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Abschied vom Lenkrad?

Kanzlerin schreckt autonomes Fahren nicht

Autor Dieter Buchholtz

Angela Merkel ist jetzt 62 Jahre alt. Die Bundeskanzlerin möchte auch im höheren Alter mobil sein. Sie will jung genug bleiben, um das Wagnis des autonomen Fahrens eingehen, wenn die Technik ausgereifter ist. Die CDU-Chefin: „Gerade für Ältere könnte das eine sehr interessante Sache sein.“ Was die Politikerin, eingerahmt von jungen Besuchern einer Berliner Start-up-Messe, einfach mal so öffentlich machte, beschäftigt auch mich Jahr für Jahr mehr.

Denn so ganz heimlich merke ich hier und da deutlicher, wie hilfreich die kleinen und größeren Assistenzsysteme in meinem Auto sind. Auch ich freue mich zu sehen, dass es auf dem Weg zum Pkw-Autopiloten zügig voran geht. Auch ich hoffe auf das technik-betreute Fahren – und damit auf das Erhalten von Lebensqualität im höheren Alter.

Unendliche Schnittstellen und ungeahnte Perspektiven

Die Szenarien, dass ein Chefarzt seinen Schichtdienst bereits im Computer-Auto beginnt, ein Rentner das preiswerte fahrerlose „ÖV-Shuttle“ nutzt, um den Sohn und die Enkel zu besuchen oder dass der fahrerlose Zustelldienst einem gestressten Arbeitnehmer noch spät abends zeitgenau ein Paket zustellt – all das ist noch Zukunftsmusik. Oder der konsequente Abschied vom guten alten Lenkrad.

Optimistisch geht die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) davon aus, dass dieser Lebensprospekt mit autonomen Fahrzeugen bereits 2030 Wirklichkeit sein soll. Bis die Roboterautos aber unsere Straßen bevölkern, müssen alle Verkehrssysteme geändert und internationale Standards hergestellt werden. Eine Unzahl von Schnittstellen – bis hin zu rechtlichen Problemen – muss beackert werden.

Soziale Teilhabe erhalten

Neben weiteren Vorteilen wie Energieersparnis, bessere Umweltverträglichkeiten, Stau- und Parkmanagement fällt auch etwas für die älter werdende Gesellschaft ab. Viele Menschen, die heute zwangsweise immobiler werden, könnten solche Einschnitte mit Hilfe moderner Technik herausschieben. Das lange Erhalten sozialer Teilhabe im Alter könnte ein weiterer Vorteil sein.

Aber diese Freude teilen offensichtlich nicht alle. Vielleicht müsste man deshalb viel deutlicher die Frage stellen, ob die Auto fahrenden Bürger und Bürgerinnen überhaupt ein voll automatisiertes Auto wollen. Tja und hier passen Argumente und Befragungen nicht so recht zusammen. Aus einer Umfrage der Sachverständigen-Organisation KÜS ging hervor, dass 80 Prozent der Befragten auch in Zukunft lieber selbst fahren wollen. TÜV-Süd stellte zeitgleich zur IAA 2015 fest, dass 42 Prozent die Technik eher unsicher betrachten.

Akzeptanz bei älteren Fahrern nimmt zu

Knapp zwei Jahre später sieht das schon wieder etwas anders aus. So können sich nach einer aktuellen und repräsentativen Umfrage vom TÜV-Rheinland drei von vier Autofahrern in Deutschland vorstellen, sich vom Autopiloten chauffieren zu lassen. Unterschiede gibt es natürlich bei den Generationen. Je jünger die Befragten sind, je mehr der Einzelne fährt, desto offener stehen die Befragten der Technologie gegenüber. Bei den Älteren ist die Zustimmung deutlich geringer. Immerhin freunden sich bei den 50- bis 60-Jährigen aber 62 Prozent mit dem Gedanken an.

Hohe Sensibilität besteht nach wie vor bezüglich Datensicherheit. Am ehesten würden die Befragten den individualisierten Datenfluss neutralen Prüfungsorganisationen anvertrauen, erst danach kommen die Fahrzeughersteller und dann Softwareunternehmen.

Alles in Butter?

Also im Sinne einer fortschrittlichen Entwicklung – alles in Butter? Na ja, da sind die Meinungen doch wohl sehr geteilt. Dennoch versteige ich mich mal in eine ausschließlich positive Sichtweise mit nur zwei Aspekten. Also Einseitigkeit inklusive!

Es wird lange Zeit einen Mischverkehr – also alte und laute gegen leise und umweltfreundliche (Strom)Technologie – geben. In der sicherlich weiterhin lang gestreckten Markteinführungszeit  für Elektroautos und zunehmender Automatisierung der Fahrzeugbedienung werden die Autos längere Zeit relativ teuer sein. Wenn wir an die demografische Entwicklung unserer Gesellschaft denken, dann können sich solche Autos wohl immer weniger ältere Menschen leisten (Altersarmut).

War also nichts mit der Fahr-Freude bei zunehmenden Alter! Oder doch? Nach einer neuen Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln leiden die meisten Rentner und Pensionäre nicht unter Altersarmut. Als Beweis führt das Institut an, dass die Einkommen der 65- bis 74-Jährigen in Westdeutschland seit Mitte der 1980er-Jahre im Schnitt immerhin um 52 Prozent zugelegt haben.

Also fröhlich rein in die nächste Revolution

Und noch ein Aspekt könnte gerade für ältere Immobilienbesitzer von Interesse sein. Wenn es für die Älteren immer leichter fällt, mit ihrem Autopiloten in die Stadt zu fahren, werden die Wünsche nach Wohnungen oder Immobilien in der Stadt zunehmen. Dazu kommt, dass die Autos tendenziell immer leiser bis lautlos werden. Auch das wird in vielen Fällen den Wert von Immoblien besonders an stark befahrenen Straßen in der Tendenz steigern. So manch Älterer könnte dann überraschend eine Aufwertung seines Lebenswerkes und seiner damit verbundenen Alterssicherung durch die Immobilie erleben. Zu wünschen ist das allen Betroffenen.

Wenn das keine Perspektiven sind! Also, so meine ich, keine Angst vor diesem Fortschritt. Aber trotz aller Automatisierung und Fortschrittssgläubigkeit ist natürlich immer Vorsicht angeraten – immer.

Als jemand, der noch auf einer kleinen mechanischen Reiseschreibmaschine angefangen hat, erste Artikel mit hartem Anschlag zu schreiben, mache ich jetzt meinen vollautomatischen PC dicht. Was hat es nicht in den 70er- und folgenden Jahren für Anfeindungen bezüglich dieser „unsinnigen“  neuen Technik gegeben. Alles vorbei. Also dann fröhlich rein in die nächste Revolution.

Dieter Buchholtz




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