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Droht ein Kultur-Konflikt?

Dieter Buchholtz

Mausert sich das Dschungelcamp hinein in die Logen deutscher Hochkultur? Es ist zu befürchten. Denn die Jury für den Grimme-Preis hat das Ekel-Format kürzlich für eine Auszeichnung nominiert. Die Feuilletons schäumen vor Abscheu. Der Hoch-Bildungsbürger wütet vom Edelstammtisch bei gepflegtem Grauburgunder über diesen Niedergang. Ist das so?

Er wettert über die tiefere Bedeutung von Flachbildschirmen als verdammungswürdigen Rahmen für das exorbitante Wachstum von Flachsinn. Basta! Basta? Hier sollte souverän-kultivierte Gelassenheit angesagt sein. So wagte ein Journalist kürzlich in einer Gesprächsrunde bei der Kulturpolitischen Gesellschaft in Bonn den Hinweis, dass die Impressionisten in ihren ersten Ausstellungen auch nur Spott und Spucke erfahren haben. Eigentlich auch ekelhaft. Oder? Hier wie dort im Bonner Haus der Kultur spielen die Gedanken um die Zukunft insbesondere der institutionellen Kultur eine zentrale Rolle. Sie ist uns doch mit ihren Theatern, Opern- und Konzerthäusern, mit ihren Museen ans klassische Herz gewachsen. Ihnen droht – vertraut man den Prognosen vieler Kulturfachleute – das langfristige Aus.

Gedreht wird am Geldhahn. Denn die kommunalen Kassen sind leer. Der Verteilungskrieg tobt zwischen den jeweiligen Budgets und ihren Lobbyisten. Zu beobachten fast in allen Städten. Es gibt da aber noch einen Effekt, der das lautlose Sterben der teuren Tempel sogenannter Hochkultur weissagt. Das ist die Demografie. Und hier formulieren die Auguren messerscharf: Einrichtungen, die ausschließlich auf klassische Kultur setzen, haben noch eine Überlebenszeit von etwa zehn Jahren. Dann ist Endzeit. Am Stammtisch der älteren Kulturbürger und –bürgerinnen wird das vielleicht mit näselndem Unterton als undenk- und nicht hinnehmbar unter den Tisch geschoben, also gedeckelt. Aber die Verwalter der öffentlichen Gelder machen genau dieses, schlimmer noch, sie streichen auch die Kulturetats zusammen. Denn aktuell und perspektivisch sind die Entwicklungen auf ihrer Seite. Sie wissen, dass etwa ab dem 70igsten Lebensjahr die älteren Kulturbürger bei abnehmender Mobilität auch nicht mehr zu den Besuchern der genannten Einrichtungen zählen können. Das verhält sich dann so wie bei den Quoten. Gehen diese runter, fliegt ein Format sehr schnell aus dem Programm. Sic!

Sozusagen von unten, also nicht unter dem Stammtisch, wächst ein anderes Publikum heran – auch in die älteren Schichten zwischen 50 und 60 Jahren. Sie haben ein breiteres Kulturverständnis, sind flexibler in der Nutzung. Haben schon im schulischen Bereich kaum noch die Klassiker kennengelernt. Sie suchen mehr das kulturelle Event, das Innovative, das Experiment – die Übergänge dort sind fließender. Eben nicht so dogmatisch wie es ehedem in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten zwischen E = Ernst und U = Unterhaltung zuging.

Heute werden wir – auch die Älteren unter uns – gezwungen darüber nachzudenken, was wir überhaupt an Kultur brauchen. „Ein immer so weiter wird es nicht geben“, mahnte deshalb mit fachlichem Recht Norbert Sievers von der Kulturpolitischen Gesellschaft. Zusammen mit Sabine Bornemann (Leiterin des Cultural Contact Points), die ihren Blick EU-orientiert auf die Breitenkultur-Förderung richtet, sehen beide – wohl richtigerweise – die Zukunft nur noch in einer „konzeptorientierten Kulturpolitik“. Einzig über diesen Weg erscheint es möglich, dass über Kooperationen, Schwerpunktbildungen, Netzwerkarchitekturen ein breites Kulturangebot erhalten und gefördert bleibt. Der diskrete Hinweis von Sievers „Man muss Realist sein“ gewinnt seine Bedeutung beim Blick über die Landesgrenzen in der EU. So gibt es in diesem inzwischen ja grenzenlosen Kulturfeld der Nationen insgesamt fünf Millionen Kulturschaffende. In Deutschland allein sind es eine Million. Das kann u.a. auch wegen des Rückgangs der Bevölkerungszahlen so nicht bleiben. Die Kreativwirtschaft wird auch hier bluten müssen.

Ein Blick in die Niederlande zeigt, wie schnell und drastisch das gehen kann: dort wurden 40% des Kulturetats einfach gestrichen. Aus die Maus. Auch am hochgestochenen kulturpolitischen Stammtisch darf neben dem Lob auf das klassische Gestern vom geistig anspruchsvollen Bildungsbürger der Extra-Klasse für das Heute und Morgen verlangt werden, dass er nicht in einen Shitstorm aller Sexismus-Debatte verfällt, sondern nüchtern das Vertret- und Wünschbare klar voneinander trennt. Es bleiben sicherlich auch für die weitere Zukunft genügend Möglichkeiten, die eigenen Präferenzen im Rahmen des institutionellen und auch deutlich breiter angelegten Kulturbetriebes zu befriedigen. Nur friedlich werden dieser Verteilungskampf und das Positionsgerangel nicht abgehen. Wir alle müssen wohl in den kommenden Jahren durch das Dschungelcamp auch der Kultur robben. Das wird nicht immer nur appetitlich sein. „Holt mich hier raus – ich bin der Superstar“ wird für die institutionelle Kultur keine Überlebensstrategie sein.

Dieter Buchholtz

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