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Brot und Spiele

Reus

Marco Reus

Damit eines schon mal klar ist: Die nachfolgenden Zeilen kommen nicht aus der Feder eines notorischen Anti-Fußball-Naserümpfers. Auch nicht aus der eines sich arrogant als „absolut desinteressiert“ aufplusternden Pseudo-Intellektuellen. Ganz im Gegenteil. Hier schreibt einer, der den Fußball liebt, selbst mit Begeisterung gekickt hat und tiefes Mitgefühl empfindet mit Marco Reus – jenem jungen, hoch talentierten Spieler von Borussia Dortmund, der sich (ausgerechnet noch im letzten Testspiel der Nationalmannschaft) so schwer am Fuß verletzt hat, dass er nicht mit zur Weltmeisterschaft nach Brasilien konnte. Das darf man schon als Tragödie bezeichnen.

Klassische Massenbeeinflussung

Damit genug der „abfedernden“ Vorworte. In den kommenden Wochen werden rund um den Erdball so viele Menschen vor den Fernsehern bei den WM-Spielen mitfiebern wie nie zuvor. Aber sie werden, mit hoher Wahrscheinlichkeit, auch Zeuge sein, dass eine klassische Methode der Massenbeeinflussung nicht mehr wie in der Vergangenheit funktioniert – nämlich mit Großinszenierungen grandioser Spektakel von brennenden Problemen abzulenken und die Menge zumindest zeitweilig ruhig zu stellen. Mit „Brot und Spielen“ hatten das schon die römischen Cäsaren vor 2000 Jahren erfolgreich betrieben. Es war halt einfacher, die nach Sensationen gierende Menge dadurch zu besänftigen, dass in den Arenen noch ein paar Christen zusätzlich den Löwen und Bären zum Fraß vorgeworfen wurden, als innenpolitische oder soziale Notstände zu beseitigen.

Manaus

Das neuerbaute Fussballstadion in Manaus

Und ausgerechnet in Brasilien, ausgerechnet in diesem total fußballverrückten Land, beginnt das System jetzt zu bröckeln. Ausgerechnet dort, wo angeblich die Kinder schon im Mutterleib nicht einfach nur strampeln, sondern üben, Pässe zu schlagen, gehen nun bereits seit Monaten Hunderttausende auf die Straße, um gegen Misswirtschaft, staatliche und private Korruption, mangelnde Bildungsmöglichkeiten, miserable Gesundheitsvorsorge, gebrochene Regierungs-Versprechungen, Gigantomanie und unsinnige Großprojekte im Zusammenhang mit der Fußball-Weltmeisterschaft zu protestieren. Da wurde – ein Beispiel nur – in der Amazonas-Stadt Manaus wegen vier Vorrunden-Spiele ein Stadion für 40 000 Zuschauer hingeklotzt, obwohl danach zu den Begegnungen der heimischen, zweit- und drittklassigen, Mannschaften im Schnitt nicht mehr als 800 Fans kommen werden. Da erlässt die Zentralregierung in Brasilia den mit vielen Milliarden Euro in der Kreide stehenden Klubs kurzerhand die Schulden, hat für die Armutsviertel in den Millionenstädten aber kein anderes Mittel als Militär und polizeiliche Spezialeinheiten.

Maßlosigkeit allerorten

Angesichts dieser Situation und der entsprechend aufgeheizten Stimmung im siebtgrößten Industriestaat auf dem Globus braucht es nicht viel Phantasie, um sich die Konsequenzen für die regierenden Sozialisten bei den nationalen Wahlen im nächsten Jahr auszumalen, falls die „Selecao“ bei der WM im eigenen Land nicht den Weltpokal gewinnen sollte. Erst ist der von Präsidentin Dilma Roussef 2011 angekündigte „große Pakt“ zur Beseitigung der größten Missstände und Ungerechtigkeiten im Land ohne sichtbare Verbesserungen für das Leben des größten Teils der Brasilianer versickert, dann ließ sich die Zusage nicht einhalten, dass die gesamte WM-Infrastruktur keinen Reais an Steuermitteln kosten werde. Und nun schließlich, zu schlechter Letzt, vielleicht nicht einmal der Titelgewinn? Eine Katastrophe.

