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Früher war alles besser!?

Gefährliche „Früher-alles-besser-Stimmung“

Autor Dieter Buchholtz

Ja, wir haben es in jungen Jahren gehasst. Wir konnten und wollten es einfach nicht mehr hören, wenn die Alten moderne Entwicklungen mit der kulturpessimistischen Totschlagweisheit abkanzelten: Ja, ja, früher war eben alles besser. Wir „junges Gemüse“ lebten mit dem glühenden Blick nach vorne in eine neue – und vermutet – bessere Zukunft hinein. Unser „Früher“ wurde damals gerade in einer aufregenden Gegenwart geformt.

Und heute? Mein so genanntes soziales Umfeld hat– jeder für sich – sein Früher fest im Innern verankert. Als Folge fühle ich mich in meiner Generation – alle locker um die 70 herum – förmlich eingekreist von dieser „Früher-alles-besser-Stimmung“. Mit Händen und Füßen – und mit einem angestrengten Erinnerungs(un)vermögen – versuche ich, etwas gegen diese Stimmung zu setzen. Dabei ertappe ich mich immer wieder bei dem meistens hoffnungslosen Versuch, mein Gefühl mit dem Ziel zu belegen, dass früher eben nicht alles besser war. Doch das nimmt mir einfach keiner ab.

Ab 40 verzerren sich Erinnerungen

Lange war mir nicht klar, dass ich mit meiner Sichtweise – das hat die Psychologie bereits seit langem erforscht – scheitern musste. Denn die negativen Gefühle bei Erlebnissen verschwinden innerhalb weniger Tage. In riesen Schritten folgt dann die Verklärung vergangener Ereignisse. Betroffen sind wir Älteren dazu noch von der Tatsache, dass wir uns ab 40 mehr Ereignisse aus unserer Jugend und dem frühen Erwachsenenalter merken, weil wir viele Dinge damals zum ersten Mal erlebt haben. Die Chance für weitere Erinnerungsverzerrungen und Verklärungen steigt mit zunehmendem Alter stetig.

Und so erzählen viele alte Menschen eben immer wieder von der guten alten Zeit. Statistiken Jüngerer, dass seit vielen Jahrzehnten vieles besser geworden ist, zählen für sie nicht. Da argumentiert dann sicherlich auch Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, auf verlorenem Posten: „Zu keiner Zeit war die Lebenserwartung höher und die Kindersterblichkeit geringer. Die medizinische Versorgung war niemals besser, die Bildung nie umfassender und die Kommunikation nie unmittelbarer oder einfacher.“

Unsterblich in die Apokalypse verliebt

Und dazu sind ja die in den 50er und 60er Jahren Geborenen in den einmaligen Genuss gekommen, Frieden, Freiheit und Wohlstand als Normalität zu erleben. Oft hat man aber das Gefühl, dass genau sie unsterblich in die Apokalypse verliebt sind. Konkret: Etwa 40 Prozent der deutschen Bürger sind davon überzeugt, dass früher alles besser war. Insbesondere die 80er-Jahre baden sich in liebevoll wattierter Erinnerung. Vergessen, dass wir nur kurze Vorwarnzeiten für Nuklearangriffe hatten, dass uns der Wald unter den Händen verstarb, dass Tschernobyl den atomaren GAU vorführte, dass die Mauer Deutschland brutal in Ost und West trennte und die RAF Angst und Schrecken durch politische Morde verbreitete? Solche Vergleiche ließen sich für alle vergangenen Jahrzehnte beliebig und immer eindrucksvoll fortsetzen.

Es hilft dann eben nicht viel zu wissen, dass sich die Kennzahlen für Lebensqualität stetig weiter verbessert haben, egal ob ich nun 25, 50 oder 100 Jahre zurückerinnere. Und es bewirkt auch nicht viel, vom UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) zu hören, dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die weltweite Armut stärker zurückgegangen ist als in den 500 Jahren vorher. Ungläubig staunt man dann entgegen subjektiver Wahrnehmungen, dass die Zahl der Kriegsopfer weltweit zurückgegangen ist.

Infantile und brandgefährliche Weltbilder

Nun könnte man ja einfach in die Runde werfen, dass doch jeder nach eigenem Gusto denken und erinnern solle. Das eben ist ja ein Wert unserer Freiheit und genau das war aber auch lange Zeit meine innere und zuweilen ebenso nach außen erkennbare Argumentation. Es muss sich ja nicht jeder anhand von Fakten zu einer realistischeren Sicht missionieren lassen. Nein, muss er nicht. Wenn aber ein lautloser Schrei über grenzenlos enthemmte Vereinfacher die Botschaft verkündet, dass sich die (vornehmlich rechts orientierten) Populisten in Denken und Handeln vereinigen sollten, dann wird mir mulmig zumute.

Diese politischen Aufpeitscher machen sich genau die Erkenntnis der eingangs zitierten Psychologie zu Nutze, dass eben sehr viele Menschen die Gefühlseinbildung pflegen, früher sei alles besser gewesen. Es gelte also nur die Lebenswende zu vollziehen und sich politisch nach Rückwärts zu orientieren. Dann wird – so heißt es oft – alles wieder einfacher, überschaubarer eben. Das hat etwas Infantiles. Für ein realistisches Weltbild einfach nicht brauchbar, nein gefährlich – brandgefährlich.

Theorien zur Verschwörung nicht mehr weit

Aus dieser Gefühlswelt heraus wachsen unaufhaltsam Feindbilder heran. So stehen dem vermeintlich homogenen und moralisch reinen Volk unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüber. Der Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, Claus Leggewie: „Wir erleben gerade einen verschobenen Klassenkonflikt.“ Der Weg zu Verschwörungstheorien ist ab diesem Zustand dann nicht mehr weit. Und wenn der AfD-Co-Vorsitzende Jörg Meuthen vom „links-rot-versifften 68er-Deutschland“ spricht, dann wird deutlich, wohin sich die ewig Gestrigen verrennen in ihren Verweigerungen gegenüber einer modern gestaltenden Gegenwart und Zukunft.

Die Zukunft soll früher auch besser gewesen sein

Ach ja die Zukunft. In die blicken wir Deutschen natürlich und konsequent auch düster. Es ist daher nicht überraschend, dass wir zu 49 Prozent glauben, es werde uns in 50 Jahren schlechter als jetzt gehen. Dass es uns dann besser gehen könnt als heute, das glauben auch nur 15 Prozent. Also 1:0 für die Pessimisten? Ist wohl so. Dennoch gebe ich – insbesondere in diesem Wahljahr – die Hoffnung nicht auf, dass die deutlich größere Zahl der Wähler ihre Vergangenheits- und Gegenwartswahrnehmungen immer wieder auf faktische Füße stellt, um vernünftige und damit verantwortliche Wahlentscheidungen zu treffen. Gefühle allein dürfen nicht der Maßstab werden.

Ich freue mich, wie der Münchner Komiker Karl Valentin die Problematik zwischen Früher und Heute humorvoll mit dem Satz auf den Punkt brachte: „Die Zukunft war früher auch besser.“ Noch schöner aber fände ich es, wenn wir endlich die ernste Drehung schafften: Auch die Zukunft ist heute besser als früher.

Dieter Buchholtz


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