--- Anzeige ---
WebHosting von Host Europe

Leben zwischen Wut und Glück

Autor Dieter Buchholtz

Irgendwie katastrophal – und doch zufrieden

Wir sind ein Land der Schwarzmaler. Sucht sich doch der deutsche Wutbürger täglich und zielsicher seinen sensationell katastrophalen Stoff, um richtig abzumeckern. In dieser Rolle gefallen wir uns, erlangen schnell Gesprächsmehrheiten, pflegen die German Angst. Rituales Abnicken immer inbegriffen. 

Mit dieser Gewissheit im Nacken zeige ich jetzt mal – nur so als Beispiel – mit spitzem Finger auf den schleichend drohenden Zusammenbruch der Hausarzt-Versorgung. Das müsste doch wohl jeden potentiellen Patienten – insbesondere den älteren – aus seiner medizinischen Komfort-Ecke katapultieren! Oder?

Und wer ist schuld? Na, eben die älter werdende Bevölkerung. Denn je mehr Senioren in unserer Gesellschaft leben, um so mehr von ihnen brauchen einen Hausarzt. Am Beispiel NRW lässt sich das Gesamtproblem gut aufdröseln. 

50 Prozent der Hausärzte in NRW älter als 60

Von den jährlich rund 2000 ausgebildeten Ärzten werden nur 200 Allgemeinmediziner. Dummerweise gehen dann noch etwa 400 Hausärzte pro Jahr in den Ruhestand. Und noch schlimmer: Etwa die Hälfte der 10.700 niedergelassenen Hausärzte in NRW ist älter als 60. Wer also auf dem Land lebt, den trifft dieses Versorgungsdefizit wohl noch stärker. Er muss teilweise schmerzlich auf seinen Hausarzt verzichten, der ihn auch zwischen Krankenhäusern, Fachärzten und Heilberufen lotst. Also eine absolut politische Aufgabe. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) verspricht jetzt auch ein Bündel von Gegenmaßnahmen. Doch noch sind es nur Worte.

Nun haben wir natürlich nicht nur ein einziges Problem. Jetzt, in der dunklen Jahreszeit, droht erneut und als weiteres Beispiel die wachsende Gefahr durch Einbruchskriminalität. Somit kommt ein umfassender Forschungsbericht des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamtes (LKA) gerade recht. Aus dem Bericht purzeln statistisch erhobene Gefahrenelemente in unseren aufnahmebereiten Angstschoß. 

Hochsaison der Einbrecher und Budget-Tricks für Polizei

So erfahren wir, dass am häufigsten freitags eingebrochen wird – besonders in den Monaten November, Dezember und Januar. Also haben wir momentan wohl eine weitere und traurige Hochsaison. Nicht nur der notorische Wutbürger fühlt sich betroffen. Nein, wieder werden die Älteren besonders in Mitleidenschaft gezogen. Denn laut dem NRW-Bericht bevorzugen die Einbrecher insbesondere Einfamilienhäuser älterer Bewohner. Erhellend, aber wenig hilfreich, ist dann die Feststellung, dass Profitäter meistens Türen und Fenster aufhebeln. Nichtprofis greifen eher zu „stumpfer Gewalt“.  

Mobilisieren wir einfach mal unser Gedächtnis für ehemalige Wahlversprechen der Parteien, die die aktuelle NRW-Landesregierung stellen. Versprochen waren für die Polizei zusätzliche Personalstellen. Zugegeben: Die Sache läuft auch. Aber sie hat einen Haken. Denn finanziert werden soll der Brocken durch Einsparungen bei den Renovierungskosten. Für die Polizei in NRW heißt das schlicht: Man nimmt ihnen das Budget-Geld aus ihrer linkenTasche und steckt es ihnen in die rechte Tasche. Manche nennen so etwas Taschenspielertrick. 

Und dann noch der Renovierungsstau in den Schulen

Die immer wieder bemängelten Arbeitsbedingungen für die Polizei werden mit dieser Finanz-Trickserei festgeschrieben oder sogar verschlechtert. Mit Recht spricht der NRW-Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Arnold Plickert, von teilweise unhaltbaren Arbeitsbedingungen. Die Mängelliste der Gewerkschaft: Es teilen sich beispielweise 25 Polizisten eine mobile Dusche. Von Schimmel, Schädlingsbefall, starke Geruchsbelästigungen und Mäusen ist die Rede. Insgesamt gibt es wohl 18 Liegenschaften mit besonders drängenden Problemen.

Immerhin räumt das NRW-Innenministerium den Sanierungsstau ein. Und es kommt sogar der Hinweis, dass man mit dem Finanzministerium rede. Es muss daher den Bürger nicht wundern, wenn die Unterstützung der Bürger durch die Polizei wegen endlos langer Mängellisten eingeschränkt ist. Die dringend erforderliche Motivation für mehr Sicherheit der Bürger im Inneren unseres Landes lässtsich so ganz gewiss nicht steigern. 

