichen Fortschritten wie die Verantwortlichen in Arnsberg: Die Wünsche und Interessen der Senioren einbeziehen, sie beteiligen. Genau das hat auch Oldenburg mit der Frage versucht, warum die älteren Menschen gerne in dieser Stadt wohnen. Als Stichworte kamen: Überschaubar, gute Möglichkeiten auch für Gehbehinderte, Grünanlagen mit idyllischen Spazierwegen, gute Versorgung mit Ärzten und Pflegediensten, Einrichtungen gegen Einsamkeit und: Viele kulturelle Angebote sind auf die Bedürfnisse Älterer eingerichtet. Einen ganz entscheidenen Hinweis gaben die Befragten zum Schluss: Die Menschen in Oldenburg sind sehr hilfsbereit. Hier liegt wohl des Pudels Kern. Einfach zu helfen, wo Hilfe erforderlich ist. Das entbindet aber die öffentliche Hand nicht von ihren Pflichten für die Bürger, insbesondere für die älteren. Auf den Punkt bringt dies Gabriele Steffen, Geschäftsführerin des Instituts für Stadtplanung und Sozialforschung Weeber+Partner in Stuttgart: „Roller und Rollator kommen zusammen.“

Wenn also die Probleme der Senioren in ihren Quartieren schlagartig – ob nun aus Unvermögen, Mangel an Möglichkeiten, Unachtsamkeit – nicht gelöst werden können, dann sind die Lebensälteren auch ein gehöriges Stück selbst gefordert. Aufgaben bis hin zum Ehrenamt gibt es genug, um dem Seniorenparadies ein Stück näher zu kommen. Und wir müssen auch nicht gleich zu radikalen Protesten, Hausbesetzungen wie in den postachtundsechziger Jahren zurückkehren, um der Gesellschaft gehörig Angst und Schrecken einzujagen. Es gibt vielleicht auch den Mittelweg zwischen lautem Wut-Schreien und stillem Protest-Stricken für eine seniorengerechte bessere Zukunft. Der Ruf an die Kommunen lautet: Ihr habt eine ausgeprägte Verantwortung zur Willkommenskultur für ältere Menschen. Das „Ältere“ fängt früher an, als viele erwarten. Manchmal stolpert man schneller rein als man denkt.

Dieter Buchholtz

 

Nachklapp für den Blick nach vorn
Lobenswert in diesem Zusammenhang ist, dass die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) mit einer Arbeitsgruppe aus kommunalen Experten einen Bericht erarbeiten will, der insbesondere die Bedeutung der Seniorenpolitik für eine zukunftsorientierte Kommune herausstellt. Das Projekt läuft bereits seit Juni 2014 und soll Mitte 2015 abgeschlossen sein. rantlos wird über die Ergebnisse berichten.

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