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Das Zittern der Hirten

Nach der Wahl von Franziskus war es verdächtig still in Klerus. Neben den üblichen Floskeln der Begrüßung ging man in Deckung. Heute bin ich fast geneigt anzunehmen, das „EVANGELII GAUDIUM“ hätte in einer vorläufigen Fassung schon vor der Wahl die Runde gemacht. Dann wird dieser Papst auch noch Person des Jahres 2013. Ist er eine neue Pop-Ikone oder ist eine Marke „Franziskus“  geboren, wie der Focus versucht, darzulegen? Ich glaube, um Themen wie Marke oder Marketing kümmert sich Franziskus nicht. Schon sind wir geneigt, dieses als Manko anzusehen. Es ist keines. Es wäre  ein solches, wenn er denken würde wie das System der westlichen Industrienationen. Dann aber auch nur, wenn es für Franziskus das einzige denkbare wäre. Genau das ist es nicht. Damit tut man sich gerade hierzulande mehr als schwer.

Paul Pawlowski

Paul Pawlowski
Foto: Sepp Spiegl

Ich habe mir als Nichtkaltholik das Gaudium angetan, dieses Schreiben zu lesen. Einen solchen Stoff in der Form aufs Papier zu bringen ist eine Leistung an sich. Käme in dem Brief nicht Jesus, Maria und die Kirche vor, dann könnte man glauben – oder hoffen, eine neue Weltordnung entstünde. Genau das halte ich für die kritische Masse in der Idee des Franziskus. Es gab einige kleine Versuche der Papstinterpretation, die auf Umbruchsuche waren. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Äußerung zu Homosexuellen in dem Flugzeuginterwiev.

Narzissmus der Eliten

Wenn man sich die Passagen anschaut, die sich mit der Struktur und inneren Ordnung, Hierarchie der Kirche (ich nenne die katholische Kirche hier kurz „Kirche“) beschäftigen, dann stellt man fest, daran rüttelt Franziskus nicht. Die Perspektive ist es, die er gründlich umdreht. Ein simpler Satz auf Seite 93 macht es deutlich: „Die Laien sind schlicht die riesige Mehrheit des Gottesvolkes…. Doch die Bewusstwerdung der Verantwortung der Laien,.. zeigt sich nicht überall in der gleichen Weise.“  Hier wird die Perspektive gewaltig verändert, sogar für einige aus dem Klerus auf den Kopf gestellt. Eine Übersetzung könnte lauten: „ Hey, Ihr Würdenträger, die Schar der Laien kann auch ohne euch, ihr aber nicht ohne diese!“ Etwas Ähnliches habe ich einmal einem TV-Produzenten gesagt. Er möge nicht vergessen, er verdient sein Geld damit, dass ich meine Nase in eine Kamera halte und nicht ich dadurch, dass er im Regieraum sitzt.

Dieses „verkehrte Welt spielen“ ist heute Teil des Systems. Auch ein Bankvorstand könnte sich ein noch so absurdes Finanzprodukt ausdenken und keinen müden Euro Gewinn machen, wenn er nicht die Mitarbeiter in der Filiale oder Call-Center hat, die diese auch den Kunden schmackhaft machen. Dieses System erlaubt es, dass einige Wenige aber auch fast jeden Irrsinn durchsetzen können. Die Vertriebsstruktur der Bankenbranche erinnert in manchen Teilen an eine Drückerkolonne, die abgestraft wird, wenn sie nicht ausreichende Abschlüsse vorweist.

Hier setzt Franziskus an. Er erinnert die „Mächtigen“ der Kirche an Ihre eigentliche Aufgabe und an die Verantwortung. Den Manager-Funktionalismus, der nicht dem Volk Gottes, sondern der Organisation Kirche dient, ist neben anderen Auswüchsen ein Hinderungsgrund der Freude am Christ sein. Franziskus nimmt Worte in den Mund, die wahre Tinnitusanfälle beim Klerus verursachen müssen. Er spricht von narzisstischen und autoritären Elitebewusstsein.

Ausgebeutet und Abfall

Diese Perspektivveränderung ist auch die radikalste Stoßrichtung des Papstes. Er führt einen neuen Begriff in der Bewertung der ökonomischen und sozialen Umstände ein. „Ausschließung“ ist diese Terminologie. Alles, was nicht den Konkurrenzkampf besteht oder den Gesetzen der Stärkeren unterliegt, wird ausgeschlossen. Damit ist eine Wurzel der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft getroffen. Zitat: „Man befindet sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern ist draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall““. Ein weiteres radikales Wort ist: „Diese Wirtschaft tötet“.

Dass die deutschen Bischöfe sich damit mehr als schwer tun, wird in dem Artikel von Rudolf Voderholzer, Bischof von Regensburg, deutlich.   Er macht das, was Franziskus eigentlich nicht will, er fasst es zusammen, für wen auch immer. Vorderholzer macht das, was der Klerus Jahrhunderte lang eingeübt hat: Ich bestimme, was ihr zu lesen bekommt und wie darüber gedacht werden darf.  Kriegt aber noch die Kurve und animiert zum vollständigen Lesen dieses Briefes. Ignatianische Spiritualität, die Herkunft als Jesuit und das Empfinden wie ein großer Exerzitienvortrag sind die klerikalen Betonklötze, die Bischof Vorderholzer in den Synapsen hängen.

