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Sprachlos

Gisbert Kuhn

Gisbert Kuhn

Kürzlich, in einer TV-Show, wurde der Schauspieler Claus-Theo Gärtner (“Ein Fall für zwei”) gefragt, worauf er als Erstes achte, wenn er einem ihm bis dahin noch unbekannten Menschen begegne. Die allgemein verblüffende Antwort: “Auf seine Sprache”. Gärtner meinte damit nicht irgendwelche Dialektfärbungen. Vielmehr ging es ihm darum, zu hören, inwieweit (oder ob überhaupt) das Gegenüber sich gepflegt in der Wortwahl, variabel im Wortschatz sowie deutlich und verständlich in der Aussprache auszudrücken verstehe. Schließlich – so Gärtner – sei die Sprache doch der mit Abstand wichtigste Kulturträger eines Landes.

Ist das wirklich so? Oder genauer: Wird das hierzulande tatsächlich noch allgemein so empfunden? Selbstverständlich ist die Sprache, ebenso wie jeder andere Kulturbereich auch, einer permanenten Entwicklung unterworfen und muss für Neues offen sein. Genauso wie die Musik oder die Mode, die Literatur oder das Lebensgefühl. Dennoch scheint die Beobachtung so falsch nicht zu sein, dass sich gerade das Deutsche in einem Prozess deutlicher Verflachung befindet. Übrigens keineswegs erst seit heute, sondern schon seit geraumer Zeit. Oder ist es etwa ein Beweis für Sprach- und Wortvielfalt, wenn Begriffe gleicher oder ähnlicher Bedeutung (wie schön, entzückend, hübsch, bezaubernd, traumhaft, bestrickend, prächtig) in aller Regel kaum mehr anders als in der Übersetzung “cool” oder “geil” gebraucht werden? Und zwar nicht bloß von den Kids (!),  sondern längst auch schon von einer Elterngeneration, die entweder bereits selbst keine Wortvielfalt mehr kennt, oder gar diese Art von Artikulations-Minimierung als “modern” empfindet.

Hier soll keineswegs einem Kulturpessimismus das Wort geredet werden, wonach früher sowieso alles besser gewesen sei. Es ist vielmehr eine interessante Entwicklung zu beobachten. Dem Ausmerzen und Vergessen zum Beispiel traditioneller Begriffe oder Grußformen (das freundliche Sich-die-Tageszeit-wünschen, “Guten Morgen…”, ist schon fast gänzlich von dem unpersönlich-kühlen “Hallo” verdrängt worden) stehen in durchaus beträchtlicher Anzahl neue rhetorische Mischformen entgegen, auf die freilich der Ausdruck  “Plastiksprache” ziemlich zutreffend ist. Handelt es sich doch zumeist um Formulierungskombinationen, die völlig überflüssig, nicht selten sogar unsinnig sind. Aber in vielen Ohren scheinen sie halt cool, in nicht wenigen vielleicht sogar bedeutsam zu klingen.

Beispiele gefällig? Wer bekommt nicht täglich dutzendfach auf eine einfache Frage die gedrechselte Antwort “nicht wirklich”. Also: “Regnet es?” “Nicht wirklich”. Ja, was denn nun? Ist doch eigentlich ganz simpel: Ja oder Nein. Trocken oder nass! Der Zusatz “wirklich” ist mithin absurd. Oder: Hören Sie mal in die Nachrichtensendungen hinein. Dort wird seit einiger Zeit “generiert”, was das Zeug hält: Ideen, Meinungen, Mehrheiten, Sponsorengelder, Überschriften und was nicht alles sonst. Früher hatte man das einfach nur “geschaffen”, “besorgt” oder “sich einfallen” lassen. Das verstand jeder, und es genügte mithin. Oder: Kaum eine Meldung, in der es nicht heißt, dieses oder jenes sei diesem oder jenem “geschuldet”. Weniger “geschwollen” hätte auch gereicht: “Der Grund dafür, dass dieses oder jenes geschah, war… ” Man weiß nicht, ob die Grünen-Chefin Claudia Roth folgende Floskel persönlich erfunden hat. Mit Sicherheit aber trägt sie diese am häufigsten vor sich her: “Ein Stück weit…” “Ich gehe in dieser Frage ein Stück weit mit Ihnen konform”. Was für ein Ungetüm an Aussage! Wie einfach wäre stattdessen gewesen: “Ich stimme Ihnen hier weitgehend zu”.

