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Gelegenheit macht Triebe

Partnerschaft und Sexualität sind ein schier unendliches Feld – auch von Missverständnissen. Die bisher in unseren Kreisen favorisierte Form der romantischen Zweisamkeit ist noch gar nicht so alt. Erst um 1800 wurde im Zuge der Romantik aus der Zweckgemeinschaft (meistens als Ehe geführt) eine Liebesbeziehung. Liebe als Voraussetzung zur Ehe. Das war neu. Ebenso wurde die Idee der Fortpflanzung ergänzt um die sorgende, liebende Elternschaft. Somit wurde plötzlich aus der bürgerlichen Versorgungsehe eine Liebesheirat. Sexualität verschwand hinter den Schlafzimmertüren.

Aber auch vorher gab es Liebesbeziehungen. Diese allerdings außerhalb der Ehe. Das Mittelalter zeugt von einem zum Teil recht ausschweifenden Sexualleben. Gegen diese tolerierten Eskapaden ist unser heutiges Verständnis von Sexualität geradezu verklemmt. Was man russischen Herrscherinnen und den alten Griechen alles so nachsagt, treibt dem heute angeblich aufgeklärten Menschen die Schamesröte ins Gesicht.

One-Night-Stand ist keine Lösung

Paul Pawlowski

Paul Pawlowski

Was ist heute los in Sachen Beziehung und Sexualität. Unsere Industriegesellschaft ist von Single-Haushalten, Alleinerziehenden und einer hohen Scheidungsrate gekennzeichnet. In manchen Ballungszentren ist die Hälfte der Haushalte Singlehaushalte. Eine Reihe von Studien haben erkundet, dass natürlich ein Single sexuelle Bedürfnisse hat, aber diese nur recht unzureichend befriedigen kann. Zwei Drittel der Single-Männer und rd. 64 Prozent der befragten Single-Frauen bezeichnen ihr Sexualleben als unbefriedigend. Über 95 Prozent der Sexualkontakte finden immer noch in bestehenden Partnerschaften statt.

One-Night-Stands haben inzwischen ihren Reiz verloren und…. sie sind anstrengend. Immer aufs Neue auf der Jagd oder aufbrezeln zur Präsentation. Hinter verschlossenen Türen dachten schon Unternehmensberater über diesen Missstand nach. Stressabbau durch Sex. Wissenschaftlich nachgewiesen ist Sex ein besseres Mittel als Sport und der Gang an die frische Luft. So halten sich hartnäckig die Gerüchte, dass manche Unternehmen ihren Single-Führungskräften beiderlei Geschlechts diese Art von Stressabbau finanzieren. Dieses als Investition in den Leistungserhalt für ihr teures Humankapital.

Sex der Gelegenheiten

Seit den Mitte 1990er Jahren greift eine besondere Form der Zweckgemeinschaft Raum. „Casual-Sex“ nennen es die Briten, recht derb „Fucking Buddies“ die Amerikaner,  „Friends with benefits“ nennen es feinfühligere Englisch-Muttersprachler. Ein Versuch der Übersetzung ins Deutsche spricht sachlich nüchtern von „Gelegenheitssex“. All das bezeichnet ein lockeres, zeitweise intimes Verhältnis zwischen zwei Menschen, die sich mögen. Sie kennen und vertrauen sich. Keine Eifersuchtsanfälle, keine emotionalen Erpressungsversuche. Nur ein guter Kumpel, plus eben gelegentlichen Geschlechtsverkehr in aller Ungezwungenheit.

Ist dieses nun eine Errungenschaft der „Evolution“ und eine neue Form des urbanen Lebens? Aus der Not eine Tugend machen könnte es aber auch treffen. Prekäre Arbeitsverhältnisse, wechselnde Jobs, grenzenlose Mobilität und kaum eine gesicherte Lebensplanung ist keine Basis für eine langfristige Perspektive, schon gar nicht für eine Gemeinsame. Dazu kommt die schwindende Bereitschaft, sich verantwortlich in eine Beziehung, Bindung zu begeben. Das erfordert Kompromisse, Rücksichtnahme und ein hohes Maß an Akzeptanz des Gegenübers. In der individualisierten Gesellschaft haben solche Verbindungen ihren Reiz und auch den „benefit“ verloren. Nun schlägt die Kehrseite der Medaille zu. Der Verlust von Nähe, Solidarität und auch gemeinsamer Körperlichkeit. Diese Form von „Beziehung light“ bietet etwas Vertrauen, emotionalen, zeitliche begrenzten, Rückhalt und auch gelegentlichen Sex.

Brunftzeit des homo sapiens

In einer Recherche berichtete mir eine Singlefrau (Anfang 50), dass es zu sexuellen Begegnungen mit solchen Bekannten besonders in persönlicher Krisensituation kommt. Ärger im Job, Stress mit dem Wochenendpartner und familiäre Streitigkeiten lassen dann zwei einsame Seelen auch unter eine Decke kriechen. Alles ohne weitere Verpflichtung. Ratgeber für diese Art der Beziehung weisen immer auf die Falle hin, sich doch zu verlieben. Dann ist es aus mit der Unverbindlichkeit.

Ihr ist es dann doch passiert – bis über beide Ohren verliebt. Jetzt gibt es ein Phänomen, das in der Psychologie bekannt ist. Die gelebte Trennung von Sex und Liebe wieder zusammen zu bekommen. Dieses scheint sehr schwierig zu sein. Dagmar O’Connor ist eine der renommiertesten Sexualtherapeutinnen Amerikas. Sie vertritt die These, diese Trennung sei kaum wieder aufzuheben. Im „Journal of Sexual Medicine“ wird berichtet, dass Lust etwas mit unserem Belohnungssystem zu tun hat, Liebe aber auch mit Gewohnheiten und Süchten verknüpft ist. Die Neuverknüpfung der Synapsen, die durch die Trennung von Lust und Liebe entsteht, lässt diese sinnliche Wahrnehmung nicht mehr als eine mögliche Gemeinsamkeit erscheinen.

Ob es eine evolutionäre Entwicklung der Menschheit ist, wird in der Sexualforschung und auch Philosophie heftig diskutiert. Der etwas resignierende Satz meiner Gesprächspartnerin drückt das Dilemma aus: „Warum gibt es keine Brunftzeit beim homo sapiens..?“

Paul Pawlowski (pp)




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