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Es gibt kein Zurück

Der Lippenstift verschwindet im Alter nicht

„Wenn ich alt bin, werde ich Lila tragen und einen roten Hut.“ Na, und?, fragen sich achselzuckend junge Menschen. Kaum wird es ihnen in den Sinn kommen, dass dies mal revolutionär war. Das war in den 80-er Jahren. Das mit dem Lila und dem Rot ist der Anfang eines Gedichtes der englischen Schriftstellerin und Journalistin Jenny Joseph. Es steht für eine neue Generation älter werdender Menschen (Rote-Hut-Generation).

Lippen

Grau war gestern:
Die bunte Altersgesellschaft

Die Generali-Altersstudie 2013 stellt für die Gegenwart u.a. fest, dass knapp 50 Prozent der Frauen im Alter zwischen 65 und 74 Jahren regelmäßig die Lippen rot färben. Dreißig Jahre zuvor taten das noch nicht einmal 25 Prozent. Heute dagegen ist die graue Generation eher eine bunte, die Best Ager eben. Die Gerontologin und frühere Familienministerin Ursula Lehr hat das weniger farbig, dafür aber zukunftsweisend ausgedrückt. Es geht darum, den Jahren in der dritten bzw. vierten Lebenshälfte Leben zu geben: „Wir leben heute in einer bunten Altersgesellschaft.“

Innovationen für eine Gesellschaft des langen Lebens

Sicherlich geht es bei solch plakativen Farbspielen nicht um einen oberflächlichen Lifestyle. Es steckt mehr dahinter. Wir müssen einfach wesentliche Aspekte in unserer Gesellschaft neu denken. Aus Fürsorge und Verantwortung für eine ältere Generation müssen wir uns wandeln in eine sorgende Gesellschaft. Das jedenfalls plakatiert Autor Thomas Klie, wenn er in seinem neuesten Buch titelt: „Wen kümmern die Alten?“ Der Professor an der Evangelischen Hochschule Freiburg macht das u.a. an den notwendigen Veränderungen bei Lebens- und damit auch Wohnformen fest. Aus Sicht des Sozialexperten (58) ist „eine Innovationskultur gefragt, wenn wir eine Gesellschaft des langen Lebens menschenfreundlich gestalten wollen.“

Klie-Mit-fundierten-Konzepten-ueberzeugen

Prof. Dr. Thomas Klie:
„Wen kümmern die Alten?“

Das ist leicht gesagt. Dahinter verbirgt sich so etwas wie eine erhebliche Umgestaltung in unserer Gesellschaft. Völlig zu Recht, mahnt Klie an, dass die Kommunen eine zentrale Rolle in diesem Prozess annehmen müssen. Aus seiner Sicht darf die notwenige andere „Sorge-Politik“ nicht Talkshows, Lobbyisten und Kostenträgern überlassen bleiben. Das Thema muss in die Mitte der Gesellschaft getragen werden.

Export einsamer alter Menschen

In dieser Mitte aber finden bereits Szenarien statt, die wir vor nur wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätten. Da werden sozusagen einsame alte Menschen (mit Geld) nach Thailand „exportiert“, weil sie sich die erwünschte Betreuung nur dort leisten können. Sie erfahren dort aufgrund einer offensichtlich besser ausgeprägten Pflegementalität der Thailänder eine bisher so nicht gekannte Zuwendung. Weitere aktuelle Rentner-FluchtLänder sind bekanntlich schon Polen und die Slowakei.

Hier in Deutschland, dagegen, klagen viele Menschen vor den Toren der Altersheime und innerhalb dieser Pflegebiotope über Gängelungen durch die wirtschaftlich Verantwortlichen. Das Personal hetzt den eng gesetzten Vorgaben der Heimträger hinterher, dokumentiert jeden Handgriff bis zur Unkenntlichkeit ihres eigentlichen Betreuungsauftrages. Die Leidtragenden sind die älteren Menschen, die ihr heimisches Umfeld verlassen mussten. Somit traf 2007 die dreiteilige ZDF-Doku-Fiktion „Aufstand der Alten“ durchaus auf einen vorbereiteten Boden. Die TV-Story spielte im Jahr 2030 der Rentner-Republik Deutschland. Nur noch das Geld bestimmte, ob ein Mensch würdig altern und sterben kann. Arme Alte wurden nicht nach Thailand, sondern nach Afrika exportiert. Wem fiele bei dieser Elendsverschiebung nicht die Flüchtlingsdramen von Afrikanern im Mittelmeer ein? Dem armen Rentner winkte in dieser Fiktion eigentlich nur noch das freiwillige, sozialverträgliche Früh-Ableben.

