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Ein Volk von Missvergnügten?

Autor Gisbert Kuhn

Spätestens seit den vergangenen drei Landtagswahlen sollte sich bei selbst nur am Rande politisch interessierten Zeitgenossen eigentlich ein Gesicht eingeprägt haben. Das von Ralf Stegner, dem sozialdemokratischen Landeschef von Schleswig-Holstein und stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Mit seinen tief herabgezogenen Mundwinkeln und der verbitterten Miene verkörpert der Norddeutsche geradezu symbolhaft seinen geballten Widerwillen gegen praktisch alles. Gegen das Volk, in Sonderheit die dummen – weil anders als gewünscht votierenden – Wähler. Gegen das Land, dessen Bürger die SPD aus der Kieler Regierung gewählt haben. Gegen die eigenen Genossen in Berlin und im Bund, weil die sich noch immer zieren, gemeinsame Sache mit den aus der DDR-Diktaturpartei SED hervorgegangenen „Linken“ zu machen. Und nicht zuletzt auch noch gegen den wankelmütigen Zeitgeist, der den ersehnten Polit-Messias Martin Schulz erst in den Partei- und Popularitätshimmel hievt, um ihn bereits wenig später wieder fast ins Nichts stürzen zu lassen.

Trost aus dem Internet

Wem so viel Ungerechtes widerfährt, dem ist – sollte man meinen – ein Wort des Trostes (womöglich gar der Zustimmung) durchaus wert. Tatsächlich brauchten Stegner und die offensichtlich ungezählten Anderen, die an unserem gegenwärtigen Land unendlich zu leiden scheinen, gar nicht weit zu suchen. Ein halb- bis einstündiger täglicher Streifzug etwa durch facebook reicht im Grunde bereits aus, um einen prinzipiell optimistisch gestimmten Zeitgenossen in tiefe Depression zu versetzen. Besäße man nicht selbst ein positiveres Menschenbild, eine vielleicht realistischere Vorstellung von dem, was in so vielschichtig strukturierten Gesellschaften wie der unsrigen beim notwendigen Ringen um einigermaßen vernünftige Problemlösungen politisch umsetzbar ist – man könnte leicht dem Irrglauben verfallen, in einem von habgierigen, ausschließlich korrupten, total unfähigen und jeglichen Gedanken an demokratische Spielregeln abholden Despoten drangsaliert zu werden.

Da sind etwa jene, die (keineswegs nur ein- oder zweimal, sondern über Jahre unentwegt) wegen der angeblich durchgehenden Morallosigkeit der „Eliten“ den Niedergang der Demokratie postulieren. Angesichts dieser permanenten Schwarzmalereien müsste das Land längst in einem nicht mehr lebenswürdigen Sumpf versunken sein. Von „Gerechtigkeit“ keine Spur, in Politik und Wirtschaft regieren die Gesetze der Stärkeren, ja im Grunde des Dschungels. Der eigentliche Regent trage, so das Lamento, den Namen Mammon. Diese und ähnliche Apologeten ziehen natürlich ihre Jünger-Schar hinter sich her – Gläubige Anhänger, die verzückt applaudieren, „Bravo“ skandieren und nicht selten in die digitale Welt hinaus appellieren, es sei Zeit, endlich „auf die Straße zu gehen“ oder „das Heft selbst in die Hand zu nehmen“. Zu weiterem, vielleicht gar persönlichem Engagement, sich in die „Mühen der Ebenen“ (B. Brecht) zu begeben, reicht es, freilich, in der Regel nicht. Früher gab es einmal den Begriff der „Maulhelden“. Aber, wie viele wissen heute noch, was sich dahinter verbirgt?

Wer wäre gegen mehr Gerechtigkeit?

