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Jogging-Point

Anstoß vorm WC

Diskriminierung zwischen Pinkel-Maut und Zumutung?

Irgendwo zwischen Bayern und Baden-Württemberg: Ich mache einen Rastplatz-Stopp an der Autobahn. Toilette ist angesagt. Plötzlich bin ich mitten in einem Pulk von Seniorinnen und Senioren. Alle erscheinen mirraststaetten deutlich älter als ich mit meinen 69 Jahren. Vor der 70-Cent-Barriere werde ich von hinten geschubst. Ich drehe mich um und schaue in faltige, angespannte Gesichter. Ihr Druck ist an den Augen abzulesen. Sie haben nicht mehr viel Reserve.

Ich trete zur Seite. Eine Gruppe Damen versucht sich ziemlich erfolglos am Automaten. Kleingeldsuche, zittrige Hände in viel zu großen Handtaschen. Die Toiletten-Anlage ist für diesen Seniorennotstand nicht ausgerichtet. Das jüngere farbige Personal in weißen Kitteln ist stumm fassungs- und hilflos. Sie versuchen – eingepackt in die notleidenden Alten – am Drehkreuz den Stau der Wartenden zu verkürzen. Ein Menetekel am Welt-Senioren-Tag!?

Die nächste Gruppe – Männer-Senioren – ist nicht minder nervös. Ihre Gesichter eher verbissen, latent aggressiv. Botschaft: Nur nicht in die Quere kommen. Sie drängeln und schieben mich unsanft durch die Bezahl-Sperre. Einer brummelt was von „Pinkel-Maut“. Und dann fällt neben mir das Wort „Altenfeindlich“, weil angeblich ein jüngerer Mann sich vorgedrängt hat.

Aus der Damenreihe schallt das Wort „Zumutung“ durch die Kachelräume. Nach dieser generationsübergreifenden Sanitär-Erfahrung sitze ich anschließend mit einigen der Bus-Senioren rein zufällig beim Snack im Restaurant. Sie berichten von seniorenfeindlichen Reiseerfahrungen. Immer wieder wird bemängelt, dass es zu wenig öffentliche Toiletten gäbe, dass viele Dinge schlecht leserlich ausgeschriftet sind, dass Wege nicht barrierefrei sind, dass die Jugend wenig rücksichtsvoll ist, dass die Hotels auch nicht gerade seniorenfreundlich gewesen seien… Als dann auf Stammtisch-Niveau die Altersarmut zwischen Pommes und Currywurst durchgekaut wird, verabschiede ich mich schnellstens.

Globaler Vergleich: Deutschland ist ein guter Platz zum Altwerden

Nicht diskutiert habe ich mit den Betroffenen, wovon sie sich denn diese offensichtlich auch nicht gerade billige Bus-Reise geleistet haben. Der eine oder andere erzählte von seiner kürzlichen Kreuzfahrt, von einem Asientripp, von sechs Wochen Autoreise durch Italien. Es ist halt schwer, zwischen solchen Extremen die gedankliche Balance zu halten. Man mag ja eine vielleicht auch berechtigte Skepsis gegenüber Statistiken haben.

Unbenannt-2Mir jedenfalls helfen in solchen Situationen Zahlen, um meine innere Meinungsbilanz wieder ins Lot zu bringen. Gerade recht kommt mir eine am Weltaltentag veröffentlichte Studie, die HelpAge in Zusammenarbeit mit der UNO erstellt hat. Fazit dieses globalen Vergleiches, den ich mir bei einer weiteren Pause über mein Smart-Phone zu Gemüte führe: Deutschland ist ein guter Platz zum Altwerden. Am liebsten würde ich sofort zurückfahren, um der „Toilettengruppe“ diesen Weltvergleich aufzutischen.

Von einem solch umfassenden Überblick zur demografischen Entwicklung auf der Welt hatte ich vorher noch nicht gehört oder gelesen. Denn das Problem ist, dass es leider nicht so viele globale Vergleichszahlen gibt. Es ist daher wohl auch erstmalig, dass die Lebensbedingungen von Menschen in 91 Ländern verglichen worden sind, die älter als 60 Jahre sind. Ausgewertet wurde eine Vielzahl von Statistiken u.a. aus der UN, der Weltgesundheitsorganisation und Weltbank.

