--- Anzeige ---
WebHosting von Host Europe

“Bätschi”

Autor Gisbert Kuhn

von Gisbert Kuhn

Die deutsche Politsprache ist um eine Vokabel reicher – „Bätschi“. Andrea Nahles, der sozialdemokratischen Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag, sei Dank. Sie führte das Wort soeben auf dem SPD-Sonderparteitag in Berlin zum allgemeinen Weitergebrauch ein und erntete dafür bei ihrer Genossenschaft auch eine Menge dankbaren Applaus. „Bätschi“ also. Und damit man uns nicht mit dem Vorwurf „Lückenpresse“ überzieht, die angeblich wichtige Aussagen sinnverändernd aus dem Zusammenhang reißt, hier die vier wegweisenden Sätze auf dem Parteikonvent: „Die SPD wird gebraucht. ´Bätschi´ sage ich nur dazu. Und das wird ganz schön teuer. ´Bätschi´ sage ich nur dazu“.

Was wird aus dem Schwur?

Der zeitungsbelesene, politisch wie historisch interessierte und überhaupt dem Tagesgeschehen gegenüber grundsätzlich aufgeschlossene Zeitgenosse (die Frauen selbstverständlich immer eingeschlossen) weiß natürlich längst, worum es bei diesem bewegenden Vorgang ging. Und wohl auch weiterhin gehen wird. Nach dem Scheitern des Versuchs von Angela Merkel, in der Folge der auch für die Union verkorksten Bundestagswahl eine nach den Farben der Karibikinsel Jamaika benannte Regierungskoalition mit Grünen und Freidemokraten zu basteln, ist der Druck auf die „Sozis“ (Helmut Schmidt) schier übermächtig geworden, ihren trotzigen Schwur vom Wahlabend in den Mülleimer der Geschichte zu werfen und möglicherweise doch wieder eine Große Koalition mit CDU und CSU einzugehen.

Dies nur zur kurzen Erinnerung, um das Folgende richtig einzuordnen. Nämlich, Andrea Nahles´ richtungsweisende Beiträge zur Fortschreibung der politischen Kultur in Deutschland gebührend zu würdigen und in die ihnen zustehenden geschichtlichen Zusammenhänge einzuordnen. Denn schließlich bildet das, ohne Zweifel aufrüttelnde, „Bätschi“ ja nicht den Beginn, sondern vorerst nur das Ende einer beeindruckenden sprachlich-musikalischen Kette, in deren Gefolge tatsächlich völlig neue, bislang noch nicht gekannte Auftritte im Berliner Parlament (zeitgemäß ausgedrückt) „performed“ werden könnten. Den Anfang machte die Dame aus der Eifel während einer Bundestagsrede in den ersten Septembertagen mit dem (freilich ziemlich schräg vorgetragenen) Lied der Astrid-Lindgren-Heldin  Pippi Langstrumpf „Ich mache mir die Welt widi, widi, wie sie mir gefällt“. Dem folgte ein paar Wochen später die freundliche Ankündigung an den bisherigen Regierungspartner CDU/CSU „… dann gibt es auf die Fresse“. Und schließlich jetzt das kämpferische „Bätschi“.

Wo ist das „Ätschi“ geblieben?

Hier, allerdings, lässt die sozialdemokratische Trendsetterin den geneigten Beobachter etwas ratlos zurück. Denn, ausweislich seiner eigenen Erinnerung, müsste das „Bätschi“ doch eigentlich mit einem „Ätschi“ verbunden sein, ja sollte sogar hinter diesem stehen. So jedenfalls hatte man es als Kind gelernt und dabei nicht selten noch die Zunge rausgestreckt. Schwer zu glauben, dass Andrea Nahles dieser Dualismus nicht bekannt gewesen sein sollte. Schließlich hatte sie sich in ihrer Magisterarbeit der Trivial-Literatur zugewandt. Um genau zu sein: Der Rolle der Katastrophen in Serienliebesromanen. Und darin soll es, bekanntlich, mitunter auch ganz schön zur Sache gehen. Oder wollte die Fraktionschefin vielleicht nur ihre Gefolgschaft nicht überfordern? Zum Beispiel die (mit Blick auf eine weitere GroKo) ohnehin schon genügend aufmüpfigen Jusos nicht auch noch zusätzlich mit schwierigen intellektuellen Herausforderungen belasten, wie es das Lernen von möglicherweise bisher ungekannten Begriffen nun einmal sein könnte.

Nicht ganz auszugeschließen ist ebenalls, dass Andrea Nahles auf dem Parteitag mit dem Weglassen des „Ätschi“ einfach bloß die (etwas voreilige?) Reaktion auf das deprimierende Ergebnis einer soeben bekannt gewordenen Studie zum allgemeinen schulischen Bildungsstand in Deutschland war. Jeder fünfte Viertklässler, war in der Untersuchung heraus gekommen, kann entweder nicht richtig lesen oder ist nicht imstande, den Text zu verstehen. Und das in dem Land, das sich doch lange Zeit gern in der Vorstellung sonnte, den Mutterboden für Dichter und Denker zu stellen. Darf man, mag sich die Vorsitzende der Bundestags-Genossen vielleicht gefragt haben, angesichts eines derart dramatischen Wissensdefizits schon in den Schulen nun auch noch das vom Wahlergebnis und dann zusätzlich durch abrupte koalitionspolitisch geprägte Saltos rückwärts und schließlich wieder vorwärts geschockte Fußvolk mit neuen Schlagwörtern belasten?

Geburt eines neuen Kampflieds

Die Antwort auf diese Fragen ist an sich ganz einfach: Natürlich könnte man das! Mehr noch – vielleicht sogar pfiffig und bewusst hat Andrea Nahles mit ihrem  Berliner „Bätschi“ das Fundament gelegt für ein neues, dem von facebook und ähnlichen digitalen Angeboten geprägten, sprachlich wie intellektuell-anspruchsvollen medialen Zeitgeist entsprechendes Partei-Kampflied. Wer weiß denn, ob die altehrwürdige Sozialisten-Hymne  „Wann wir schreiten Seit´ an Seit´ und die alten Lieder singen…“ in den Ohren vor allem der nach Reformen rufenden Jusos nicht längst einen verstaubten Klang besitzt?

„Ätschi, Bätschi“ – da schwingt doch etwas mit! Auf jeden Fall in den Worten. Aber es drängt sich unwiderstehlich auch eine dazu passende Melodie auf. Nämlich das bekannte süddeutsch/österreichisch/böhmische Lied „Heitschi bum Beitschi“ mit seinem immer wiederkehrenden, unwiderstehlich aufrüttelnden „bum, bum“. Mit einem richtigen, der Zeit und der Aktualität angepassten, neuen Text versehen, müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich dahinter nicht wieder begeistert die Massen versammeln sollten. Zum Beispiel hinter Parolen und Versen wie diesen:

„Wir woll´n die Partei runderneuern, und auf die Union richtig feuern. Mit Ätschi bum Bätschi bum, bum. Mit Ätschi bum Bätschi bum, bum“.

„Wir woll´n in den Kampf uns jetzt stürzen, und Merkels Regierungszeit kürzen. Mit Ätschi bum Bätschi bum, bum. Mit Ätschi bum Bätschi bum, bum“.

„Mit Schulz und Nahles zum Siege. Egal, wo dieser auch liege. Mit Ätschi bum Bätschi bum, bum. Mit Ätschi bum Bätschi bum, bum“.

 

 

    




--- ANZEIGE ---