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Dissen für den Frieden

Seit dem Jahr 2000 ist dieser Begriff „dissen“, der aus dem amerikanschen Jargon über die Hip-Hop-Szene einsickerte, im Duden aufgeführt. Rapper wie BushidoSido oder Fler bedienten sich dieser Methode, das die Herabwürdigung und Diskreditierung des Anderen zum Ziel hat. Bei den Rappern wird es wohl ein gezieltes Marketinginstrument sein. Man erfreut seine Klientel und schart sie hinter sich. So, oder so ähnlich, praktizieren es die Fan-Clubs von Fußballvereinen. Mit ihren herabsetzenden Gesängen provozieren sie die Anhänger der Gegner, um dann nicht selten ritualisiert  handfeste Prügeleien zu begründen.

Paul Pawlowski

Paul Pawlowski

Kräftiges Wort zu führen, wie wir es im politischen Umfeld kennen, war sehr klar erkennbar und wurde auch als rhetorisches Mittel eingesetzt. Wer erinnert sich nicht, vielleicht sogar gerne, an Bundestagsdebatten, als sie noch welche waren, in denen Brandt, Strauß und Wehner so richtig austeilten. Das sind nur ein paar der Namen derer, die sich dieser „pre-dissionalen“ Methode bedienten.  Sie setzten es als Mittel ein, um sich zu positionieren und Standpunkte klarzumachen. Bis auf kleine persönliche „Feindschaften“ stand da nicht die Idee dahinter, den anderen herabzuwürdigen oder gar zu diffamieren. Es war ein Spiel, in dem man sich an ungeschriebene Regeln hielt.  Im Oktober  1982 erklärte etwa der langjährige CSU-Chef, Franz-Josef Strauß, zu Spekulationen, ob er in ein Kabinett Kohl eintreten wolle:  „Für mich ist’s gar nicht mehr schön: Der Wehner kommt nicht mehr, der Schmidt will nicht mehr, was hab‘ ich da noch in Bonn verloren“.

Strauß wollte seine „Gegner“. Hier wird exemplarisch die Kultur sichtbar, die hinter diesem Gehabe stand. Selbst (ja, gerade) einem Herbert Wehner, der für seine Ausfälle allerdings 77 Ordnungsrufe im deutschen Bundestag kassierte, muss man zugestehen, politisch gerungen zu haben. Dabei ging er nicht selten bis hart an die Grenze persönlicher Beleidigungen und mitunter sogar darüber. So, als er dem Abgeordneten Möller zurief: „Waschen Sie sich erst einmal! Sie sehen ungewaschen aus.“.  Wenn man die Ordnungsrufe im sächsischen Landtag der Weimarer Republik bei Herbert Wehner dazu zählt, dürfte er der Spitzenreiter in Deutschland sein und bleiben.

Dissen als Staatsraison

Die Praxis des „dissens“, im Gegensatz zum ritualisiertem „harten“ Wort, hat inzwischen als politisches Instrument in unserer Gesellschaft Einzug gehalten.  Sie wird auch nicht angewandt, um den eigenen Standpunkt zu konkretisieren oder um Argumente Anderer zu entkräften. Nein, es geschieht meistens einzig mit dem Ziel, das Gegenüber zu diskreditieren. Nicht im parlamentarischen Raum, wo eine relativ homogene Gruppe Nettigkeiten austauschen könnte. Politiker aller Couleur vergriffen (und vergreifen) sich mittlerweile derart im Ton, dass es an strafrechtliche Grenzen stößt.

