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Jogging-Point

Die Rotwein-Taliban

Aktuell liest man Überschriften wie: „Wir brauchen wieder eine Revolte wie 68…!“  Thomas Piketty nimmt in seinem Buch „Capital in the Twenty-First Century“  den Sinn von Kapital aufs Korn.  Er stellt die Formel auf, wenn Kapitalerträge das Wirtschaftswachstum übersteigen und nicht abgeschöpft werden, dann müsse es zu solchen Verteilungsungleichheiten kommen, wie wir sie heute beklagen. Diese, so kann man es geschichtlich sehen,  führen zu Kriegen, denn damit wird wieder Wachstum produziert. Nun, das könnte in einer Logik sogar als Zyklus, wie ihn die Volkswirtschaftslehre kennt, durchaus seine Bedeutung haben.

Ioannes Claudius Juncker

Ioannes Claudius Juncker
CC-Lizenz : Factio popularis Europaea

Im Moment führen wir teilweise hanebüchene Diskussionen zu einem möglichen Ministerpräsidenten von den Linken in Thüringen oder zum Bahnstreik in dem Konflikt der GDL mit der Bahn und dem DGB. Wir erleben den „Zwangsrausschmiss“ fast eines kompletten Kabinetts in Rheinland-Pfalz, die Schlacht von Köln der Hooligans gegen.. gegen wen eigentlich…?

Jetzt wird öffentlich, dass der neue EU-Kommissions-Präsident Juncker als langjähriger luxemburgischer Regierungschef, über ein geschicktes Finanzkonstrukt, das Davonschleichen von Banken und Konzernen aus der Steuerverantwortung als Geschäftsmodell für Luxemburg propagierte.

Neben dem Bildungsstreit um Turboabitur und Inklusion, geht es um die Aufnahme von Zuwanderern, die in Ghettos gepfercht und von Billiglöhnern bei Subunternehmen (die damit sogar Aufgaben des Staates wahrnehmen!) bewacht, geschützt – oder was auch immer –  werden.  Dazu kommt jetzt eine Maut für alle, die auf einem gigantischen Überwachungssystem basiert. Ich habe mich als Informatiker gefragt, was ein solches hochkomplexes System zur Mauterhebung bei LKW`s soll. Jetzt wird es klar, es war der Testlauf für die Komplettüberwachung des Verkehrs mit dem Nebeneffekt der Mauterhebung. (siehe dazu auch „angemerkt“ von Detrich Kantel : Die Maut – der doppelte Wahnsinn)

Die 68er gehen in Rente

Wenn das nicht Gründe genug sind, und die Liste ließe  sich beliebig fortführen, um zu revoltieren, dann frage ich mich, wo diese Revolte bleibt. Revolte, die sich in Bürgerwehren dokumentiert, weil Polizei nicht mehr technisch und personell so ausgestattet ist, Kriminalitätsschwerpunkte in den Griff zu kriegen, zeigt nur den Zustand der Gesellschaft.  Eine Gesellschaft, in der die so genannte „68er-Generation“ jetzt langsam in Rente geht und, ihr in der Mehrheit auskömmliches, Einkommen sichern will.

Haben die verlernt zu revoltieren oder war es nie eine Revolte?

Wenn man sich diese 68-Bewegung ansieht, dann basierte sie auf den Antikriegs-Demos gegen den Vietnamkrieg und der Ermordung Martin Luther King´s in den USA. Verschiedene Strömungen, mehrheitlich dem linken Spektrum zuzuordnen, waren unterwegs. Die Eskalation in Gewalt haben wir Älteren noch vor Augen. APO, Studentenvereinigungen und sich selbst so nennende Autonome lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, mit dem Establishment. Ich will auch nicht auf ehemals Steine werfende Minister oder Ultralinke abstellen, die dann irgendwann ganz rechts wieder auftauchten. Es waren jedoch im Kern nur wenige, denen ich das Privileg eines Revoluzzers zuspreche. Die Mehrheit hat sich ganz schnell mit „dem System“ arrangiert. Der Weg durch die Instanzen war das Schlagwort. Mit der Folge, aus Turnschuh wurde Lackschuh. Aus dem Zelt im Wald bei Wackersdorf wurde das Ferienhaus in der Toskana.

