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Asche aufs Haupt

DEUTSCHLAND | GERMANY |

Ganz Deutschland, im Glanz von Angela Merkel

 Die Bundestagswahl ist gelaufen. Ob die große Wahlgewinnerin, Angela Merkel, am Ende auch die Siegerin sein wird? Die Wähler haben die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende auf den Gipfel ihrer Macht gehievt. Einen kurzen Moment lang konnte sie sogar an der Möglichkeit einer absoluten Mehrheit schnuppern. Eine solche Alleinregierung einer einzigen Partei hat es in der deutschen Nachkriegsgeschichte erst ein einziges Mal gegeben – von 1957 bis 1961, und der Kanzler hieß damals Konrad Adenauer. 1969 und 1976 sahen sich  Kurt Georg Kiesinger und Helmut Kohl immerhin ebenfalls fast auf diesem politischen Olymp; Aber eben nur fast. Genau wie jetzt Angela Merkel. Egal, wie triumphal am 22. September ihr Erfolg auch war – um in den nächsten vier Jahren regieren zu können, braucht sie einen Partner. Das wird wohl, nach Lage der Dinge, wahrscheinlich die SPD sein, selbst wenn sich die Genossen noch ziemlich lang und heftig sträuben werden.

Innehalten und nachdenken

Warten wir also den Beginn und Verlauf der Koalitionsverhandlungen ab. Es wird zwar leider ganz gewiss nicht geschehen, aber eigentlich wäre jetzt der geeignete Zeitpunkt für einen bestimmten Berufstand, einmal innezuhalten und über sich selbst und insbesondere darüber nachzudenken, ob das Gewerbe nicht drauf und dran ist, eine seriöse, verantwortungsbewusste und damit auch ernstzunehmende Tätigkeit mehr und mehr in ein oberflächliches Unterhaltungsmetier umzuwandeln – gemeint ist der politische Journalismus. Der Vorwurf ist keineswegs allein auf die Berichterstattung über den Wahlkampf beschränkt. Er reicht bereits weit in die Zeit vorher. Aber in den vergangenen Wochen und Monaten nahmen die Fragwürdigkeiten deutlich zu.

Es waren nicht zuletzt die Medien, die lauthals klagten, die Kampagne um Stimmen für den neuen Bundestag sei langweilig. Die Politiker aller Couleurs griffen angeblich die wirklich prickelnden und drängenden Probleme gar nicht auf. Das stimmte schon. Aber wäre es dann nicht die Aufgabe der Zeitungen, Fernseh- und Rundfunkanstalten gewesen, die Politik zum Jagen zu treiben – also Diskussionen und „klare Kanten“ zu Steuern, Renten, Bildung, Europa und Euro-Krise, Alters- und Jugend-Armut usw. usw zu erzwingen? Stattdessen überschlug man sich geradezu, beim Beobachten des SPD-Spitzenkandidaten immer nur nach neuen (tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen) Fettnäpfchen Ausschau zu halten. Ob er nun einen italienischen Grauburgunder zum Preis von unter oder über fünf Euro trinkt, sagt indessen wirklich nichts über die politischen Führungsqualitäten aus.

Quote, Quote über alles

Wahl

Das Recht auf freie Wahl, in einer Demokratie selbstverständlich

Nun ist es für einen Sender sicher nicht nur legitim, sondern hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit auch notwendig, ansprechende Programme zu bieten – also, auf die Quote zu achten. Dasselbe gilt ohne Einschränkung für den Inhalt von Zeitungen und Magazinen – schon gar in einer für nahezu alle Printmedien krisenhaften Zeit. Aber dem steht, gleich bedeutend, die Pflicht zu einer umfassenden Information zur Seite. Was sind das aber für Talkshows und Zeitungsspalten, in denen sich hoch dekorierte Geistesheroen unwidersprochen rühmen können, nicht wählen zu gehen. Beispiele gefällig? Der Philosoph Peter Sloterdijk: „Ich weiß nicht mal, wann überhaupt Wahltag ist“ Oder dessen Kollege Jürgen Habermas, der den Wahlkampf pauschal als einen „Fall von Eliteversagen“ abtat. Oder der modische Gegenwartsdenker Richard David Precht: „ Es ist mir persönlich nicht wichtig, ob ich wählen gehe oder nicht“. Eine solche Einstellung sei dem Mann ja  unbenommen. Aber sie wie eine höhere Erkenntnis vor sich her zu tragen, zeugt schon von einer beträchtlichen Arroganz jenen (wahrscheinlich als dumm belächelten) Menschen gegenüber, die nach wie vor das Wahlrecht ernst nehmen. Wo waren denn hier die kritischen journalistischen Einwände, dass für dieses Recht auf freie Wahl auch in Deutschland über mehr als hundert Jahre und in der DDR sogar noch bis 1989 ungezählte Menschen mitunter jahrelang ins Gefängnis, ja sogar in den Tod gegangen sind?

Nun mag eingewandt werden, die liberale und tolerante Breite unserer Presselandschaft müsse auch Platz für „etwas zugespitzte“ Auffassungen haben. Das ist natürlich – im Prinzip – richtig. Aber wer sich (und sei es auch nur oberflächlich) mit der Struktur etwa von Talkshows auskennt, weiß, dass die Dramaturgie immer einen gewieften Provokateur braucht und einen, der verprügelt wird. Und da ja ohnehin kaum einmal jemand sein Gegenüber ausreden lässt, ist es auch gleichgültig, ob am Ende irgendeine brauchbare Information heraus kommt. Hauptsache, man hatte Spaß und Zuschauer.

Inflation der Meinungsumfragen

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Im Fadenkreuz der Medien: Bundeskanzlerin Angela Merkel

Und dann schließlich noch die Inflation der Meinungsumfragen. Ja, die demoskopischen Erhebungen sind aus dem (keineswegs nur politischen) Leben nicht mehr weg zu denken. Aber es ist ein Unding und für die demokratische Meinungsbildung in der Gesellschaft höchst zweifelhaft, dass Woche für Woche Zahlen hinsichtlich des angeblichen oder tatsächlichen Denken des Volkes auf eben jenes herunterprasseln. Und wenn die Medien sich dafür schon hergeben, ja derartige Erhebungen sogar selber in Auftrag geben, dann wäre es wenigsten die Pflicht der Redaktionen, gleichzeitig auf bestimmte Fragwürdigkeiten wie Fehlerquoten, Zufallsergebnisse usw. hinzuweisen. Das gilt nicht zuletzt für die berühmte „Sonntagsfrage“ („Was würden Sie wählen, wenn am Sonntag…“). Der Chef eines renommierten Instituts sagte dazu einmal: „Es ist doch klar, dass wir nahezu jeden Auftrag annehmen, also auch die ´Sonntagsfrage`. Aber glauben Sie mir, es gibt keinen größeren Unfug und auch keine geringere Aussagekraft“.

Und damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt. All die erwähnten, aufgespießten Fakten spielten – nachprüfbar – in der Berichterstattung eine sehr viel größere Rolle als die wirklichen Probleme. Zugegeben, sie mögen – hübsch und spannend  aufbereitet – einen größeren Unterhaltungswert besitzen als Zahlen und Hintergrundstories. Und dennoch, wir bleiben dabei: Es wäre an der Zeit, wenigstens einmal kurz innezuhalten und nachzudenken. Und sich vielleicht am Ende sogar ein wenig Asche aufs Haupt zu streuen. Klar, das wird nicht geschehen. Trotzdem darf man sich ja etwas wünschen, auch wenn es utopisch ist.

Gisbert Kuhn




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