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Arm ohne Alarm?

Sicher ist: sicher sind wir nirgends

Dieter Buchholtz

Dieter Buchholtz

Medial treiben wir unsere „Säue“ im Schnitt eine Woche durch das deutsche Katastophen-Dorf. Mega-Themen sind schnell gefunden. Das kann ein Bundespräsident sein oder der Sexismus eines Abgeordneten. Aktuell erleiden wir die Sauerei gigantischer Abhör- und milliarden-großer Datenspeicherskandale. Geheimdienste machen über befreundete Grenzen hinweg mit uns, was sie wollen. Oder ist das schon wieder vergessen? Denn eigentlich war die Woche für den Sautrieb ja schon rum. Oder? Nee, wohl nicht so ganz. Dem Whistleblower Snowden sei Dank. Unsere Skandalabhängigkeit wird aber hoffentlich nicht im Sommerloch versinken. Da kämen glatt ereignisarme Talk-Shows auf uns zu. Nicht auszudenken.

Notfalls reaktivieren wir kurzer Hand mal wieder die Klimakatastrophe. Traurige Belege dafür gibt es ja reichlich. Die kürzlichen Hochwasserkatastrophen sind in trauriger Erinnerung. Hier wäre manchmal der Alarmismus als Prophylaxe angemessen gewesen. Manches landete zuvor zu sehr auf leichten Schultern. Es ist halt immer schwer, Notwendigkeiten richtig auszubalancieren. Aber es kündigt sich bereits neuer Alarm an. In gut zwei Wochen bricht formal die Kita-Welle aus. Dann wollen Eltern-Ansprüche eingelöst werden. 100.000 solcher Plätze sollen noch fehlen. Im Vorfeld streiten Regierung und Opposition um die Erfolg versprechende Interpreation der wirklichen Lage. Der Kampf geht um Statistiken. Gefragt ist jetzt die geschickte Wortwahl. Man will den Bürger in der Vorwahlkampfzeit nicht unnötig verschrecken. Gut bleibt es in jedem Fall für Eltern, die noch Oma und Opa im Rücken haben. Sie wissen die Kleinen in der Ferienzeit und bei häufig zeitweise geschlossenen Einrichtungen dann in sicherer und liebevoller Obhut.

Gefahr auch für Opa und Oma?

Die Großeltern aber sind aktuell auch selbst bedroht. Vor wenigen Tagen las ich: Den Rentnern droht Wohnungsnot. Als aus der Rentenkasse alimentierter Betroffener stieg bei mir sofort ein mulmiges Gefühl aus der Magengegend. Droht mir jetzt die Gefahr, bald ohne Unterkunft dazustehen? Genaueres Hinlesen zeigte: Halb so schlimm. Gemeint sind künftige Rentner. Na, schlimm genug. Und außerdem fehlen nur die kleinen und barrierefreien Wohnungen mit einer Möglichkeit zur häuslichen Pflege. Brauche ich glücklicherweise noch nicht. Aber: Kann ja schnell passieren. Also konkret? Im Jahr 2035 werden knapp 24 Millionen Bürger älter als 65 Jahre sein. Das ist ja schon mal eine Hausnummer. Die wiederum alarmiert so manch´ jungen Menschen. Aber: dauert ja noch.

Nicht ganz: Denn schon in den kommenden acht Jahren werden zusätzlich rund 2,5 Millionen zusätzliche Senioren-Wohnungen gebraucht. Dafür müssten, so hat das Bundesbauministerium errechnet, 39 Milliarden Euro invenstiert werden. Das nun wiederum ist schon eine richtig dicke Summe, die mich aus dem Stand hoch alarmiert. Geht das vielleicht nachher von meiner Rente ab? Also drohende Flaute im Portomonaie?

Surfen auf dem Schaumkamm des Alarmismus

So prasseln täglich auf den chronisch verängstigten Normalbürger starkregenartig wirkliche oder zumindest als solche wahrgenommene Gefahren heran. Viele überschwemmen schwallartig das Bewusstsein, verschwinden aber auch wieder so plötzlich, wie sie gekommen sind. Die gesund erhaltene Wirkung Kneippscher Wechselbäder stellt sich hier nicht ein. Eher leiden wir unter dem Druck dieser massenhaft auftretenden und bedrohlichen Wellen.

Wackelnd und zunehmend verunsichert surfen wir auf dem Schaumkamm des Alarmismus. Und dieser bekommt täglich neue Nahrung. Es gibt zum Frühstück aus der Zeitungslektüre Nachrichten über verseuchte Lebensmittel. Noch bevor wir uns für den Job fertig angezogen haben, hören wir im Radio etwas über belastete Kleidung. Auf dem Weg mit der Bahn zur Arbeit lernen wir, dass irgendwo wieder die Technik verrückt gespielt und Todesopfer gefordert hat. Man möchte sofort aufstehen und prüfen, ob der Zug noch von einem Menschen oder bereits von einem Computer gesteuert wird. Klar, macht man nicht. Aber es grummelt wieder im Inneren. Und den letzten Weg zu Fuß zur Arbeit: Nichts als Feinstaub bläst einem da entgegen. Einfach nicht zum Einatmen. Aber die Konsequenz? Nicht atmen? Also durch! Aber vermutlich wird einem das die Lunge irgendwann heimzahlen.

