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Früher war alles besser

Gisbert Kuhn

Gisbert Kuhn

 „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen“. Und weiter: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wenn sie arbeiten sollte. Die jungen Leute… widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer“. Fazit dieser deprimierenden Erkenntnisse: Früher war eben alles besser! Kommt Ihnen das nicht irgendwie bekannt vor? Freilich – um dieses „früher“ (also die mutmaßlich wirklich paradiesischen Zeiten der Menschheit) zu finden, müsste man schon rund zweieinhalbtausend Jahre zurückgehen. Denn aus jener antiken Epoche stammen die oben zitierten Klagen. Mehr noch, es sind zwei der hervorragendsten Denker der zivilisierten Menschheit, die solcherart in Kultur- und Zukunftspessimismus versanken: die griechischen Philosophen Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) und Sokrates (469 – 399).

Von Generation zu Generation

Mit anderen Worten, seit weit über zwei Jahrtausenden geht es mit uns unaufhaltsam bergab. Man mag sich gar nicht vorstellen, wo und wann das eigentlich einmal enden soll. Schließlich ist ja ganz offensichtlich jede Generation in der Geschichte auf die Einsicht gestoßen, früher sei alles besser gewesen. Wir haben das selbst oft genug von unseren Eltern und die von ihren Eltern gehört. Und, Hand aufs Herz, wie oft haben wir uns selbst schon dabei ertappt, diese „Weisheit“ ebenfalls von uns zu geben. Dabei weiß natürlich jeder vernünftige Mensch, dass das Unsinn ist – wie nahezu alle scheinbar so einfachen Wahrheiten auch. Wer möchte denn (gar noch nicht so lange her) in einer Zeit leben, in der auch bei uns Kinderarbeit normal, industrielle Ausbeutung und Rechtlosigkeit an der Tagesordnung sowie Armut und fehlender sozialpolitischer Schutz gang und gäbe waren? Wer (zeitlich noch näher) die verfallenden Städte und die von Raubbau zerstörte Umwelt in der DDR noch in Erinnerung hat, wundert sich wahrscheinlich schon über die Unverfrorenheit, mit der Politiker der damals allein herrschenden (mittlerweile freilich zweimal umgetauften) Staatspartei SED = Die Linke heute die Verhältnisse in unserem Land geißeln.

dampfwagen

Dampfwagen um 1830

Nein, natürlich ist nie früher „alles“ besser gewesen. Sowenig wie, im Umkehrschluss heute alles „besser“ wäre als in der Vergangenheit. Es ist, ganz einfach, in unserer Gegenwart ziemlich viel anders als es noch vor ein paar Jahrzehnten war. Das mag beklagen, wer will  – ändern kann es niemand. Dass es manchen schwerer fällt, mit den „neuen“ Verhältnissen klar zu kommen als anderen, ist ebenfalls keine bahnbrechende Erkenntnis. Das hat, nicht zuletzt, seinen Grund in dem sich geradezu explosionsartig vollziehenden Fortschritt bei der Informationstechnologie, den modernen Medien. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, diese Entwicklung mit der ersten industriellen Revolution in der Folge der Erfindung der Dampfmaschine zu vergleichen. Die Überforderung vieler Menschen war und ist – damals wie heute – vergleichbar. Im 19. Jahrhundert hat die Dampfkraft unendlich viel Gutes für die Menschen gebracht. Aber auch unvorstellbares Elend über die Menschen in den Fabriken, Bergwerken, Wohnkasernen. Nein, früher war keineswegs alles besser…

Ende des eigenen Denkens?

Heute (und vermutlich noch auf lange Zeit) kann niemand auch nur annähernd abschätzen, in welchem Verhältnis sich irgendwann einmal Segen und Fluch des elektronisch-digitalen Zeitalters einpendeln werden. Dass es in vielen Bereichen des täglichen Lebens gravierende Veränderungen auslöst, ist dagegen längst klar. Natürlich auch Erleichterungen, etwa bei der Kommunikation, bei der Informationsgewinnung – und sei es nur, um mal eben ein Kochrezept aus dem Internet herunterzuladen. Allerdings ist Anderes ebenfalls zu beobachten. Zum Beispiel die deutliche Gefahr einer Verdrängung von teilweise Jahrtausende alten Kulturerrungenschaften wie Lesen und Schreiben. Immer weniger Menschen greifen zum Buch, Zeitungen und Zeitschriften befinden sich mitten im Überlebenskampf.

Das könnte man vielleicht ja noch achselzuckend mit dem Hinweis abtun, dass eben in der ganzen Geschichte der Menschheit das Neue das kraftlos gewordene Alte abgelöst habe. Aber so leicht darf man es sich auf dem Gebiet der Medien nicht machen. Journalismus, also Informationsgewinnung und –vermittlung, hat eine andere Qualität als der Verkauf von Schnürsenkeln. Informiert zu sein, hängt mit der Fähigkeit zum aufmerksamen Lesen und Bewerten des Angebots zusammen. Und das, wiederum, ist abhängig von der sorgfältigen, verständlichen Aufbereitung mitunter höchst schwieriger, komplexer Zusammenhänge. Das strengt natürlich an – sowohl den „Lieferanten“ als auch den „Abnehmer“. Denn Letzterem wird die Mühe abverlangt, eigenständig und kritisch mitzudenken. Ersterer allerdings hat die Pflicht, Fakten, Vorgänge und Personen so genau, übersichtlich und nachvollziehbar niederzulegen, dass sich jeder daraus unschwer sein eigenes Bild formen kann. Das ist Journalismus – oder sollte es zumindest sein. Er soll Menschen zum Denken anregen, auf keinen Fall aber zum Gegenteil.