Ich frage mich nur, von welcher Revolte sprechen da einige eigentlich? Der Filz in den Organen unserer Gesellschaft hat sich nach den 1970-er Jahren erst richtig ausgebildet. Ob wir politische Parteien, Sozialverbände, Gewerkschaften oder verschiedenste Vereinigungen und Stiftungen nehmen, sie stecken alle in ihren Verquickungen fest. Und da sitzen genau die an den Hebeln der Macht, die sich mit dem Nimbus der Alt-68er umgeben. Dies übrigens völlig unabhängig von jeweiliger politischer Couleur.

Helene Fischer

Helene Fischer – Schleyerhalle 2013
Creative Commons license – Foto: Fred Kuhles

Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Ikea-Spot, in dem ein halbes Dutzend Bildungsbürger am Tisch sitzend diskutieren. Plötzlich steht der eine auf und schreit:“Dann müssen wir mal wieder auf die Strasse gehen!“ Als ihn alle regungslos angucken setzt er sich wieder hin, greift zur Rotweinflasche und sagt: „Wir müssen ja nichts überstürzen!„….

Dieser Werbespot, ich glaube aus dem  Jahre 2002/03, wurde seinerzeit schnell zurückgezogen. Er ist im Netz auch nicht zu finden. Einige haben damals erkannt, wie der skandinavische Möbelhersteller dieser Gesellschaft ganz perfide den Spiegel vorgehalten hat und haben protestiert. Zu denen gehörte ich auch.

Jetzt regen wir uns über die auf, die an der Konsens-um-jeden-Preis-Gesellschaft rütteln. Eine AfD, die schlummernde Gefühle aufgreift. Einen Gewerkschaftsführer, der intern Mao genannt wird. Aber gern auch über eine Helene Fischer, die atemlos durch die Nächte plärrt und alles mitreißt.

Individualisierung als Lebensziel

Inzwischen sind wir in einem Zustand gelandet, der unsere Errungenschaften der Nachkriegsjahre gefährdet. Die Veränderungen, die es in der Zeit nach 1968 gab, haben an den systemimmanenten Fehlern nichts geändert. Im Gegenteil, die Gesellschaft auf den Weg der Spaltung getrieben. Die politischen Entscheidungen werden bis heute von einem Blockdenken beherrscht. Das hat zwangsweise zur Folge, dass nicht zum „Wohle des Volkes“ gehandelt wurde, sondern nach jeweiligen Mainstreamideologien. Die Frage nach dem Wohl einer Gesellschaft wurde langsam aufgegeben. Dieses Feld wurde fast ausschließlich ökonomisch beantwortet.  Es wurde eine Atomindustrie zugelassen, die bis heute keine Lösung für deren Abfälle kennt. Die Gleichstellung von Mann und Frau führte dazu, dass sich männliche Bewerber im öffentlichen Dienst z.B. gar nicht erst bewerben, wenn eine Frau mit zur Auswahl stand. Es wurde „Multikulti“ propagiert, aber keinerlei Bahn für eine Integration geschaffen. Hier wurde das Trauma der 68-er sehr deutlich. Sie wollten die alte Identität nicht – hatten aber keine Neue. Mit der Folge, da der Überbau Nation abgelehnt, sogar bekämpft wurde, protegierte man alles, was diesem Ziel entsprach. Individualität als Ziel bleibt als kleinster Baustein über. Alles andere hat sich dem jetzt unterzuordnen.

