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Gestern war anders

Abmeckern über alles und jedes

Kurz vorweg

Telefon, Autoverkehr und Fernsehen… Daran kann sich täglich gerieben werden. Eins wird dabei schnell klar: Früher war anders! Wer wollte das bestreiten? Aber war es deshalb gleich besser? Es kommentiert ein Lebensoptimist mit ausgeprägter Meckerallergie….

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Sorgt immer für Diskussionen: Vandalismus

Irgendwie fühle ich mich in meiner Alterskohorte (so um die 70 Jahre) etwas einsam. Um mich herum wird ständig kräftig abgemeckert. Favorit ist natürlich die Gesundheit, sorry, die Krankheit. Und ganz schnell sind meine vordergründig lebensfrohen Leidensgenossen beim miesen TV-Programm, beim mörderischen Autoverkehr mit aggressiven Fahrerinnen und Fahren, bei der Katastrophe mit den Lebensversicherungen (Prämien futsch), bei der Angst vor Einbrecherbanden, beim jugendlichen Vandalismus (schlecht erzogen), bei eventverwöhnten jungen Menschen, die bis tief in die Nacht mit ihrem Krach die wohlverdiente Ruhe der Älteren massiv stören usw. usw.

„Aber wir sind doch Weltmeister….“ starte ich immer wieder einen hilflosen und zugestanden willkürlichen Entspannungsversuch über das gerade noch aktuelle traumhafte Wir-Gefühl. Entgegen schlägt mir meist ein „Das ändert auch nichts an den ja nun wirklich nicht zu leugnenden Katastrophen“. Womit ich mir unmittelbar folgend oft einen Thesen-Niederschlag zum Wetter anhören muss. Klar, das habe ich inzwischen gelernt: Das Wetter war früher einfach besser. Um Gottes Willen auch kein Wort über die heute so präzisen Wettervoraussagen. Denn auf diese mediale Show kann man sich auch nicht verlassen. Und genau an diesem Punkt beginnt sich meine Wahrnehmungseinsamkeit ins Unendliche zu dehnen. Denn meine Erinnerungen an das herrlich romantische Früher kommen zumeist zum Ergebnis, dass heute vieles doch um Klassen besser ist.

Ratlos vor Omas schwarzem Telefon

Altes_kl_TelefonBeispiel Telefon. Wenn ein Sechsjähriger eben noch mit dem Smartphone eine SMS rausschickt und wenig später ratlos vor Omas schwarzem Bakelit-Telefon steht, dann wird deutlich, was sich in wenigen Jahrzehnten massiv verändert hat. Der kleine Mann weiß mit der riesigen und laut sich drehenden Wählscheibe nun wirklich nichts anzufangen. Und Oma kann nicht verstehen, dass ihr Enkel die erledigte SMS einfach wegwischt. Bei solchen Begebenheiten wachsen in mir verloren gegangene Bilder.

Auch wir besaßen dieses schwarze Ungeheuer. Jahre hatten meine Eltern auf den Anschluss gewartet. Und dann stand das Wunderwerk in der Diele mit Häkel-Deckchen, Schreibutensilien, einem handgeschriebenen Telefonverzeichnis – und einem Loch in der Wand. Das hatte der Fernmeldetrupp gebohrt. Hinzu kamen immer mehr Nachbarn zu uns. Sie wollten nur mal eben kurz telefonieren. Und die Gebühren! Also hieß es insbesondere bei Ferngesprächen sich wirklich kurz zu fassen. Und die Qualität der Verständigung – na, ja….

Da freue ich mich heute riesig, dass ich ohne in der Warteschleife des damaligen Staatsunternehmens Deutsche Bundespost über viele Jahre zu vertrocknen, beim Provider in der Fußgängerzone (hat es früher auch nicht gegeben) einen Vertrag abschließen kann. Und Minuten später bin ich im Netz. Von den vielen zusätzlichen App-Möglichkeiten ganz zu schweigen. Dazu gehört auch die jederzeit abrufbare Wettervoraussage, damit wir beim Grillen nicht im Regen stehen. Traumhaft.

In vielen Fällen – manchmal auch mit Hilfe junger Leute – musste ich umlernen, um den plötzlichen Kommunikationskomfort in der Hand voll auszunutzen. Ich habe aufgehört, andauernd Zettel zu schreiben. Eine jahrzehntelange Gewohnheit lässt sich eben nicht so schnell über Bord werfen. Es ist zuweilen sehr mühsam, einer von heute zu sein…

Dagegen höre ich von meinen Jahrgangsverbündeten: „Damit fange ich erst gar nicht an. Mir reicht ein einfaches Telefon. Außerdem hört man ja ständig von Abhörpraktiken…“ Dass so ein modernes Telefon im Alter auch sehr hilfreich sein kann… Ich wage es nicht zu sagen. Es wird mit einer großen Wegwischgeste abgemeckert – und fertig.

Romantiker des Neuen?

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Online-Banking, leicht gemacht, wie bei der Postbank ©Postbank

Beispiel Internet. „Viel zu gefährlich“ höre ich die Weisen aus dem Altersland. Online-Banking – das sei ja fast lebensbedrohend. Eine Reise buchen… geht nur beim Reisebüro des Vertrauens. Seit Jahrzehnten habe man das so gemacht. Einkaufen von vielen kleinen und großen Nützlichkeiten zu günstigen Preisen – vergiss es. Denn – das weiß doch jedes Kind, und es sind sich vor allem die erfahrenen Seniorinnen und Senioren sicher: Das Netz ist voller Betrüger. Dein Geld siehst du wahrscheinlich nie wieder.