Von den immensen Gefahren im Arbeitsleben, in der Freizeit, im Haushalt wollen wir gar nicht reden. Macht nur Angst. Auch nicht vom älteren Menschen. Ihm werden Gefahren aufgrund abnehmender Kräfte, altersbedingter Einschränkungen und natürlich der vielen eigenen Erlebnisse bewusster. Immer mehr meidet er Situationen, die ihm zu gefährlich erscheinen. Mit dem Rückzug in das eigene Alter schottet er sich ab. Dazu gesellt sich die kontinuierlich zunehmende Entfernung von in der Gesellschaft mehrheitlich gelebten Realitäten. Alles zusammen verstärkt die fatale Wirkung medialer Berichte. Also auswegsloser kollektiver Untergang im Alarmismus? Nein, das muss nicht sein.

Keine Zulassung für die Himbeere?

Wir sind wohl eher Opfer von Interessen. Sie kommen auf uns nieder aus Politik, Lobbyismus und Medien. Sie alle wollen uns was „verkaufen“, uns eventuell auch ein wenig Angst machen, damit wir Versicherungen abschließen, bestimmte Parteien wählen oder eben die Quoten für eine wirtschaftliche mediale Nutzung erfüllen. Und da werden dann auch gerne Statistiken herangezogen. Wir alle kennen den Spruch: Hund beißt Mann, ist keine Meldung. Mann beißt Hund, aber schon. Also ist die Verführung groß, mal ein bisschen zu übertreiben, wenn die eigentlichen Zahlen die Sensationsgier oder die Verkaufschancen nicht so richtig nähren. Und über solche Transportwege verzerren sich zuweilen auch Statistik-Ergebnisse. Sie wachsen dann sehr schnell zu wahren Horrorbotschaften heran.

Plötzlich ist bweispielsweise die Rede von krebserregenden Stoffen in Cola. Basis für die Schreckensmeldung sind Farbstoff-Versuche mit Mäusen. Um die gleiche Dosierung dieses in Cola enthaltenen Farbstoffes wie bei den Mäusen zu erhalten, müsste ein Mensch täglich etwa 1000 Cola-Dosen leeren. Dann könnte eine konkrete Krebsgefahr entstehen. Aber wer schafft das schon? Viel gefährlicher ist dann wohl die Himbeere mit ihren Aldehyden, Ketonen und Säuren. Sie sind in einem so hohen Maß vertreten, dass sie als Neuerfindung keine Zulassung erhalten würden.

Und so wird weiter gewarnt vor Urinbomben aus Zivilflugzeugen, weil die Flüssigkeit in der Reisehöhe draußen gefriert und angeblich vermehrt in Vorgärten runterkommt. Oder wenn im vergangenen Jahr ein Mensch an einer bestimmten Krankheit gestorben ist und es im folgenden Jahr zwei sind, dann berichten Medien von einem Anstieg von hundert Prozent. Die Bezugszahlen aber fehlen. Na, wer sich da nicht erschreckt, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen. Und wollen wir unsere Gesundheit mit einem Haartrockner gefährden der leicht Feuer fängt? Bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus: In einem Versuch lief das Gerät 70 Stunden hintereinander. Dann kam die Stichflamme. Eine Verbindung zum wirklichen Alltag des Haartrocknens fällt hier schwer.

Deutsche Neigung zur Hysterie

Nicht schwer aber fällt Professor Dr. Walter Krämer (64) von der Uni Dortmund der Stopp in der Angstspirale. Er ist Statistiker und prüfte für sein Buch „Die Angst der Woche“ eine Vielzahl von Fällen, die einem eigentlich Angst einjagen. Er gibt Entwarnung. Wir sollten die Alarmsirene ausschalten. Denn vieles ist lange nicht so dramatisch, wie es in der öffentlichen oder veröffentlichten Wahrnehmung rüberkommt. Dazu haben die Deutschen offensichtlich auch noch eine besonders große Neigung, tagtäglich eine Bedrohung für Leib und Leben wahrzunehmen. Nach den Recherchen von Krämer wurde in deutschen Tageszeitungen in den Jahren zwischen 2000 und 2010 doppelt so häufig über Asbest, Schweinegrippe, BSE oder Dioxinbelastungen berichtet, wie in englischen, französischen oder italienischen. Die Schlussfolgerung des Wissenschaftlers: „Der Deutsche neigt wohl eher zur Hysterie“.

Für mich ist nun mehr denn je klar: Ball flach halten. Nicht alles wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Ich mache es mir jetzt einfach noch in meiner derzeitigen Behausung bequem, bevor die Wohnungsnot für Rentner auch auf mich zurollt. Aber, wenn ich das zu meiner eigenen Entspannung schreibe, bin ich sicher, dass wieder einige Leser alarmiert sind. Sie fragen, wieso da einer das Leben generell in unverantwortlicher Weise entspannt betrachtet und völlig verkennt, dass eine Vielzahl von Katastrophen auf uns zusteuert. Ach, ja: Die Plastiktüte nehme ich jetzt mal zurück aus der Mülltonne. Es soll sich nicht später in einem der Weltmeere ein Fisch in diesem unauflösbaren Plastik verfangen, der mir eigentlich zu einer ausgewogenen Ernährung beihelfen sollte. Aber möglicherweise habe ich auch hier wieder etwas in der Gefahrenkette völlig falsch verstanden. Alarmierend!

Dieter Buchholtz




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