Unsere angeblich tolerante Nachkriegs-Gesellschaft ist so intolerant, wie sie kaum je gewesen ist. Es fehlt an gemeinsamen Werten, die, und das ist das Übel, auch Beschneidungen der einzelnen Interessen bringen kann.  Solches Ansinnen stößt auf Ablehnung.  Das Ausbilden von solchen Interessen ist den Funktionären und Ökonomen überlassen worden. Die sind aber nicht so dumm und ordneten etwas an, sondern weckten Bedarf – Begehrlichkeiten, die als Lohn für Zustimmung erfüllt wurden. Die Interessen derer, lagen aber nicht im Gemeinwohl, sondern im eigenen Macht- oder Profitgedanken. So entstanden in Politik und Wirtschaft, bis runter in die Einfamilienhaussiedlung, kleine oder größer Königreiche. Sie betrachten das, was als Staatsgebilde drum herum noch existiert als Beute, oder besten Falls als Zulieferer ihres Glücks.

Jetzt fällt langsam dem einen oder anderem auf, dass das Wohl einer Gruppe nicht zwingend eine Summe von Individualwohl ist. Der Kampf um die Werte für ein Gemeinwohl ist entbrannt. Kirche fiel als Instanz langsam aber sicher aus, da sie sich in sich selbst verkroch. Also verbündet man sich in kleinen Gruppen. Gruppe für dies, Gruppe für das…. So unterschiedlich die Interessenlagen dieser Gruppen auch sein mögen, haben sie doch Gemeinsamkeiten zueinander. Die Intoleranz und auch ein Gefühl von Ohnmacht gegenüber den Großgruppen der Gesellschaft, die sich in Jahrzehnten eingerichtet haben.

Die Auswirkungen dieser Entwicklung erleben wir in einer Vielzahl von Prozessen. Eine Schulnote oder gar Schulform-Empfehlung erntet bei Nichtgefallen einen Anwaltsbrief. Im Straßenverkehr hat der andere Verkehrsteilnehmer gefälligst hellseherische Fähigkeiten zu entwickeln und meinen plötzlichen Fahrtrichtungswechsel zu erahnen. Blinker betätigen geht nicht, da ich mit dem Smartphone beschäftigt bin.

Eine gerade entstandene Einfamilienhaussiedlung, deren Strassen komplett als Spielzone beschildert sind,  fordert die Anwohner sofort heraus, mit weißer Farbe „7 km/h“ auf die Fahrbahn zu malen. Ein gleichgeschlechtlich orientierter Mitmensch schreit bei jeder Gelegenheit, man möge ihn nicht wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminieren. Am liebsten dann, wenn die Kritik an seinem Verhalten überhaupt nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun hat. Das gleiche gilt für schäbiges Benehmen gleich welcher Herkunft. Wie schnell wird da die Diskriminierungskeule geschwungen. Reflektion des eigenen Verhaltens, wenn überhaupt, nur im kleinen Kreis und bei einer Flasche Rotwein. Diese Gesellschaftsterroristen, welche als Waffe am liebsten den Rechtsanwalt und Ignoranz einsetzen, haben sich in ihrer kleinen Welt verbarrikadiert.

Hooligans

Hooligans
foto: Siegfried Bellach / pixelio.de

Hooligans bekommen rund fünfausend Gesinnungsgenossen auf die Strasse. Gut, die wollten anscheinend auch nicht zwingend nur demonstrieren. Andere gesellschaftliche Gruppen müssen zur Demo getragen werden, wenn ich da an den „Aufmarsch“ in Berlin gegen Judenhass denke. Der wurde nicht von der jüdischen Gemeinde organisiert, sondern von den Parteien und einem Bündnis der sich da einig sehenden Eliten. Es passte ja so schön in den Kanon der politisch Korrekten. Oder wir feiern es als Event – Fest als Demo.

Diese Rotwein-Taliban sind ja nicht mal mehr auf die Straße zu kriegen, wenn die Zinsen gleich Null sind, die Rendite der Versicherung unter drei Prozent sinkt. Aber ein Güllebecken vom Schweinemastbetrieb im Ort oder ein Asylbewerberheim in der Nachbarschaft, da lässt man die Flasche Rotwein etwas warten und fährt mit dem SUV zur Demo. Da geht es ja auch um den Grundstückswert.

Ansonsten legt euch wieder hin – prosit!

Paul Pawlowski





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