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Der Zwangsdynamo

Dietrich Kantel

Dietrich Kantel

Der Zwangsdynamo

Wörter mit Zwang: Zwangsjacke, Zwangsmittel, Zwangsunterbringung. Zwangsumtausch. Ist Ihnen alles ein Begriff. Bestimmt auch noch Dynamo. Wie etwa bei Dynamo Dresden. Aber kennen Sie auch den Zwangsdynamo? Noch nicht? Dann sollten Sie unbedingt Paragraf 67 StVZO lesen. Denn Radfahren wird doch immer beliebter.

Land der Dichter und Denker

Deutschland ist gesegnet. Schiller und Goethe haben uns Weltliteratur vererbt. Das Lied von der Glocke und Die Bürgschaft, die Leiden des jungen Werthers und Faust. Aber wir haben auch den deutschen Gesetzgeber. Der verfasst bisweilen unverzichtbare Prosa wie zum Beispiel die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO). Im dortigen Paragraf 67 widmet er sich in 555 Wörtern (fünfhundertfünfundfünfzig) den Erfordernissen für „Lichttechnische Einrichtung an Fahrrädern“. Das Gesamtwerk zu rezitieren würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Deswegen soll hier eine Kostprobe genügen und im Leser möglicherweise Lust auf das Ganze erwecken. „Fahrräder müssen für den Betrieb des Scheinwerfers und der Schlussleuchte mit einer Lichtmaschine ausgerüstet sein, deren Nennleistung mindestens 3W und deren Nennspannung 6V beträgt (Fahrbeleuchtung). Für den Betrieb von Scheinwerfer und Schlussleuchte darf zusätzlich eine Batterie mit einer Nennspannung von 6V verwendet werden (Batterie-Dauerbeleuchtung). Die beiden Betriebsarten dürfen sich gegenseitig nicht beeinflussen.“ Mit solch eleganten Satzschwüngen eingestimmt, ahnt der Leser schon: Achtung! Jetzt wird´s spannend, so vielleicht der Technikfreak. Oder: Ja mei, da wird´s komisch. Und das ist es auch in der Tat.

Eine Posse

Denn nichts anderes verbirgt sich in Paragraf 67 StVZO als der deutsche Zwangsdynamo oder, weniger martialisch formuliert, die Dynamopflicht für den Fahrradfahrer. Wer nämlich an seinem Fahrrad nur ein batteriebetriebenes Licht verwendet und von der Polizei kontrolliert wird, muss mit einem Bußgeld von bis zu 15 Euro rechnen. Nun stammt die Vorschrift aus den 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Da war das mit den batteriebetriebenen Leuchten natürlich noch so eine Sache. Seither hat sich die Technik aber auch hier rapide fortentwickelt. Die Batterien wurden um ein Vielfaches leistungsstärker, die Leuchtmittel, zuvorderst Lampen mit Leuchtdioden, verbrauchen extrem wenig Energie, was wiederum die Leistungs- und Lebensdauer der Batterien weiter dramatisch erhöht. All das ist, trotz jahrelanger Hinweise der Fahrradindustrie und der Radfahrerverbände, am Gesetzgeber seit Jahrzehnten spurlos vorübergezogen.

Schon klar: wer Dienstlimousinen mit Chauffeur nutz, vielleicht mal am Wochenende und bei strahlendem Sonnenschein mit den Kleinen zu Hause eine kurze Radtour unternimmt, den juckt das mit den modernen Leuchtmitteln nicht. Den  – zumindest bei älteren Dynamo- und Fahrradmodellen – störenden zusätzlichen Kraftaufwand, und dass es da auch im Stillstand zappenduster ist, das kennt er ja nicht. Auch dürfte auf der Hand liegen: Ein Dynamo kann mal während der Fahrt den Geist aufgeben, einerseits. Andererseits kann man eine schwächelnde Batterie nicht auch während der Fahrt leicht auswechseln? Das geht beim Dynamo naturgemäß nicht so einfach, sagt sich der Praktiker. Der lebensfremde Gesetzgeber erkennt darin mal wieder ein höchstkompliziertes Abwägungsproblem. Das muss man erst mal sacken lassen. Bloß keine Schnellschüsse. Es geht ja nicht um die Euro-Rettung. Technischer Fortschritt hin, veraltete Vorschriften her: bislang bleibt´s eben beim Bußgeld, auch wenn die Batterieleuchte bei der Polizeikontrolle im Dunkeln und im Stillstand fröhlich und hell vor sich hin strahlt. Steht halt im Gesetz. Haben wir schon immer so gemacht. Wo kämen wir dahin, wenn jeder machte, was er wollte? Typisch deutsche Bürokratie halt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Doch ist nicht aller Tage Abend. Rettung naht. Im „Nationalen Radverkehrsplan 2020“ (!, was für ein Titel), zu Beginn des Jahres in Kraft getreten, heißt es nunmehr, dass die Vorschriften für Fahrräder insbesondere im Hinblick auf die Beleuchtung an den Stand der Technik angepasst werden sollen. Und das schon bis 2020. Sind ja nur noch sechseinhalb Jahre. Und der Bundesverkehrsminister lässt auch schon verlautbaren, dass eine Gesetzesänderung „in Arbeit“ sei. In Arbeit? Der Gesetzgeber, nämlich der Bundestag, ist in Sommerpause. Danach ist Wahlkampf. Dann sind Wahlen. Dann muss eine (neue) Regierung gebildet werden. Dann ist Weihnachtspause. Und dann ist 2014. Aber dann sind es bis 2020 auch keine ganzen sechs Jahre mehr. Und bis dahin kann man beim Bürger Radfahrer noch schön die 15 Euro abkassieren.

Dietrich Kantel


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