Irgendwann hat ein Sportreporter bei der Übertragung eines Fußballspiels einmal von einem “Stockfehler” gesprochen, als einem Spieler der Ball versprang. Achten Sie mal darauf – ob geredet oder gedruckt, der unsinnige Ausdruck wird tausendfach nachgebetet, obwohl doch “Stockfehler” allein beim Hockey oder Eishockey denkbar sind. Seid geraumer Zeit verlangen Trainer von ihren Spielern, sie sollten gefälligst ihre “Leistung abrufen”. Oder aber Spieler versuchen ihren ungenügenden Einsatz damit zu erklären, dass sie Ihre “Leistung nicht abrufen konnten”. Eine kuriose Vorstellung – da steht ein Sportler in der Landschaft und ruft flehentlich in den Himmel: “Leistung, wo bleibst du? Komm doch!” Vermutlich hatte der gute Mann ganz einfach vergessen, Leistung zu “erbringen”.  Man kann es drehen und wenden, wie man will – diese Sprachverwindungen gleichen einem “Brückenschlag über den wegelosen Bereich  des Unsagbaren”.  Was  das heißt? Gar nichts. Es ist reinster Nonsens. Aber klingt es nicht hinreißend intellektuell?

Womit der Bogen geschlagen wäre zu jener Kategorie sprachverhunzender Zeitgenossen, die mit dem Basteln und Herumschnipseln an der Sprache vielleicht tatsächlich Gutes in und an der Gesellschaft zu bewirken glauben, am Ende jedoch nur Quatsch und Ungereimtes zustande bringen. Jene also, die sich mit Haut und Haar der “politischen Korrektheit” verschrieben haben und damit der Sprache die Ecken und Kanten der Lebendigkeit rauben. Beispiel: Die Geschlechter spezifische Hervorhebung. PolitikerInnen, WählerInnen, ArbeiterInnen – na ja, Monstren zwar allesamt, aber wenn sie der armen Seele gut tun… Hingegen:  Patient(Inn)en, Fotograf(Inn)en, Polizist(Inn)en, Demokrat(Inn)en, Teenager(Inn)en – da sträubt sich doch beim Schreiben die Feder. Völlige Torheit allerdings kommt dort zum Vorschein, wo von den Sprachkorrekten das grammatikalische, unpersönliche “man” in ein maskulines “man(n)” umgedeutet und dann auch noch mit “frau” in eine gleichgewichtige Balance gebracht wird. Da “man” aber nun wirklich nicht “mann” bedeutet, sondern allgemein und neutral als Personenbeschreibung dient, müsste doch logischerweise bei “frau” das “u” wegfallen und nur noch “fra” übrig bleiben. Eulenspiegelei? Natürlich, aber die hat eben leider Methode in einem Land, das sich sogar an einem Wortungetüm wie “Alleinstellungsmerkmal” zu erfreuen vermag.

Es ist ja nicht so, dass die Sprache nicht durch neue Wortschöpfungen oder ausgeklügelte Metaphern zu bereichern wäre. Vor knapp 500 Jahren hat das ein Mönch aus Erfurt überzeugend vorgemacht: Martin Luther. In den zehn Monaten seiner Bibel-Übersetzung auf der Wartburg schuf er eine Vielzahl von Ausdrücken, Wörtern und Wortspielen, mit denen er die deutsche Sprache bis heute prägte – eigenwillig, bildhaft und volkstümlich. Um nur einige wenige aufzuzählen: Wetterwendisch, Feuertaufe, Lückenbüßer, Gewissensbisse, Lästermaul. Und er hinterließ Sprachbilder von einer solchen Überzeugungskraft, dass sie bis jetzt nichts davon verloren haben: Perlen vor die Säue werfen, Buch mit sieben Siegeln, die Zähne zusammen beißen, Wolf im Schafspelz, dem Volk aufs Maul schauen. Dem konnten, zum Glück, selbst die eifrigsten Flachmacher unserer Sprache noch nichts anhaben. Aber, keine Sorge –  sie werden emsig weiter daran arbeiten.

Gisbert Kuhn

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  • 31
    Natürlich wissen Sie, lieber Leser (die Weiblichkeitsform selbstverständlich gedanklich immer eingeschlossen!) von rantlos, was ein "Rotationseuropäer" ist. Denn Sie sind doch sicher stets auf der Höhe der political correctness - also dessen, was "man" sagen darf und was nicht. Nein, Sie kennen die neueste Wortschöpfung der selbst ernannten und von…
    Tags: man, nur, noch, schon, sprache, sogar, mehr, hat, sondern, korrektheit




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