Rudel-Journalismus

Was das mit Aristoteles, Sokrates und der nostalgischen Dauerklage zu tun hat, dass früher immer alles war? Nun, es führt direkt zu der Behauptung, dass zumindest in dem für die staatsbürgerliche Bildung immens wichtigen Bereich der Berichterstattung „früher“ tatsächliche vieles deutlich besser gewesen ist. Noch vor etwa zehn Jahren hatte ein Reporter einigermaßen ausreichend Zeit zwischen Ereignis und Niederschrift – Zeit zum Nachdenken und inhaltlichem Sortieren. Das ist vorbei. Man achte bei der Übertragung von Pressekonferenzen nur einmal auf das Heer der Schreibenden mit ihren Tablets und Notebooks auf den Knien. Da wird sofort in die Tasten gehämmert – notfalls sogar ein Kommentar, der doch eigentlich in besonderer Weise vorheriges Überdenken erfordern müsste. Aber das ist ja unmöglich. Denn in den Redaktionen wird so rasch wie möglich eine Druckfassung erwartet und im Anschluss daran sofort eine weitere für die online-Ausgabe. Sorgfalt? Sorry. Im Prinzip natürlich gern, aber…

Aus diesem Druck, ja Zwang, hat sich inzwischen eine besondere Spezies entwickelt: der Rudel-Journalismus. Das heißt, eine große Zeitung (etwa die Süddeutsche“) oder ein Magazin (z. B. „Der Spiegel“) geben bei einem mehr oder weniger, tatsächlich oder vermeintlich brisanten Vorgang eine Bewertung vor – und schon hängt sich die ganze Meute an diese Wertung an. Das mag in der Tat ein bisschen überspitzt formuliert sein, ändert aber nichts am Wahrheitskern der Aussage. Ein aktuelles Beispiel gefällig? Nehmen wir die mediale Begleitung des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück im noch laufenden Bundestagswahlkampf. Nun kann ja jeder parteipolitisch zu ihm und seinen Sachaussagen stehen wie er will. Aber eines ist (aus journalistischem Blickwinkel betrachtet) unmöglich. Nachdem ihm zu Beginn der Kampagne einige (ohne Zweifel auch gravierende) Fehler unterlaufen waren (Rednerhonorare, Politikergehälter), hatte er bei den Schreibern und Sendern keine Chance mehr. Alle schrieben nur noch von Pannen und Fettnäpfchen und warteten ausschließlich auf die nächsten, um sich sofort mit Genuss darauf zu stürzen.

Kein falsches Mitleid

Steinbrück

Peer Steinbrück
©süddeutsche zeitung magazin

Damit kein Missverständnis entsteht – hier geht es nicht um falsches Mitleid. Niemand hat Peer Steinbrück gezwungen, sich der Kanzlerkandidatur auszusetzen. Und natürlich stimmt die alte Weisheit, wer keine Hitze vertrage, sollte besser die Küche meiden. Aber das Wohl und Wehe des Staates hängt doch nun wirklich nicht davon ab, ob der Regierungschef lieber einen guten (also teureren) Rotwein trinkt und – zu Recht – feststellt, dass jeder Direktor einer größeren Sparkasse besser bezahlt wird als jemand, der im Ernstfall sogar über Leib und Leben entscheiden muss. Ja, selbst das Foto mit dem „Stinkefinger“ hätte man durchaus mit einem Schuss Humor betrachten können; schließlich sind Euro-Krise und das Morden in Syrien ohne Zweifel wichtiger. Man hätte auch in Kommentaren und Hintergrundberichten die Frage erörtern können, inwieweit der Steinbrück von vor seiner Kandidatur, ausweislich seiner Reden und Buchveröffentlichungen, noch mit dem Steinbrück übereinstimmt, dem seine Partei einen Mann wie den Gewerkschafter Wiesehügel aufgedrängt hat. Einen Mann also, der in nahezu allen Belangen für exakt die gegenteilige Position steht, als der sozialdemokratische Frontmann. Eine solche mediale Auseinandersetzung wäre für den Kandidaten auch kein Zuckerschlecken gewesen. Aber es hätte sich um eine öffentliche Begleitung mit Fairness und intellektueller Konfrontation  gehandelt.

Ach so, die Ausgangsthese. Ja, früher ist in der Tat vieles besser gewesen. Jedenfalls diesem Gebiet.

Gisbert Kuhn

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    Berlin, Stadtbezirk Lichtenberg. Normannenstraße, Magdalenen Straße, Frankfurter Allee, Ruschestraße. Ein Karreé von rund 350 auf 300 Meter, einer Fläche von gut 10 Hektar, dicht bebaut mit „schönsten“ Plattenbaukomplexen, bis zu 14 Stockwerke: Hier residierte einst in Ost-Berlin – DDR-amtlich: Hauptstadt der DDR – Erich Mielke („Ich liebe Euch doch alle!“)…
    Tags: man, heute, menschen, noch, nur, schon, so, natürlich, diese, besser




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