Diese Absonderungen der politischen Elite reichten in Zusammenhang mit Bewegungen wie AfD, xxGIDA, Montagsmahnwachen und der wiedererwachten Friedensbewegung von „Verschwörungstheoretiker“ bis „Schande für Deutschland“ und „Nazi in Nadelstreifen“. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Themen dieser Gruppen vermied man hingegen peinlichst. Die Vorgänge, die zu den Kriegen im Nahen Osten führten, die Entstehung z.B. von IS, Integrationsdefizite in sogenannten sozialen Brennpunkten, Parallelgesellschaften vieler Couleur, Waffenlieferungen an Saudi-Arabien, Bewaffnung PKK, Ukraine, NATO, Euroraum…. – alles kann man kontrovers und demokratisch diskutieren. Anscheinend aber nicht mehr in einer politischen Landschaft, die sich aus allen Richtungen zum gemeinsamen Kuscheln in einer selbst definierten Mitte zusammengefunden hat.

Natürlich gibt es fast schon esoterische abgehobene Mitwirkende, genau wie ganz klar rechts- und linksradikale Gruppen, die ihr Süppchen auf diesem Herd der langsam anbrennenden Themen kochen wollen. Diese Randgruppen des politischen Diskurses wollen sich gar nicht auseinandersetzen, außer in einem Aufprall, bis hoffentlich die eigene Nase blutig ist.

Mentale Keule als politisches Mittel

Vielleicht mag es auch sein, dass sich derzeit auf den Straßen unseres Landes, meistens montags, neben den vorher angeführten, ein gut Teil Menschen befindet, deren Chancen sich in den vergangenen Jahren aus vielerlei Gründen nicht verbesserten, sondern eher verschlechterten.  Seien es Ursachen, die im Bildungsweg liegen, soziale, regionale oder demografische Wuzeln haben – sie sind indessen anscheinend so präsent, dass die Themen es nach einer anfänglichen, medialen Schockstarre auf die Titelseiten schaffen.

Nun freilich in einer unerträglichen (und demokratisch unzulässigen) Weise diesen protestierenden Menschen das Recht abzusprechen, am politischen Diskurs teilzunehmen, ist einfach unehrenhaft. Die Art und Weise, wie sie öffentlich vorgeführt werden, ihre teilweise politische und rhetorische Unerfahrenheit karikiert wird, statt dass Politik, Medien und die Nachdenklichen aus der Masse der „Quersteller“, die dort artikulierten tatsächlichen (oder vermeintlichen) Gründe für Sorgen und Ängste aufgreifen – das ist nicht nur dumm, ja  schamlos, sondern vor allem auch kein Aushängeschild für eine wirklich demokratische Gesellschaft. Ganz abgesehen davon, dass mit dieser billigen Polarisierung nichts bewegt und schon gar nichts bewältigt wird.

Wenn unsere politische Landschaft sich so entwickelt hat, dass es keinen Diskurs mehr gibt, Parteien um nichts mehr ringen, dann sollten wir uns ehrlich machen und die Demokratie abschaffen. Hier bemühe ich nochmal Herrn Strauß, der auf die Frage, ob Parteitagsbeschlüsse (Kreuth 1976) nicht an der Basis für Unruhe sorgten, antwortete: Ich fühle mich nicht erst seit meinem Besuch in Peking wie Mao: Eine Partei muss immer in Bewegung gehalten werden, sonst stirbt sie an Verfettung“. (Die Welt 20. 11. 1967).

Wegblenden von Problemen und schönreden ist ein Vergehen an der Jugend, wie schon Johannes Rau wusste: „Wir sollten unseren Kindern nicht vorgaukeln, die Welt sei heil. Aber wir sollten in ihnen die Zuversicht wecken, dass die Welt nicht unheilbar ist.

Das aktuelle Verhalten fast aller Organe der Vertretungsdemokratie, der Verbände, Kirchen und Presse ist der Sache unangemessen und sieht hilflos aus. Selbst wenn man es einem fehlenden Krisenmanagement zuschreibt, wird die Analyse nicht besser. Im Gegenteil. Da könnte man glatt in die Hooligan-Gesänge: “Ihr seid so lächerlich…!“ einstimmen oder mit Nitsche sagen: “Wie nahe steht doch das Erhabene dem Lächerlichen”.

Paul Pawlowski




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