Das andauernde Nichtstun tut nicht gut

pfleger

Etwas Bewegung auf dem Gang unterbricht für viele Heimbewohner das Nichtstun

Wie sieht bei uns nun der real existierende Ausweg aus? Stellen wir einfach mal positiv fest: Es bewegt sich was. Es entstehen an vielen Orten sehr unterschiedliche Wohn- und Lebensmodelle. Diese Projekte werden vielfach von engagierten Bürgern initiiert, betreut und auch umgesetzt. Kommerzielle Nachahmer dieser Innovationen sind auch schon und zahlreich unterwegs. Vielfach ist diesen Modellen die Möglichkeit oder sogar Forderung gemeinsam, dass alle Teilnehmer sich mit Leistungen einbringen sollen. Richtig so, denn es scheint sich auch allmählich die Erkenntnis durchzusetzen, dass das endlose Nichtstun, das aufgabenlose Dasein, die All-Inclusive-Philosophie auch den älteren Menschen nicht gut tut.

Aber es gibt ebenso eine Kette von Problemen, die sich am Demographie-Horizont abzeichnen und von Klie thematisiert werden. Auch bei den heutigen und zukünftigen Rentnern öffnet sich immer stärker die Schere zwischen Arm und Reich. Schon heute leisten sich die Senioren der oberen Mittelschicht Unterkünfte in Residenzen; teilweise entstehen ganze Stadtteile für die Alten. Und für die ärmeren Rentner wird das betreute Wohnen oft zum bereuten Wohnen. Ihnen bleibt die Möglichkeit, hoffentlich von der Familie umsorgt zu werden. Das ist auch der erklärte Wunsch der Mehrheit der älteren Menschen.

familienpflege

Familienpflege – Wunschtraum?

„Aber die Sorge und Pflege für alte Menschen ist“, so berichtet Klie, – „in der heutigen Dimension – geschichtlich betrachtet neu. So betrug zum Ende des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts die Pflege von Angehörigen in der Regel einige Wochen. Heute sind es im Schnitt sieben Jahre.“ Desillusionierend wirkt auch folgende Bemerkung des Autors: „Wir können mit unserer Vorstellung von Familie nicht im klassischen Familienbegriff verharren und auf die im Übrigen gar nicht so romantische Großfamilie zurückblicken. Die gab es bei genauerer, historisch informierter Betrachtung so auch kaum. Auch werden ihre Leistungsfähigkeit und das Ausmaß der am Wohl ihrer Familienmitglieder orientierten Solidarität häufig überschätzt. Selbst der Rückgriff auf die guten alten Zeiten der Familienpflege stellt sich als Geschichtsklitterung heraus.

 Man kann es auch Spaltung nennen

Mit anderen Worten: Es gibt kein Zurück in alte gesellschaftliche Gewohnheiten oder Wunschbilder. Wir müssen uns der veränderten und sich weiter verändernden Gesellschaft stellen. Es gehört wohl auch zu den Wahrheiten, dass sich die unterschiedlichen Lebensbilder in jüngeren Jahren schlicht zum Ende der Lebenskurve fortsetzen. Man kann das auch Spaltung nennen. Dennoch verdienen die betagten Menschen die gleiche Fürsorge, die sie auch in jüngeren Jahren vor allen Dingen in Notlagen von der Gesellschaft erhalten haben. Und deshalb gehört es durchaus zu einer bestehenden intakten Gesellschaft, dass fast zu jeder Ü50-Party auch das Thema der Versorgung der alten Eltern gehört. Hier Lösungen, Engagement, also schlicht Hilfe zu generieren ist Teil dieser Generativität als vielfach gelebte Selbstverständlichkeit. Ich bin sicher, dass dies auch in Zukunft, trotz vielfach verbreitetem Pessimismus, funktioniert. Und es wird zumeist als schöne und fordernde Aufgabe empfunden, dass die Alten in einer ihnen möglichen Form auch junge Menschen unterstützen.  Denn nur mit generationsübergreifenden Ansätzen wird unsere Gesellschaft eine lebenswerte Überlebenschance haben.

 

Dieter Buchholtz




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