Gerechtigkeit! Seit Anfang des Jahres haben auch Martin Schulz und die SPD dieses Wort wieder entdeckt und stellen es ins Zentrum beim Kampf um die Mehrheit im Bundestag. Recht so. Welcher vernünftige Mensch hierzulande wäre schließlich gegen mehr Gerechtigkeit. Dass der Begriff unaufhörlich auch auf den Wellen des Internets surft – geschenkt. Das Dumme ist nur: Welche Gerechtigkeit ist letztendlich gerecht. Denn das es eine absolut „gerechte“ Gesellschaft jemals geben könnte, dürfte selbst den emsigsten facebook-Predigern nicht glaubhaft erscheinen. Wären demnach nicht jener Staat, jene Regierung und jene Gesellschaft am wünschenswertesten, die nur so viel Gerechtigkeit anstrebt, wie eben möglich? Auch, wenn von vornherein klar ist, dass am Ende natürlich ein hohes Maß an Unzufriedenheit stehen wird. Es ist nun einmal sehr unterschiedlich, was der Einzelne unter „gerecht“ versteht.

Vor diesem Hintergrund (und beliebig viele andere Beispiele könnten leicht angeführt werden) müsste der aufmerksame Zeitgenosse eigentlich massenhaft Landsleuten mit ähnlich freudloser Miene auf der Straße begegnen, wie sie der eingangs beschriebene Ralf Stegner durch die Welt trägt. Tatsächlich neigen die Deutschen wohl eher nicht zu emotionalem Überschwang, sondern mehr zu kollektivem Missvergnügen. Ein irischer Freund beschrieb seinen entsprechenden Eindruck  vor vielen Jahren einmal so: „Der Unterschied zwischen euch Deutschen und uns Iren ist u. a. der, dass ihr wohlhabend seid und wir ziemlich arm sind. Aber selbst wenn wir eine Katastrophe erleben (und davon gab es viele in unserer Geschichte), sagen wir, es hätte noch schlimmer kommen können. Wenn aber bei euch auch nur ein bisschen etwas aus der Norm gerät, ruft alles gleich, schlimmer könne es gar nicht mehr werden“. Der Freund, so scheint es, hatte eine gute Beobachtungsgabe.

Vernunft der großen Masse

Vielleicht aber ist das Geschrei und Geseufze, das Untergangs-Orakeln und Heilspredigen in dem pampigen digitalen Brei ja gar nicht ein Abbild der Lebenswirklichkeit? Vielleicht ist es bloß eine Fata Morgana, ein Zerrbild. Ein Megaphon vor allem für jene, die selbst keine Plattform zur Darstellung besitzen und sich einfach nur gern an andere hängen. Denn die Lebenswirklichkeit im Lande ist doch ganz offensichtlich anders. Natürlich weiß  (und sieht) jeder einigermaßen aufmerksame Zeitgenosse, dass – weiß Gott – auch hierzulande vieles im Argen liegt, dass es in manchen Bereichen von Großkonzernen und Banken mit der Verhaltensmoral an der Spitze geradezu erbärmlich bestellt ist und die Qualität bei den politisch zum Entscheiden Gewählten oft genug zu wünschen übrig lässt.

Aber (und das ist das Entscheidende) – die Menschen in ihrer übergroßen Mehrzahl empfinden ihr Leben nicht als bedrückend. Dafür spricht unter anderem auch das Wahlverhalten. Selbstverständlich gibt es Klagen, bestehen Wünsche, fühlen sich nicht Wenige übergangen, vielleicht sogar abgehängt. Und, obwohl auch unser Land längst keine Insel der Glückseligkeit mehr ist (es in Wirklichkeit auch nie war), mit Blick auf die Welt ringsum wird eben trotzdem den Meisten deutlich, dass es viel mehr Gründe der Zufriedenheit (vielleicht sogar ein wenig Dankbarkeit) gibt, hier leben und sich entfalten zu dürfen als in den meisten anderen Teilen dieser Erde.

Gisbert Kuhn

p.s.: Trotzdem bleibt natürlich richtig, was der wunderbare Satiriker Erich Kästner schon vor vielen Jahrzehnten zu Papier brachte:

„Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,

in denen ihr, rot unterstrichen, schreibt:

Wo, Herr Kästner, bleibt das Positive?

Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt“.        

 

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