Gefragt waren Einkommen, Gesundheit, Bildung, Beruf und ein seniorenfreundliches Umfeld. Konkret landet bei diesem Vergleich Deutschland auf einem sehr ordentlichen Platz Drei. So gesehen können es die Raststätten-Senioren wohl mit ihrer Unzufriedenheit nicht so ganz ernst gemeint haben. Denn in einem derartig riesigen Kontext hinter Schweden und Norwegen auf dem Bronze-Treppchen zu stehen, ist ja schon eine beachtenswerte gesamt-gesellschaftliche Leistung.

Jede Sekunde feiern zwei ihren 60. Geburtstag

Ich kann vor diesem Hintergrund John Beard von der WHO (World Health Organization) nur zustimmen, wenn er feststellt: „Solange du etwas nicht misst, existiert es nicht wirklich in den Köpfen der Entscheidungsgträger.“ Ich füge hinzu: Wohl auch nicht in den Köpfen der Senioren. So können Zahlen denn auch manchmal helfen, das eigene Gefühl und manchmal auch das der Gesellschaft in eine Zufriedenheitskurve hinein zu treiben.

Wir werden uns sicher noch viele Jahre gedulden müssen, bis sich in unserer Gesellschaft das Altersbild durchgreifend verändert hat. Immerhin hat der UN-Menschenrechtsrat am 27. September 2013 in Genf beschlossen, einen Sonderberichterstatter für alte Menschen einzurichten. Zu begrüßen ist daher auch das Engagement u.a. von HelpAge, sich für die Entwicklung einer Altenrechtskonvention einzusetzen. Das ist auch dringend erforderlich.

Denn es wird davon ausgegangen, dass im Jahr 2050 immerhin schon 22 Prozent der Weltbevölkerung älter als 60 Jahre sein werden. Heute schon feiern jede Sekunde irgendwo auf unserem Globus zwei MenschenUnbenannt-2 ihren 60. Geburtstag. Und wenn dann zukünftig die Bevölkerung zu einem Drittel aus Senioren besteht, dann werden wir das Raststätten-Ereignis eher als Normalität erleben – hoffentlich dann ohne Stau. Zu besichtigen ist das heute schon in Japan.

Zwischen Handy und psychologischer Betreuung

Bei der Zufriedenheitssuche hilft ja auch manchmal das Relativieren. Afghanistan beispielweise nimmt bei dieser Studie den letzten Platz ein. Dort bekommen nur Regierungsbedienstete eine Rente. Die Lebenserwartung liegt für Männer bei 59 und für Frauen bei 61 Jahren. Im Weltdurchschnitt sind es 68 und 72 Jahre. In Deutschland liegt die statistische Lebenserwartung bei Männern bei knapp 78 und bei Frauen bei knapp 83 Jahren. Also einfach mal ein Jahrzehnt mehr leben! Da können sich doch viele Rentner und Pensionäre schlicht darüber freuen, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, das Ergebnis jahrzehntelanger Berufstätigkeit auch viele Jahre genießen zu können.

Ganz allgemein resümiert der Report, dass reichere Nationen in der Regel besser auf den Schutz und die Versorgung der Älteren vorbereitet sind als ärmere Länder. Ja, und Deutschland zählt ja wohl weltweit zu den reicheren Ländern. Sic!

Ach, übrigens: 61 Prozent der Befragten Alten benutzen ein Handy. Da bin ich schon froh, dass auch ich mich in diese globale Feststellung einreihen kann. Denn meine innere Erleichterung nach meinem Raststätten-Event verschaffte ich mir – wie berichtet – durch das Surfen mit dem Smartphone. Das digitale Wunder in meiner Hosentasche hat mir in diesem Moment glatt eine Stunde psychologischer Betreuung und die damit verbundenen Kosten gespart. Irgendwie hatte ich danach das Gefühl, nicht mehr so alt auszusehen. Obwohl: Ich weiß ja, dass die jüngere Generation auf der nächsten Raststätte da ganz andere Beobachtungsempfindungen hat. Mich aber kümmert das im Moment nicht, weil ich mich auf der Bronze-Treppe so richtig wohl fühle. Geht doch! Oder?

Dieter Buchholtz

Info

Global AgeWatch Index 2013 (www.globalagewatch.org)


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