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Brauche ich nicht

Die digitale Wand steht überall

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Autor Dieter Buchholtz

„Brauche ich nicht!“ Wie oft habe ich das schon von jeglicher Art Modernisierungsverweigerern gehört! Ja, brauchen wir denn wirklich das neueste Handy, den aktuellsten Laptop, den unglaublich flachen Tablet-PC? So setzen dann die Skeptiker vermeinlich ganz konkret nach. Vielleicht quetscht sich dann bei derartiger Bedarfs-Inquisition und so kurz vor Weihnachten der Digital-Technik-Freak ein gequältes „Jein“ heraus. Also Landung in der argumentativen Sackgasse!?
Glücklicherweise stimmt aber die real existierende Internet-Generation schlicht und ergreifend durch Shoppen ab. Und da entstehen erdrückend klare Mehrheiten für die sich ständig erweiternde digitale Welt. Ist damit  die digitale Benutzer- und Verbraucherwelt im Lot!? Nicht so ganz. Denn ungewollt und teilweise auch unbemerkt schleicht sich mitten in unserer Gesellschaft so etwas wie eine digitale Apartheit ein. Denn es gibt eine große Zahl von Menschen, die vom leichten Touch-Screen-Leben oder von der global vernetzten Internetwelt ausgeschlossen sind. Zu Millionen finden wir sie besonders bei den Senioren. Sehenden Auges wird diese Altersgruppe vom öffentlichen Leben abgekoppelt. Ein Skandal schon heute – und erst recht in der Zukunft!?

Hilflos vorm Fernseher – damals

Ja, es ist richtig, dass die Industrie uns alles Mögliche aufschwatzen will, dass sie uns abhängig macht von binären Verführern. Ja, es ist richtig, dass Programmierer reizvolle Spiele und immer leichter zu bedienende Software entwickeln. Ja, es ist richtig, dass Berufs- und Privatleben nicht mehr ohne schnellen Datenaustausch funktionieren. Und es ist genauso richtig, wenn immer mehr Behörden davon ausgehen, dass der Bürger sich ohne Probleme bei ihnen einloggen kann. Ohne das weltweite Web geht hier und dort offensichtlich schon vieles nicht mehr oder sogar bald gar nichts mehr. Und besonders an dieser Stelle laufen Millionen von älteren Menschen gegen ihre eigene Wand aus Ignoranz und Trotz. Dann beginnt das „Brauche ich nicht!“ zu schmerzen.
Hier lauert der Stoff, aus dem pauschale Wut aufgetürmt wird. Wut auf eine Gesellschaft, deren Abläufe nicht mehr verstanden werden. Es ging doch früher auch mit Briefeschreiben. Und mit Papier hatte man wenigstens was in der Hand. Ich erinnere mich noch gut, als ich das erste TV-Gerät für meine Großmutter eingerichtet habe. Sie hat einfach ungläubig davor gesessen und gemurmelt: „Davon verstehe ich nichts.“ Aber gucken wollte sie jeden Tag. Und heute? Da bin ich froh, wenn mein Sohn mich in die Geheimnisse der sozialen Netzwerke einführt, wenn er mir die vielen Möglichkeiten auf dem Smartphone zeigt. Es macht mir das Gefühl Spaß,  mit der Entwicklung etwas mitzuhalten. Ich genieße mein Online-Banking von zu Hause, ich finde es toll, mein eigenes Reisebüro zu sein und ich ärgere mich schon fast, wenn eine Person oder eine Einrichtung nur über eine Briefadresse zu erreichen ist.

