- Anzeige -

Digitale Löwenhatz

 Warum?

Uli

Uli Hoeness

Im Steuerbetrugsfall Uli Hoeneß ist das Urteil gesprochen, und der Täter hat die Strafe akzeptiert. Damit ist – nach unserem Rechtsverständnis –  der juristische Teil der Affäre erledigt. Was bleibt, sind allenfalls Fragen, die den psychologischen Bereich der Person Hoeneß berühren und die (möglicherweise) Raum für jenes Mitleid lassen, auf das der Steuerhinterzieher Hoeneß keinen Anspruch hat.

Fragen wie diese: Wie gespalten in seiner Persönlichkeit muss ein Mensch sein, der jahrelang  ohne Fehl und Tadel höchst erfolgreich seinen Managerjob erledigt und gleichzeitig (von der Umwelt offensichtlich unbemerkt) mit Millionen „schwarzer“ Euro zockt, als spiele er Monopoly. Wie kann dieser Mann selbstlos und ganz selbstverständlich anderen Menschen in existentiellen Notlagen beistehen und aus lebensbedrohenden Krisen heraus helfen, wie zum Beispiel dem einstigen „Bomber der Nation“, Gerd Müller (Alkohol), oder Sebastian Deisler (Depression)? Und wie kann er – gerade angesichts solcher Schicksale – zur selben Zeit selbst der Spielsucht verfallen, vielleicht sogar Gefallen daran finden?

Die Volksseele kocht

Müller

Gerd Müller, von Uli Hoeness in den Verein geholt und so vor dem Alkohol gerettet

Logisch, dass eine solche Person  die Öffentlichkeit polarisiert. Dies umso mehr, wenn der Name auch noch scheinbar unauflösbar mit einem Fußballverein verbunden ist, der selbst wie kein anderer im Lande umjubelt und zugleich gehasst wird – FC Bayern München. Es wäre daher durchaus lohnend, sich mit all den sich hier zeigenden finanziellen, menschlichen und psychologischen Facetten ernsthaft auseinander zu setzen. Nicht zuletzt mit der ja auch nicht uninteressanten Tatsache, dass der Steuerskandal Hoeneß die Volksseele mehr zum Kochen bringt, als es die politisch ungleich brisanteren Vorgänge im russisch-ukrainischen Konflikt oder das Sterben und Morden in Syrien hier auszulösen vermögen.

Keine Frage, es gibt sie durchaus – diese seriöse Auseinandersetzung, auch und vor allem in einigen Medien. Aber das ist leider die Ausnahme. Vielmehr hat der Fall Hoeneß erkennbar einmal mehr jenes Massen-Phänomen freigesetzt, das mitunter einer öffentlichen Steinigung gleicht. Gemeint sind die nicht mehr zu zählenden „postings“ in den erstaunlicherweise noch immer als „soziale Medien“ bezeichneten Internet-Foren. Was hier, in aller Regel natürlich anonym, abgesondert wurde (und noch immer wird), überschreitet oft genug nicht nur deutlich die Grenzen menschlichen Anstands, sondern erreicht mit „Kopf-ab“-Forderungen und Ähnlichem durchaus das Gebiet des Kriminellen.

Bedürfnis nach Gewalt?   

Deisler

Sebastian Deisler: Uli Hoeneß bin ich dankbar dafür, dass er mir zugehört hat, dass er mich verstanden hat.

Hier geht es längst nicht mehr nur um die Person oder das Handeln eines Uli Hoeneß. Es geht auch weit über die Beobachtung hinaus, dass der vieltausendfache pöbelnde IT-Anonymus in dem unglückseligen Limburger Bischof Tebartz-van Elst eine willkommene zusätzliche Projektionsfläche gefunden hat. Vielmehr stellt sich zunehmend die Frage nach dem „Warum“? Warum also fühlen sich so viele Menschen dazu angeregt, all das beiseite zu schieben, was im täglichen Umgang miteinander unverzichtbar ist – Höflichkeit, Respekt vor dem Anderen, Aufmunterung, Hilfebereitschaft…? Warum bricht sich in der Masse und damit anonym ganz offensichtlich ein Bedürfnis nach Gewalt und Erniedrigung des Mitmenschen Bahn?

Das gilt ja keineswegs nur für die neuen Kommunikationsmöglichkeiten wie facebook oder Twitter. Wer einmal in einem großen Fußballstadion nahe der Fankurven gestanden und in die vielen von Hass verzerrten Gesichter geblickt hat, den wundert es nicht, dass alle Warnungen vor dem Gebrauch der hoch gefährlichen Pyro-„Bomben“ ungehört verhallen. Und wer Ohren und Augen nicht versperrt vor den diversen Mobbing-„Techniken“ an unseren Schulen, dem muss sich doch zwangsläufig die Frage aufdrängen, welche Entwicklung unsere Gesellschaft zu nehmen droht.

Unter der Oberfläche    

Was bewegt sich da eigentlich unter der vielleicht nur noch dünnen Decke der Zivilisation? Was kann eine Gesellschaft auf Dauer zusammenhalten, die es nicht nur zulässt, dass – siehe oben – einzelne Personen oder gar ganze Gruppen einer digitalen Löwenhatz preisgegeben werden? Sondern in der sich sogar nicht unbeträchtliche Bevölkerungsteile, offensichtlich mit Vergnügen, daran beteiligen. Was ist denn dann überhaupt noch „Zivilisation“? Verkürzt sich der Begriff am Ende auf das bloße Bedienen von Tablets und Smartphones ohne dabei zu bedenken, dass diese zweifellos bedeutsamen Entwicklungen nur dann den Namen Errungenschaft verdienen, wenn sie auch das Zusammenleben von Menschen und den Zusammenhalt von Gesellschaften beleben, fördern und verbessern.

Nein, auch wenn der Fall Uli Hoeneß zu Recht für Aufregung gesorgt hat – die wirklichen Probleme im Land reichen tiefer. Sie drehen sich um die Frage nach dem „Warum“.

Gisbert Kuhn

 




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden