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Jogging-Point

Die Alten und ihr junges Gefühl

Ja und Nein zur Altersarmut

Autor Dieter Buchholtz

Die unsäglich vielen armen Rentner in unserem reichen Land! Ein Trauerspiel! Zustimmung aus sehr vielen Ecken. Oder? Wer wagt es schon, einem derartigen Sozial-Desaster positive Bilder entgegenzuhalten? Schließlich wissen wir doch genau, dass es den Rentnern (oder mindestens vielen Rentnern) schlecht geht! Altersarmut thront als Stichwort über diesem Mainstream einer überwiegend gefühlten Realität. Schreckliche Visionen vom Heute und dem noch schrecklicheren Morgen geistern durch die Medien – und formen unser soziales Bewusstsein.

Und es gibt für die pessimistische Sicht durchaus auch belastbare Fakten – beispielweise in Berlin. In der pulsierenden Millionenstadt lebt inzwischen wohl fast jeder 20. Rentner von Grundsicherung. Und in Gesamtdeutschland? 2010 waren noch 4,9 Millionen Menschen ab 55 Jahren von Armut betroffen, 2016 zählte man schon 5,7 Millionen. Das sind zweifelsfrei traurige Rekorde, die unsere Gesellschaft nicht schweigend übergehen darf. Regelmäßig erscheinende Armutsberichte dokumentieren genau solche Entwicklungen oder übertreffen sie sogar noch in ihren schwarzen Prognosen.

Ein Professor hält dagegen

Beispielweise veröffentlichte der WDR Anfang 2016 die Annahme, dass im Jahr 2030 jeder zweite Rentner auf Grundsicherung angewiesen sein werde, also in Armut lebe. Eine verdammt dunkle Zukunft für potenzielle Neurentner. Unbestritten. Ja, wir brauchen jede vertretbare Teilwahrheit für den politischen Diskurs in einer verantworteten Demokratie. Die Meinungsfreiheit in unserem Land stellt glücklicherweise sicher, dass auch mutige Korrigierer von Mehrheitsgefühlen, wie der Generalsekretär der Caritas, Prof. Dr. Georg Cremer, zu Wort kommen. Im April 2016 kritisierte der Volkswirt (Uni Freiburg) die WDR-Prognose hart als methodisch falsch, zu kurz gegriffen und unseriös. Dafür steht er in heftiger Kritik. Ich gehe nun einfach davon aus, dass die Caritas reale Armutsaspekte auf keinen Fall herunterreden will. Als Medienkonsument wühlen nun in mir und meinem wachsenden Meinungsbild eine Berlin-, eine WDR- und eine Caritas-Wahrheit. Und es könnten noch viele hinzukommen.

Rumms, da sitzt man dann als Mediennutzer so richtig in der Info-Falle. Wem soll ich denn glauben? In Zeiten der beängstigenden Akzeptanz von Fake News, gefühlten Wahrheiten, Social Bots (Meinungskampf der Algorithmen) fällt es ordentlich schwer, ein einigermaßen verlässliches Gesamtbild von den Lebensumständen und damit auch Lebensgefühlen der älteren Bürgerinnen und Bürgern in unserer Gesellschaft zu bekommen.

Erste Korrektur zur Einsamkeit

Aber es ist möglich. Ich greife mal heraus, dass viele alte Menschen – wie wir ja alle kopfnickend bestätigen werden – einsam sind. Allein gelassen von Verwandten, Freunden und irgendwie auch von der Gesellschaft. Wer wollte dem ernsthaft widersprechen? Diese mitleidserregende und mitfühlende Annahme stimmt aber nicht so wirklich. Denn „nur“ vier Prozent der deutschen Rentner zwischen 65 und 85 fühlen sich häufig einsam. Für die Betroffenen schlimm genug. Für eine gesellschaftspolitische Bewertung aber müssen Politik und Presse sowie Lobbyisten auch zur Kenntnis nehmen, dass die überwältigende Mehrheit der älteren Menschen nicht nur enge familiäre Bindungen, sondern auch einen stabilen Freundeskreis hat. Sogar zwei Drittel haben einen festen Partner, drei Viertel sind Großeltern. Fast drei Viertel der Rentner mit Kindern sehen diese mehrmals im Monat oder sogar mehrmals in der Woche.

Zu finden sind solche Erkenntnisse in der aktuellen „Generali-Altersstudie“. Der Versicherer hat zusammen mit dem Institut für Demoskopie Allensbach nach 2013 nun zum zweiten Mal und wieder repräsentativ über 4100 Deutsche im Alter von 65 bis 85 befragt – und erstaunliche demoskopische Antworten erhalten. Es ist spannend, eine Vielzahl kleinerer und größerer Korrekturen im eigenen Altersbild zuzulassen. Aber es ist auch notwendig und fällt nicht immer leicht.

Spurensuche zwischen Sein und Schein

Dazu gehört nicht zuletzt die grundlegende und bekannte Erkennntis, dass Realität und Mutmaßung deutlich auseinanderdriften können. Solche Spuren sind auch in dieser Altersstudie zu finden. Es ist klar und eindeutig festzuhalten, dass die befragten Rentner in ihren Antworten insgesamt eine durchweg positive Bilanz insbesondere ihrer wirtschaftlichen Lebenssituation vermittelten. Dennoch wird von ihnen die Lage der älteren Menschen in Deutschland deutlich negativer eingestuft als die eigene Situation. Konkret: 48 Prozent gehen davon aus, dass die materielle Situation der meisten älteren Menschen in Deutschland mäßig ist. Weitere 31 Prozent vermuten sogar, dass es den meisten ihrer Altersgenossen schlecht geht. An dieser Stelle könnte man die Vermutung äußern, dass die Angst vor Altersarmut derzeit eher ein Medienphänomen zu sein scheint als dass sie eine mehrheitliche Realität ist.

Ähnlich verhält es sich wohl auch bei der Nutzung von digitalen Medien. Schon von 50-Jährigen hört man immer wieder: Nee, soziale Medien, da gehe ich gar nicht rein. Die Barrieren für den Zugang werden als zu hoch empfunden, die Gefahren auch. Die Studie jedoch verrät: Immerhin zwei Drittel der 65- bis 74-Jährigen sind im digitalen Netz unterwegs. Bei den 75- bis 85-Jährigen ist es nur ein Drittel. Hier lauert die Gefahr, dass sich dieser Teil der Älteren digital und technisch als abgehängt empfindet.

Senioren-WG kaum gefragt

Und wir wissen natürlich auch über das allgemeine Stimmungsbarometer um die allgemeine Wohnungsnot. Um explodierende Mieten und gigantische Immobilienpreise. Wem drückt es nicht die mitfühlende Träne in die Augen, wenn Rentner ihre angestammten Wohnungen verlassen müssen, weil Investoren modernisieren und teurer vermieten wollen. Dass ist im Einzelfall grausam und verlangt Schutzmechanismen. Ein Blick wiederum in die Studie verrät: Mit aller Vorsicht kann eine solide Ruhe auf dem Feld von Miete und Immobilienbesitz angenommen werden. Denn über 50 Prozent der befragten Rentner wohnen in einer eigenen Immobilie und mehr als zwei Drittel leben bereits 40 Jahre und länger an ihrem jetzigen Wohnort. Die Studie resümiert dieses Ergebnis so: „Die Zufriedenheit mit der eigenen Wohnsituation und dem Wohnumfeld bewegt sich auf außerordentlich hohem Niveau.“ Es verwundert daher wohl auch nicht so sehr, dass innovative Wohnformen wie Mehrgenerationenhaus oder eine Senioren-WG weniger häufig genannt werden.

Gesund durch Entschleunigung und Sinngebung

Diese somit überwiegend praktizierte konservative und ruhige Wohnform verbindet sich offensichtlich hervorragend mit Aspekten wie Entschleunigung und Sinngebung. Dies sind wohl wesentliche Bausteine für einen selbst gewählten und damit autonomen Lebensplan für das letzte Lebensdrittel. Letztendlich geht es über das Wohlbefinden auch um das Kernthema Gesundheit. Abgeleitet offensichtlich von der kreativen und auch fordernenden Selbst-, Neu- und Umgestaltung des eigenen Lebens, belegt die Studie wiederum, dass sich die Senioren zu zwei Drittel im Schnitt mindestens zehn Jahre jünger fühlen als das noch vor 20 oder 30 Jahren bei älteren Menschen der Fall war. Bewusst genießen sie wohl mit Eintritt in das Rentenleben die Verlangsamung im Lebensrhythmus, die Verringerung von Stress, Zwängen und Druck und einen Zeitgewinn an Ruhe – verbunden mit mehr Zeit für sich selbst, die Familie und den Partner. Eine weitere Addition an Gesundheitsaspekten stellt die hohe Bereitschaft für ein bürgerschaftliches Engagement dar. 45 Prozent bringen sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen ein. Fast jeder Vierte hat mit seinem Engagment erst nach dem Renteneintritt begonnen. Hochgerechnet leisten die Älteren auf diese Weise stolze 1,48 Milliarden Stunden. Bezieht man die wissenschaftliche Erkenntis mit ein, dass Ehrenamt glücklich macht, dann scheinen es viele Seniorinnen und Senioren goldrichtig zu machen.

Mehr Geld in der Tasche – Unterstützung für Kinder

Überrascht hat die Fachleute, dass entgegen vieler Meinungen mehrheitlich keine soziale Isolierung zu beklagen ist. Denn die überwältigende Mehrheit besitzt nicht nur enge familiäre Bindungen, sondern auch einen stablien Freundeskreis (69 %), zwei Drittel haben einen festen Partner, drei Viertel sind Großeltern. Und die Großelterngeneration hat eine hohe Bereitschaft, Kinder und Enkel zu unterstützen. Sie schaffen und sie wollen das. Denn ihnen stehen pro Haushalt monatlich im Durchschnitt 2410 Euro zur Verfügung. 2013 waren es zehn Prozent weniger. Die monatlich frei zur Verfügung stehenden Mittel sind um 20 Prozent auf 628 Euro gestiegen. Also alles im grünen Bereich? Ja – mehrheitlich. Dennoch gibt es ein Prozent von den befragten Rentnern, die niemanden haben, an den sie sich in einer schwierigen Lage wenden können. Dies als kleiner, aber wichtiger Hinweis, dass es bei aller positiven Grundstimmung bei den Ruheständlern doch einen Teil gibt, der die Lebenszufriedenheit dieser überwiegend engagierten und motivierten Goldgeneration nicht teilen kann. Auch ihnen gebührt die Achtsamkeit von Menschen und Politik.

Zwischen Sport und Lippenstift

Als Fazit können wir festhalten: Die Lebenszufriedenheit der deutschen Rentner zwischen 65 und 85 Lebensjahren punktet in der zehnstufigen Skala mit der sehr hohen Note 7,4. Höher geworden sind ganz offensichtlich auch generell die Ansprüche an die eigene Attraktivität und an ein damit verbundenes gesünderes Leben. Ein weiteres Indiz dafür ist die erheblich höhere Neigung, Sport zu treiben. Waren es 1968 noch fünf Prozent der über 65-Jährigen, die gelegentlich Sport trieben, sind es heute 44 Prozent. Ihnen geht es offensichtlich um Gesundheit, aber auch um die Attraktivität ihres Körpers. Mit Kusshand werden Angebote zwischen Fitnessbude und Yoga angenommen. Mit einem Kussmund garnieren die befragten Frauen ihre neu erwachsene Lebenslust. Jede zweite Frau schönt sich mit einem Lippenstift; vor dreißig Jahren „wagte“ oder „wollte“ das nur jede vierte Frau.

Sicherlich auch ein kleiner Spiegel für die gestiegene Lebenslust der neuen Bestager.  

Dieter Buchholtz





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