campobahia

Campo Bahia, die Unterkunft der deutschen Nationalmannschaft

Doch warum regen wir uns eigentlich über Brasilien auf? Ok, die Zeiten haben sich geändert seit 1974, als die Elf von Helmut Schön daheim die WM gewann. Und vielleicht ist es den Sportmillionären zwischen 19 und 35 Jahren tatsächlich nicht mehr zuzumuten,  wie damals – in Malente – in einer Landessportschule zu logieren und zu trainieren. Aber: Muss die Alternative dazu lauten, dass sich der Deutsche Fußball-Bund speziell für diese drei Wochen in Brasilien an einer eigens aus dem Boden gestampften Ferienanlage beteiligt? Und diese auch noch weitab jeder größeren Zivilisation? Hier stellt sich doch die Kosten-Nutzen-Frage selbst dann, wenn die Löw-Buben tatsächlich Stück für Stück dem Endspiel näher kommen und nicht schon in der Vorrunde ausscheiden sollten.

Komisch – die Leute akzeptieren es

Keine Frage, der Fußball fasziniert die Menschen. Es hat ja auch etwas Mitreißendes, zu erleben, wie das archaische Zusammenprallen zweier mit Adrenalin aufgeladenen Mannschaften sich plötzlich auflöst und verfeinert durch technische Finesse und mitunter akrobatische Raffinesse der Körperbeherrschung. Oder, wie physische Kraft und bloße Härte unversehens variieren mit nahezu mathematischen Fähigkeiten bei der Berechnung und Genauigkeit von Pässen und Flanken. Das ist schon die Hohe Schule des Sports.

Und damit nicht nur aller Ehren, sondern durchaus ihres Lohnes wert. Wie aber, und woran, bemisst sich diesen Wert? Wie errechnet sich etwa die Leistung eines Top-Kickers im Vergleich zur Arbeit eines Beschäftigten im Kohle- oder Kali-Bergbau? Natürlich bekommen bei weitem nicht alle Kicker in der Bundesliga (und schon gar nicht in den unteren Ligen) Bezüge von bis zu umgerechnet 350 000 Euro pro Woche. Die Frage nach der Rechtfertigung solcher Summen wird in der Szene gemeinhin achselzuckend mit der Bemerkung beantwortet, das regle halt der Markt. Und, erstaunlich genug, die Leute akzeptieren es. Ja, nicht nur das – die Akzeptanz scheint sogar nicht zuletzt dort am höchsten, wo gleichzeitig mitunter die Not am größten ist. Als Beispiele seien Schalke und Dortmund genannt. Die Städte und ihr Umkreis zählen mit hoher Arbeitslosigkeit und Heeren von jugendlichen Schulabbrechern fraglos zu den wirtschaftlichen und sozialen Problemzonen in Deutschland. Dennoch sind die Stadien von Borussia und S 04 selbst bei vergleichsweise unbedeutenden Treffen jedes Mal ausverkauft. Dabei sind die Tickets, auch die Dauerkarten, richtig teuer.

Ein riesiger Markt

Fast scheint es so, als könne an der Faszination Fußball überhaupt nichts kratzen. Gewiss, der Bürger schüttelt verwundert bis ungläubig den Kopf, wenn der Weltfußballverband FIFA die WM inKatar das (reiche!) Wüstenländchen Katar vergibt, was sich allein schon wegen der dort herrschenden Temperaturen verboten hätte. Und er (der Bürger) äußert sich gedämpft empört, wenn er liest, dass die Sportstätten in dem Emirat von Arbeitern unter Sklaverei-Bedingungen erstellt werden. Dass die FIFA darüber hinaus bereits seit Jahren bis in die kleinsten Facetten hinein die Bedingungen für Verlauf und Vermarktung (welche Bier-Marke darf verkauft, welcher Auto-Hersteller die Transporte durchführen?) der Welt-Turniere diktiert und den Austragungsländern sogar noch Steuerbefreiung abzwingt – das entlockt der Masse der Zeitgenossen allenfalls ein müdes „Na sowas“. Allein das jetzige Championat in Brasilien wird, so hat man errechnet, der FIFA-Zentrale in Zürich rund 3,2 Milliarden Euro an Reingewinn in die Kassen spülen.

Fußball, ein riesiger Markt. Aber – noch einmal – es könnte sein, dass die Demonstranten auf Brasiliens Straßen das Ende der Massenberuhigung mit „Brot und Spielen“ einläuten werden.

Gisbert Kuhn


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