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Jogging-Point

Ich bin gern altmodisch

Gisbert-72

Autor Gisbert Kuhn

Es gibt Tage, an denen es richtig Spaß macht, den „Altmodischen “raushängen zu lassen. Das beginnt meistens schon, wenn man frühmorgens beim Brötchen holen mit diesem unpersönlich-betonunglosen „Hallo“ begrüßt wird. Da löst häufig das eigene, fröhliche „Guten Tag“ nicht nur bei der Verkäuferin, sondern auch beim größten Teil der anderen Kunden Verblüffung und Sprachlosigkeit aus. Aber die Gesichter sprechen Bände: „Hallo, wer und was ist das denn…?“ Wenn ich dann auch noch nachlege mit einem „Ich wollte Ihnen allen nur einen schönen Tagesverlauf wünschen“, verbreitert sich das lautlose Erstaunen gern in ein erkennbares: „Ja Hallo, geht´s noch? Aus welcher Zeit kommt der denn?“

Selbstverständlichkeiten

Die Frage wäre, so es denn gewünscht würde, leicht zu beantworten: Der kommt aus einer Zeit, in der es nicht nur üblich, sondern ganz selbstverständlich war, dass man (selbst beim Eintritt in Arztpraxen) einander deutlich und verständlich grüßte. In der junge Menschen zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln (auch nach Schulschluss) Alten und Gebrechlichen Sitzplätze anboten. In der man (ganz unabhängig vom Alter) für andere Leute die Tür öffnete und diese auch bis zum vollendeten Eintritt offen hielt. In der sogar der männliche Teenager seiner Freundin in den Mantel half und diese sich einfach nur dafür bedankte. Ja, in der es sich natürlich auch gehörte, zu besonderen, vor allem persönlichen Fest-, Feier- oder auch Trauertagen handschriftlich zu gratulieren, beziehungsweise zu kondolieren.
Erzählt hier jemand vom ausgehenden Mittelalter? Ach wo. Sondern nur von Zeiten, die gerade einmal zwanzig bis 40 Jahre zurück liegen. Also doch von der angeblich so „guten alten Zeit“. Das ist Quatsch. Denn die hat es, wenn man bloß ein wenig in der Sprach- und Sittengeschichte blättert, nie gegeben. Warum sonst hätte der alte Denker Sokrates (470 – 399 v. Chr.) verzweifelt den Kopf geschüttelt: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten, und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Sie widerspricht den Eltern, kleckert beim Essen und tyrannisiert die Lehrer“. Und auch sein etwa gleich alter Kollege Aristoteles verspürte zu seinen Lebzeiten „überhaupt keine Hoffnung mehr für die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt“. Um es daher kurz mit den Worten des gelehrten Rabbi Ben Akiba in Karl Gutzkows Tragödie „Uriel Acosta“ zu sagen: „Alles schon mal da gewesen“.

„Was Du nicht willst, das man Dir tu…“

Wahrscheinlich würde ein heutiger Lehrer bei der Mehrzahl seiner Schüler – falls überhaupt – nur verständnisloses Achselzucken auslösen, wenn er eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für vernünftiges menschliches Zusammenleben mit der antiquiert anmutenden Formel in den Köpfen zu verankern versuchte: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg´ auch keinem Andern zu“. Kein Wunder, stammt dieser Satz als „Goldene Regel“ doch auch schon aus dem 18. Jahrhundert! Und ist damit als Verhaltensmaxime mindestens so uncool wie die Vorstellung, mit dem Essen so lange zu warten, bis Alle am Tisch versammelt sind. Aber würde eine, unserer Zeit sprachlich angepasstere, Wortform auf größere Zustimmung stoßen – etwa: „Ein eingeschlagener Schädel (wahlweise: Eine gebrochene Rippe) ist keine Lösung?“
Es seien doch immer nur Einzelne, im gröbsten Fall Minderheiten, die mit Randale und Vandalismus auffielen, und man dürfe bloß nicht verallgemeinern. So ist täglich in den klugen Spalten der Gazetten zu lesen, und so klingt es aus den Kommentaren der elektronischen Medien. Ja, das tut doch auch – erstens – kein vernünftiger Mensch, und deswegen kann man – zweitens – diese Beschönigungen und sprachlichen Weichspülereien allmählich nicht mehr hören. Jedes Wochenende stürmen viele Hunderte, ja Tausende von Gruppen in die Fußballstadien, allein um sich zu prügeln und andere auf die verschiedensten Arten zu schädigen. Das sind nicht mehr zu vernachlässigende Minoritäten! Das sind auch nicht – wie die Medien sie zu bezeichnen pflegen – „gewalt b e r e r e i t e  Fans“! Das sind, schlicht, zu Gewalt, Zerstörung und Schädigung von Gesundheit  e n t s c h l o s s e n e  Kriminelle. Dass die unsäglichen „Pyros“ und Böller mit ihrer Sprengwirkung bislang noch keine Todesopfer gefordert haben, gleicht im Grunde ohnehin einem Wunder. Zumal diese Übergriffe auf Zuschauer, Spieler und Schiedsrichter mittlerweile selbst vor den untersten Ligen keinen Halt machen.