Franziskus hat hier dicke Bretter zu bohren. Prälat Prof. Dr. Dr. h.c. Lothar Roos versucht auf kath.net  den Lesern weiszumachen, man könne Franziskus nur verstehen, wenn man die katholische Soziallehre kenne.  Zitat.“ Will man die Aussagen von Papst Franziskus zum „Kapitalismus“ richtig verstehen, dann ist dies nur im Kontext der gesamten Sozialverkündigung der Kirche möglich.“  Ich habe mit dem Papst nicht darüber gesprochen, aber ich denke, seine Schrift ist klar, in einer verständlichen Sprache und braucht keinerlei Übersetzer. Das ist die Angst, die den Klerus umtreibt: Sie fürchten, die Deutungshoheit zu verlieren. Kardinal Lehmann sieht auch dieser Elite die Felle wegschwimmen. In seinem Gastbeitrag in  der „Zeit“  stößt er in das gleiche Horn wie Prälat Roos und bemängelt: “Es fällt auf, dass „Evangelii gaudium“ nur an wenigen Stellen die Sozialenzykliken anführt.“ Auch vermisst er den Hinweis auf andere Wirtschaftssysteme wie die „Soziale Marktwirtschaft“. Gerade dieses zeigt die Unfähigkeit Anderes zu denken so offenbar, dass es schon erschreckend ist. Keine Gedanken sind zu finden, wie man manche Dinge anpackt. Das klingt alles nach „wasch´ mich, aber mach´ mir den Pelz nicht nass“!

Die Messer sind gewetzt

Entweder verstehen sie ihn wirklich (noch) nicht, oder wollen Franziskus nicht verstehen. Er braucht keine Sozialenzykliken, die Papier schwärzen und keine Handlung hervorbringen. Taten sind gefordert und Freude im Glauben. Dezentralisierung, Offenheit, Mission und voneinander lernen sind die Wegweisung aus Rom. Einmischen und an der Seite der Armen und Ausgeschlossenen für deren Rechte kämpfen, ist die politische Dimension. Darauf warteten einige Kreise der Kirche schon lange. Sie wurden teilweise sträflich im Regen stehen gelassen.

Kirche hat immer auch Politik gemacht – aber auf der Seite der Machthaber. Eine der größten sozialen Umwälzungen nach dem Kriege in Deutschland im Jahre 2003 wäre ohne das Stillhalten der Kirche nicht möglich gewesen. Sogar Geschäfte wurde von kirchlichen Einrichtungen damit gemacht.  Erst als die Stimmung um das Thema Agenda 2010/Hartz IV etwas umkippte, da plötzlich gab es auch Worte der vorsichtigen Kritik von Seiten der Kirch(en), Gewerkschaften und Sozialverbände. Jetzt wird von Franziskus gefordert, sich politisch einzumischen nach der Maßgabe der Seelsorge und der Gerechtigkeit. Wegducken des Klerus dürfte schwieriger werden.

Es besteht die Gefahr, dass die Lämmer, die lange geschwiegen haben, dieses weiter tun, weil sie nichts anderes gewohnt sind. Die Hirten, auf den Stab gelehnt, die Hunde um die Herde hetzen. Dieses allerdings nicht zum Schutz der Herde, sondern um sie zur bequemen Masse zu machen. Nach den ersten Reaktionen der offiziellen Katholiken Deutschlands kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass versucht wird, alles in die Ecke des Südamerikaners mit der Befreiungstheologie zu stecken. Ich nenne es überhebliche Arroganz gegenüber dem Papst. Zwischen den Zeilen kann man durchaus auch lesen, er müsse erstmal im Westen und in der Struktur Kirche ankommen.

Hinter den Kulissen dürften sich erhebliche Kämpfe abspielen. Franziskus sei gewünscht, dass er nicht erst die ganze Mischpoche vom Hof jagen muss, wie Jesus die Geldwechsler. Franziskus ist durch seine Vergangenheit mit machtgierigen Diktatoren und selbstherrlichen Seilschaften vertraut. Darin liegt  meine Hoffnung, dass er seinen Zielen in der Kirche zumindest näher kommt.

Wirkliche Unterstützer seiner Idee wird er nur wenig in Europa finden. Böse Zungen reden schon davon, Franziskus würde die ersten Jahre nicht überstehen und das Schicksal Johannes VIII., Johannes X., oder Johannes Paul I. teilen. Wenn er es schafft, diese Kirche zu einem zugewandten Seelsorgebetrieb zu machen, dann stellt er Martin Luther in den Schatten. Passiert es nicht, dann wird, zumindest in den Industriestaaten, Kirche in der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit verschwinden. Dann aber bitte ehrlich, und eine Aktiengesellschaft draus machen.

Paul Pawlowski (pp)




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