Meine beweisführenden Versuche, dass ich vieles davon schon seit Jahren mache, erzeugen nur müdes Lächeln: Haste halt Glück gehabt. Dass ich mein neues Auto übers Internet zu einem hervorragendem Preis gekauft habe, fordert meine Gegner zum letzten schlagenden Argument heraus: „Damit machst Du und ihr Digitalversessenen den Einzelhandel kaputt. Ich möchte meinem Verkäufer noch in die Augen sehen.“ Wenn ich dann versuche damit zu kontern, dass meine vorangegangenen Versuche die Hilfe kompetenter Verkäufer in Anspruch zu nehmen, häufig eher fehl geschlagen sind, kommt nur: „Kann mal passieren… Sind doch auch nur Menschen.“ Ach! Und wieder werde ich im Nirwana größter Einsamkeit zurückgelassen. Bin ich gegen eine für jeden – vor allem Älteren -sichtbaren Realität ein unverbesserlicher Romantiker des Neuen?

Früher war ohne Airbag

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Fahren ohne Gurt, früher meist tödlich

Beispiel Autoverkehr. Um es kurz zu machen: Meine pessimistischen Lebensbegleiter und …rinnen halten den heutigen Autoverkehr für eine Dauerkatastrophe. Früher war rücksichtsvoller usw. Ich dagegen: In den 60er Jahren gab es die meisten Verkehrstoten. Die Autos damals waren mörderisch – ohne Airbag, mit festen Lenkstangen, die zu Spießen beim frontalen Aufprall wurden und selbstverständlich ohne Sicherheitsgurt, denn man wollte ja ein freier Autofahrer sein.

Da lobe ich mir das Heute mit doch erheblich mehr Verkehrsdisziplin, unendlich mehr technischer Sicherheit… Und dann mit dem Smartphone und einem ADAC-App für den gegenüber früher eher sehr seltenen Fall einer Panne. Ich steige nach solchen altersgleichen Abreibungen gerne in mein klimatisiertes Auto und freue mich über die Assistenzsysteme, die mir das Fahren im Alter möglich und sicher machen.

Verpixelte Erinnerung

Nun das absolut letzte Beispiel: Früher durften die Kinder nicht so wahnsinnig viel fernsehen wie heute. Wir alle sind das beste Beispiel dafür, dass ohne TV auch was aus der Generation der Babyboomer geworden ist! Oder doch nicht? Na, ja. Ich erinnere, dass ich 1954 als Zehnjähriger auf einer Mauer saß und durch ein geöffnetes Fenster in eine langgezogene Kneipe hineinschauen konnte. Ganz hinten an der Wand der in weitester Umgebung einzige Fernseher – schwarz weiß natürlich und mit einer grauenhaften Auflösung. Ja, das war spannend und irgendwie auch schön. Aber eben auch völlig verpixelt.

Umso mehr freue mich in einer Art WM-Rückschau, dass ich viele herrliche Fußballspiele zu Hause in exzellenter Auflösung, groß und in Farbe genießen konnte. Und dass wir heute im Rudel public viewen können, macht mich doch sehr froh, heute zu leben und diese Annehmlichkeiten zu genießen. Und schon höre ich meine Meckerfreunde: „Man sieht ja, was für ein Quatsch bei dieser Fußballschau in Berlin rausgekommen ist. Diese politisch völlig unkorrekte Aufführung einer Fußball-Weltmeister-WG und einer Gegenüberstellung niedergeschlagener Gouchos mit jubelnden aufrechten Deutschen zeigt doch wieder, dass diese mediale Welt einfach kein Maß kennt.“

Kopfschütteln über #gouchogate

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Deutsche Nationalspieler beim Gaucho-Tanz

Also gut: Ich hatte bei der emotionalen Fußballer-Vorführung, weil ich ja auch zu diesem vielleicht besonders meckrigen Jahrgang gehöre, ein leicht mulmiges Gefühl. Man ist ja schließlich mit der unseligen deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbandelt… Aber das ist nun vorbei, muss ich mir angesichts von schwarz-rot-goldenen Freudenszenen ganz bewusst sagen. Und junge Leute schauen mich verwundert an, wenn sie meinen angestrengten Bewältigungszwang erleben. Ich schlage mich einfach aus dem Bauch heraus auf die Seite derer, die diesen und den eigenen Sommertraum schlicht genießen. Und dann freue ich mich, dass Innenminister de Maizière Reaktionen auf das #gouchogate als „völlig hysterisch und übertrieben“ klassifisiert hat. Es geht offensichtlich auch bei schon reiferen Persönlichkeiten anders. Einfach mal freuen – ohne intellektuellen sauren Nachgeschmack – geht doch.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich finde heute beileibe nicht alles nur gut. Ich freue mich einfach nur, in der heutigen Zeit mit ihren sehr schönen, aber sicher auch unschönen Dingen zu leben. Da bin ich einfach einer dieser Teflontypen, an denen das notorische Abmeckern miesgrämiger Altersgenossen locker abperlt. Ich nehme mir das Recht auf ein positives Lebensgefühls. Nicht immer einfach!

 

Dieter Buchholtz




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