Hilflose Erklärungen

Dabei sind die Fußballplätze ja nur ein Bereich, auf den sich Aggressionen und Aggressivitäten konzentrieren. Sicher, das ist nicht nur hierzulande so. Und so vielfältig wie die Gewaltausbrüche sind, so zahlreich sind stets auch die Erklärungsversuche. Selbstverständlich ist es so, dass soziale Umstände, menschenunwürdige Wohnsituationen etwa in den modernen Mietkasernen, Benachteiligungen wegen Herkunft, Sprache und Bildungsumfeld im Allgemeinen jungen Menschen häufig den geraden Weg verbauen. Aber für die Horden, die sich allein zum Prügeln verabreden und dabei weder Sachen noch Personen verschonen, gilt das nicht. Bei denen ist der arbeitslose Schulabbrecher genauso vertreten wie der Bankanstellte und das Mitglied eines mittleren Industrie-Managements. Kürzlich (nach den Exzessen am Kölner Hauptbahnhof) verstieg sich sogar ein Anwalt aus Mönchengladbach, ein Mittdreißiger und Teilnehmer an den Krawallen, im Internet zu einer umfassenden „Erläuterung“ der Motive der Schläger. Im Prinzip sei dies nichts anderes als ein normaler Boxkampf, nur halt mit mehr Leuten. Für einen Fight im Ring, freilich, gelten immerhin Regeln…
Ein früherer Kanzler dieser Republik wurde stets belächelt, wenn er vernünftiges menschliches Handeln und Zusammenleben auf eine Weisheit seiner Großmutter verkürzte: „So etwas tut man, und so etwas tut man nicht“. Ja, das ist altmodisch. Aber es fasst in ganz wenigen Worten vieles zusammen, was keine Milliarden schweren Sozialprogramme erfordert, keine teuren staatlichen Maßnahmen und auch nicht den Einsatz gut bezahlter Psychologen und Psychiater. Es erfordert lediglich die Rückbesinnung, aber auch das Weitergeben von einfachen, an sich selbstverständlichen Leitlinien. Dazu gehört Höflichkeit, Rücksichtnahme (vor allem auf Schwächere), Hilfsbereitschaft und nicht Wegschauen . Dazu zählt freilich auch das, was der Nobellinke Oskar Lafontaine einmal in Richtung von Helmut Schmidt als „Sekundärtugenden“ diffamierte: Verlässlichkeit, Disziplin, Zuverlässigkeit, Einsatzbereitschaft – kurz: der Wille zur Leistung.

Einhalten der Gesetze

Wir halten uns zugute, ein sozialer Staat zu sein, der auch auf Recht und Ordnung achte. Und trotzdem lassen wir zu, dass jedes Jahr abertausende junger Menschen entweder die Schule gar nicht besuchen oder sie abbrechen. Wie kann das sein? Schließlich herrscht bei uns Schulpflicht. Was hat es mit Recht und schon gar mit Gerechtigkeit zu tun, wenn Eltern – mit welchem nationalen Hintergrund auch immer – sich schlichtweg weigern, der Pflicht nachzukommen und ihre Kinder zur Schule zu schicken? Der demnächst entnervt in den Ruhestand gehende Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, löste wilde Protestschreie auch in seiner eigenen, sozialdemokratischen Partei, mit dem Vorschlag aus, solchen Familien das Kindergeld zu streichen. Schließlich verbauten sie mit ihrem Verhalten dem eigenen Nachwuchs alle Zukunftschancen. Dabei zeigt die Lebenserfahrung, dass bei vielen Menschen wirklich nur über das (öffentliche) Geld auch akzeptables Verhalten zu erzielen ist. Und die Tatsache, dass nicht nur in dem Berliner Problembezirk inzwischen bereits die dritte Familientradition „hartzt“, spricht nun wirklich nicht für die Sinnhaftigkeit des Systems.
Als im Nachkriegsdeutschland die Marktwirtschaft Einzug hielt, wurde sie mit dem Prädikat „sozial“ versehen. Ein Kern daraus ist das aus der Christlichen Soziallehre stammende „Subsidiaritätsprinzip“. Dieses setzt zunächst einmal auf die Fähigkeiten jedes Einzelnen, für sich und seine Umgebung zu sorgen. Und nur dort, wo die Fähigkeiten oder Umstände dazu nicht gegeben sind oder nicht ausreichen, ist die Solidarität der Allgemeinheit gefordert – also der Staat. Inzwischen hat sich dieses (ebenso richtige wie vernünftige) Prinzip längst in sein Gegenteil gekehrt. Im Wettlauf um Volksbeglückung und damit natürlich Wählerstimmen überbieten sich die Parteien darin, den Staatsanteil ständig weiter zu erhöhen und damit die individuelle Leistungsfähigkeit und den persönlichen Schaffenswillen zu minimieren. Natürlich macht die Gesellschaft dabei gerne mit. Geschenke sind allemal angenehmer als es die eigene Anstrengung ist.

Na denn…

Was das alles mit dem Bekenntnis zum Altmodischen zu tun hat? Viel und auch gar nichts. Es ist allerdings ein gutes Mittel, um einmal wieder den eigenen Kropf zu leeren und – vielleicht – auf Zustände und Entwicklungen aufmerksam zu machen, die sich in der Gesellschaft aufgrund deren eigenen Verhaltens und nicht zwangsläufig wegen politischer Vorgänge vollziehen. Um Kindern das „danke“ und freundliches Grüßen beizubringen, bedarf es gewiss keiner Gesetze. Nicht zuletzt deshalb ist die alte Oma-Weisheit „das tut man, und das tut man nicht“ wirklich gut. Vor diesem Hintergrund ist es denn auch nicht schwer, gern almodisch zu sein. Na denn…

 Gisbert Kuhn

P.S.: Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, wie viele Menschen (vielleicht auch Sie selber) egal welche Tätigkeit mit einem Stereotyp wie „Na denn“ oder einem lang gezogenen „Soooo…“ beginnen? Was damit gesagt werden soll? Überhaupt nichts. Nur so, halt.





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