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WAHNSINN

Bescheuert

Dietrich Kantel

Dem Senat der Universität Leipzig ist Tolles eingefallen: „Guten Tag Herr Professorin“. Das ist jetzt die korrekte Anrede an der 1409 gegründeten „Alma Mater Lipsiensis“. Nicht etwa für das so genannte „Dritte Geschlecht“, für das im Berliner Stadtbezirk Kreuzberg zur Vermeidung von Diskriminierung gesonderte öffentliche Toilettenräume geschaffen werden. Nein: das ist die richtige Anrede für den Hochschullehrer – Entschuldigung: den Hochschullehrerin – männlichen Geschlechts.

Sternstunde der Menschheit

„Aus Tradition Grenzen überschreiten“ lautet der Wahlspruch der Universität, nachzulesen auf ihrer Home-Page. Das mit dem Grenzen Überschreiten war bekanntermaßen bis 1989  nicht so einfach in der damaligen DDR. Deswegen hat man sich das in Leipzig wohl für später, genau gesagt bis heute, aufgehoben. Und was sich so lange aufstaut, braucht als Ventil dann etwas Fundamentales, damit das Überschreiten nicht im Kleinlichen stecken bleibt. Etwas für die Ewigkeit musste wohl her. Man denkt eben deutsch. Bei der jahrzehntelangen Suche, also mindestens seit dem 3.Oktober 1990 („Wirksamwerden des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik Deutschland“, kurz: Tag der Deutschen Einheit;  Anm. d. Verf.) ist man nun auf das passende Große gestoßen. Etwas, das viele zuvor schon in der Stille gedacht, wenige Unermüdliche  ausgesprochen, aber noch niemand in Recht und Gesetz zu gießen gewagt hatten: das generische Femininum. Will heißen: Wir machen jetzt mal alles andersrum. Männlich war gestern, weiblich ist heute. Radikalrevolutionär zwar, aber doch ohne Blutvergießen. Auch ganz deutsch. Und so beschloss der Große Senat der Alma Mater Lipsiensis in einer Sternstunde der Menschheit: Wo in der Grundordnung der Universität bisher die Schrägstrichvarianten wie Professor/Professorin, Dozent/Dozentin, Assistent/Assistentin als Personalbezeichnung geführt wurden, gilt ab jetzt ausschließlich die weibliche Variante. Frau Professorin eben oder Herr Professorin; Frau Assistentin oder Herr Assistentin. Zugegeben, das ist natürlich kürzer als die bisherige Schrägstrichvariante. In der Kürze liegt die Würze mag man da pragmatisch sagen. Und der Feminist (?) wird euphorisch feststellen: 100 Prozent Professorinnen an der Uni Leipzig !  Diese Verkürzung ist also ein großer Wurf. “Der erweiterte Senat hat den Beschluss gefasst, um die zahlreichen Frauen an der Universität Leipzig in der Grundordnung sichtbarer werden zu lassen“, verkündet die Rektorin der Universität, Frau Rektorin Beate Schücking, mit vermutlich stolz geschwellter Brust zur Begründung, dass man an der über 600 Jahre altehrwürdigen Universität die historische Entwicklung der deutschen Sprache ignoriert und einfach mal so auf den Kopf stellt.

Neue Probleme

„Problem gelöst“, könnte man sagen. Könnte man. Doch schon erscheinen neue Schwierigkeiten am Horizont. Wie muss es denn im neuen Korrektsprech heißen? Wie begrüße ich richtig? „Sehr geehrte Damen und Herren“, geht irgendwie gar nicht mehr. „Sehr geehrte Herrinnen und Herren“, wäre konsequent,  erinnert aber weniger an staatliche Universität als vielmehr an private Einrichtung im Über-/ Unterordnungsverhältnis. Werden Herrentoiletten jetzt a) abgeschafft, b) umbenannt in Herrinnentoiletten oder c) insgesamt nur Uni-Sex Toiletten eingerichtet ? Ist die korrekte Stellenausschreibung zukünftig Putzfrau, Putzmann, Putzmännin oder besser Putzherrin ? Der Putzteufelin steckt halt im Detail.

Wahnsinn und Genie

War es nicht zuletzt Udo Lindenberg, der große deutsche Pop-Philosoph, der uns in seinem grundlegenden Werk „Votan Wahnwitz“ vor nunmehr bald 40 Jahren  mit der Erkenntnis beschenkte „Wahnsinn und Genie gehen Hand in Hand“?  (U. Lindenberg: Votan Wahnwitz, Teldec, Hamburg 1975). Einen Lehrstuhl als Professorin für Philosophie bekleidet Herr Lindenberg derzeit wohl nicht – jedenfalls nicht in Leipzig. Auch auf Nachfragen konnte nicht geklärt werden, ob Senat oder Rektorin der Universität die lindenbergsche Erkenntnis bei ihrer zutiefst wissenschaftlichen Entscheidungsfindung dennoch zugrunde gelegt oder in der Abwägung des Für und Wider berücksichtigt haben. Jedenfalls haben sie – in der Tradition der Hochschule eben – Grenzen überschritten und damit gewissermaßen eine „Vorreiterinnenstellung“ eingenommen, wie es Birgit Kelle in „The European“  köstlich treffend formulierte.  Wahnsinn oder Genie ?

Oder einfach nur total bescheuert…

Dietrich Kantel




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