Kopfschütteln über die Verführung

Wenn ich aber mit Altergenossinnen und –genossen über neue digitale Entdeckungen oder über ein – wie ich meine – hilfreiches App in kaum bezähmbarer Entdeckerfreude diskutieren will, dann ist es plötzliche wieder da, das „Brauche ich nicht!“. Um mich herum teilweise nur verständisloses Kopfschütteln über soviel abhängige Begeisterung „für so´n neumodsches Zeug“. Ganz schnell bin ich dann der Prototyp eines Verführten. Habe ich mich also von der riesigen und findigen Computerindustrie einlullen lassen? Haben die mir so etwas wie einen Virus in mein Belohnungssystem eingeschleust?
Bei solcher Wahrnehmung ist es nicht schwer, unvermittelt auf die Verursacher dieser so unsinnigen Neuerungen zu schmimpfen. Außerdem ist ja bekanntlich das Online-Leben voller Gefahren. Täglich werden wir in den Medien daran erinnert oder in dieser ablehnenden Haltung bestätigt. Ein Dank für diese Sichtweisen an die NSA, an Cyberwar-Szenarien, an Hacker, die reihenweise Bankkonten knacken…Damit ist das Feindbild gegen die Moderne klar modelliert. Wer es jetzt noch nicht kapiert hat, dem ist eben nicht zu helfen. Basta! Wir sind und bleiben eben nur die Opfer, im Handeln gelähmt. Hier werden dann schnell die Finger in Richtung „die da oben“ gestreckt. Halt! Wie heißt es doch so schön: Ein Finger zeigt auf die „Bösen“, aber drei weitere Finger zeigen auf uns selbst. Will heißen: Wir können auch frühzeitig selbst etwas daran tun, dass wir nicht zu Fremden in einer vernetzten Welt werden, weil wir deren Sprache nicht verstehen. Und gerade wir Lebensälteren sollten – auch mit Anstrengung – versuchen, nicht zu Migranten in einer Welt zu werden, deren „Sprache“ wir nicht mehr verstehen.

BITCOM leuchtet in die digitale Senioren-Realität

Aber solche Appelle helfen nicht wirklich weiter. Hilfreicher sind dann schon Untersuchungen mit konkreten und belastbaren Ergebnissen. So gewährt eine gerade veröffentlichte repräsentative Studie Einblicke in das Leben von Silver Surfern in unserem Land. Der für die Umfrage verantwortliche Digitalverband BITCOM entnimmt den Befragungsergebnissen eine zentrale Botschaft: 46 Prozent der Internetnutzer ab 65 Jahren erklären das Internet für sich persönlich als unverzichtbar. Wirklich online sind aber nur/immerhin 38 Prozent. Zwei Jahre vorher waren es 32 Prozent. Es bewegt sich also was bei den Älteren. Und Bildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka machte bei der Vorstellung der Ergebnisse Mut: „Das Internet kann das Leben für Seniorinnen und Senioren außerordentlich erleichtern.“ BITCOM-Präsident Prof. Dieter Kempf ergänzt: “Wer sich einmal mit dem Internet befasst, profitiert schon nach kurzer Zeit von den enormen Möglichkeiten und Verbesserungen für den Alltag.“ Das ist, so meine ich, der entscheidene Hinweis. Wir Ältere tun uns einfach für unseren Lebensalltag selbst einen Gefallen, wenn wir uns nicht aus der „Digitalen Gesellschaft“ rauskoppeln.
Hilfreich sind dabei die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in einem Pilotprojekt eingerichteten Senioren-Technik-Botschafter. In 18 Projekten und zehn Bundesländern wurden diese zu Themen wie Internet, mobile Endgeräte, Assistenzsysteme beispielsweise für Wohnen, Mobilität, Gesundheit und Pflege sowie Unterhaltungselektronik erfolgreich eingesetzt. Das Grundmuster ist: Ältere vermitteln Wissen an Ältere. Na, geht doch…
Aber zum Schluss fällt es mir schwer, eine taufrische Erfahrung weiterzugeben. Ja, ich habe Laptop, Smartphone, Internetanschluss. Ja, ich bemühe mich, viele digitale Fortschritte mitzumachen. Also kein „Brauche-ich-nicht-Jünger“. Aber beim epochalen Versuch, das neue Belegabrufverfahren des Finanzamtes einzurichten und zu nutzen, hätte mich doch fast mein Glaube an die Sinnhaftigkeit der digitalen Vernetzung verlassen. Zwei Wochen lebte ich in einem Hin- und Her von Codewörtern (Sie bekommen in den nächsten Tagen Post von Ihrer Finanzbehörde), Anleitungen, Fehlversuchen, bis ich „drin“ war. Jetzt sehe ich, was  vorher schon mein Finanzamt gesehen hat. Und das online. Ein wirklicher Gewinn!?

Dieter Buchholtz

 

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