Und so könnte man die Wut im Bauch immer weiter steigern. Jedem fallen zig weitere Beispiele ein, was in unserem Land schlecht funktioniert. Ein Stichwort sei noch kurz erlaubt. Die Schulen. Auch hier haben wir einen untragbaren und zunehmenden Renovierungsstau – und eine Überalterung der Lehrerschaft. Aus dieser Situation heraus soll nun motivierter Nachwuchs für eine sich rasant verändernde globale Welt erwachsen. Auch hier kommen wir Älteren wieder ins Spiel. Denn gut ausgebildete, motivierte und leistungsfähige junge Menschen sind wesentlicher Teil unseres Sozialsystems. Sie sichern unsere Renten, wie wir es zuvor auch unseren Eltern gegenüber getan haben. 

Wie nun raus aus der deutschen Jammerschleife?

Darüber hinaus müssen aber die jungen Leute in der Lage sein, ihr eigenes Leben, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Dafür sind gute , um nicht zu sagen: beste,  Schulen unabdingbar. Da aber unser Schulsystem bundesweit so ziemlich marode ist, möchte ich den Zustand ohne Einschränkung als massives bildungspolitisches Versagen bezeichnen. Und wie nun raus aus der deutschen Jammerschleife, die seit zehn Jahren eine Krise verkündet? 

Es gäbe Fakten, die beispielsweise belegen, dass wir in dieser Zeit ein Wachstum hatten und haben, wie es dies seit den viel gerühmten 60er Wirtschaftswunder-Jahren nicht mehr gegeben hat. Das aber reicht – wie wir wissen – dem Wutbürger nicht. Er kann damit nicht zufrieden sein, weil unser Land ja im wörtlichen und übertragenden Sinne voller Baustellen ist. Es ist wohl mehr Überzeugungsarbeit erforderlich, um ein Stück Wut wieder aus dem Bauch zu kriegen.

Glücksatlas: Die Bürger bleiben bei ihrer ihrer Lebenszufriedenheit 

Hilfreich hierbei könnte vielleicht der seit sieben Jahren bestehende Glücksatlas (Studie im Auftrag der Deutschen Post) sein. Er erlaubt uns, statistisch untermauert, die ja nun auch existierende andere Seite der Medaille stärker in den Blick zu nehmen. Immerhin liegt Deutschland im Eurobarometer beim Zufriedenheitsgefühl auf Platz neun. Und es gab sogar in den letzten beiden Jahren eine Steigerung von 7,0 auf 7,11 Punkte. Die wesentlichen Treiber für solch gute Werte sind bekannt. Der Ökonom und Glücksforscher Karlheinz Ruckriegel von der Technischen Hochschule Nürnberg sagt: „Unser wichtigster Glücksfaktor sind gelingende, wertschätzende soziale Beziehungen.“ Für Wohnen und Familie werden daher auch Zufriedenheitswerte von über 7,5 erreicht. Freizeit, Arbeit, Gesundheit und Einkommen folgen mit Abstand.

Es kann doch aber fast nicht sein, dass wir angesichts der täglichen Medienberichte zu Bedrohungen wie Terrorismus oder gesellschaftlichen Entwicklungen wie Zuwanderung so gelassen bleiben. Die Studie belehrt uns eines Besseren. Die Bundesbürger begreifen dies trotz anderer Stimmungsmacherei nicht als Bremse für ihre Lebenszufriedenheit. Und genau an diesem Schnittpunkt kommt erneut die Demographie in unserer Gesellschaft zum Zuge. 

Die Alten hellen statistisch unser Land auf

Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen: „Die Generation über 55 wird immer zufriedener, das ist in fast jedem Land so.“ Rein statistisch gesehen hellen wir Alten also das Land auf. Und wir können sogar Wissenschaftler erstaunen lassen: „Überrascht hat mich, dass sich kleine Jobs im Alter so positiv auf die Lebenszufriedenheit auswirken, besonders bei den gut ausgebildeten Männern“, sagt Raffelhüschen. Und dann filtern die Autoren der Studie noch eine Hammer-Erkenntnis aus ihrer Untersuchung heraus: „Glückssteigernd ist nicht die Gesinnung, sondern die nachhaltige Tat.“ Anders ausgedrückt ist das die alte Erich-Kästner-Weisheit: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

So gesehen sollten wir den Politkern weniger Gesinnung, aber mehr Nachhaltigkeit im Handeln wünschen. Das macht dann ja wohl uns Bürger glücklich und vielleicht auch die Politiker.

Dieter Buchholtz




--- ANZEIGE ---