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Schon richtig geärgert?

 

Na, haben Sie sich heute schon mal so richtig geärgert und dem auch ordentlich Ausdruck verliehen? Die Gilde der Seelenklempner (pardon, natürlich der Psychologen und –analytiker) behauptet ja, so etwas brauche der Mensch von Zeit zu Zeit für seine Gesundheit. Mal so richtig auskotzen, jemandem (vielleicht sogar lautstark) seine Meinung geigen – das wirke befreiend und verhindere schädliche Verknotungen und Verkrustungen im Gemüt.

Nun wäre in diesen Wochen die Gelegenheit dafür eigentlich so gut wie selten. Man könnte ruhig auch sagen: Die Zeit ist reif. Schließlich stehen doch Wahlen vor der Tür – eine nationale und zwei regionale. Sie, liebe Leserin und lieber Leser,  gehören doch sicherlich auch zu den rund 62 Millionen Bundesbürgern, die am 22. September über die Zusammensetzung des nächsten Bundestages entscheiden wollen. Oder zu den 4,5 Millionen, die am selben Tag zusätzlich noch ihre Stimme zum hessischen Landtag abgeben möchten. Oder werden Sie – wie hoffentlich 9,3 Millionen andere gute Bayern ebenfalls – eine Woche zuvor über das künftige Kräfteverhältnis im Münchener Maximilianeum befinden?

Zielscheibe Politiker

Warum dieser Artikel mit der Frage nach Ärger und Wahlen anfängt? Nun, man muss gar nicht erst wissenschaftliche Untersuchungen bemühen, um zu wissen, dass kaum ein Bereich und nur wenige Berufsgruppen so im Fokus allgemeiner Kritik stehen wie die Politik und die sie betreibenden Personen. Sie bilden regelrechte Projektionswände für Missmut, Unwillen und Anklage. Natürlich liegen die Gründe hierfür auf der Hand. Ganz gleich, ob Kommunal-, Landtags- oder Bundestags-Abgeordnete, egal auch, ob Kanzler, Bundes- oder Landesminister, Landrat oder Bürgermeister – keine andere Gilde der Gesellschaft ist so stark permanenter Beobachtung ausgesetzt und Ziel aufmerksamer Berichterstattung.

Wer sich als Betroffener darüber beklagt, hat freilich seine Mission verfehlt. Nicht umsonst sagt der Volksmund: „Wem es in der Küche zu heiß ist, sollte besser nicht Koch werden“. Mit anderen Worten – wer die ständige Öffentlichkeit nicht mag und schon gar nicht erträgt, sollte sich nicht auf die öffentliche Bühne begeben. Denn, so wie niemand gezwungen wird, Briefträger oder Bankdirektor zu werden, so wenig gibt es eine Pflicht, sich ins politische Rampenlicht zu bewegen. Wer sich zur Wahl stellt, tut dies freiwillig und wird wohl gute Gründe dafür haben. Dass er (oder sie) sich damit eine fortwährende Rechtfertigungspflicht auferlegt, ist ebenso klar wie folgerichtig. Schließlich schlagen politische Entscheidungen auf jeden einzelnen Bürger durch.

Andere Seite der Medaille

Wahlplakat der Linken und der FDP

Mitleid für die Politikergilde ist also gewiss nicht am Platze. Es soll hier auch nicht untersucht werden, inwieweit so beliebte Stammtisch-Parolen ungerecht sind wie „Die haben doch von nichts eine Ahnung, arbeiten nicht wirklich und verdienen klotzig Geld“. Dass mannigfaltige Belastungen auf der einen Seite durch zahlreiche Privilegien auf der anderen aufgewogen werden und die Begleitung von Kameras, Mikrofonen und Notizblöcken auch Eitelkeiten befriedigt, ist ja unbestreitbar. Doch auch diese Medaille hat eine zweite Seite. Und die betrifft das verehrte Wählerpublikum. Man kann es auch in die simple Frage kleiden: Werden denn die Bürger ihrer politischen Verantwortung gerecht?

Eigentlich brauchte diese Aussage gar nicht gemacht zu werden, weil ihr Inhalt so selbstverständlich ist: Das Recht auf freie, allgemeine und geheime Wahlen gehört zu den wichtigsten Errungenschaften eines demokratischen Volkes. Dies müsste – sollte man wenigstens meinen – am stärksten in einer Nation verankert sein, die unter den Nationalsozialisten vollständig und anschließend partiell in einem kommunistischen Teilstaat lange daran gehindert wurde. Es sind in diesen Tagen gerade einmal 24 Jahre her, dass der Ruf nach freien Wahlen zu den Kernforderungen der Demonstrationen zählte, mit denen die Menschen in der DDR das Unrechtsregime der SED verjagten. Für dieses Recht sind in der Geschichte Tausende und Abertausende hinter Gitter und nicht selten sogar in den Tod gegangen. In vielen Teilen der Welt hat sich daran bis heute noch nichts geändert.

Unkenntnis und kein Interesse

Da schüttelt man – verwundert oder zornig – schon den Kopf, wenn man die Ergebnisse jüngster Umfragen hinsichtlich politischer Kenntnisse und Interessen innerhalb der deutschen Bevölkerung liest. Dies gilt, nicht zuletzt, für junge Menschen – für jene Generation(en) also, deren Leben (Bildung, Zukunft, Arbeit, soziale Absicherung, Frieden usw.) doch am allerstärksten vom politischen Geschehen bestimmt wird. So weiß (diesen Erhebungen zufolge) zum Beispiel deutlich mehr als die Hälfte der 18- (Erstwähler) bis 29-Jährigen nicht einmal, dass am 22. September Bundestagswahlen stattfinden. Ganz zu schweigen vom „Gewicht“ der Erst- und der Zweitstimme. Bei den Älteren ist zwar das Wissen stärker ausgeprägt, kaum jedoch das Interesse. Ganze 28 Prozent der befragten Deutschen geben nämlich an, am Wahlkampf „überhaupt nicht“ oder allenfalls „weniger stark“ interessiert zu sein.

Am mangelnden Informationsangebot kann das ja wohl nicht liegen. Nie zuvor war die mediale Breite mitsamt ihrer wichtigen und nebensächlichen Inhalte so groß. Oder ist die Folge davon vielleicht Übersättigung? Könnte es, möglicherweise, für die bei den Regierungen und den Parteien tätigen Werbestrategen eine ernsthafte Überlegung wert sein, Politik und politisches Treiben für PlayStation und andere Spielkonsolen entwickeln zu lassen, um die „Generation Computer“ wenigstens in deren virtuellen Welt zu greifen und zur Teilhabe zu animieren? Es darf doch einfach nicht sein, dass bei den Jungen nur deren Eliten bewusst wird, in welch brisante Situation unsere Gesellschaft auf ihrem Weg in die Überalterung steuert.

Bestimmen bald nur noch die Alten?

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, in welche Schieflage die sogenannte „demografische Entwicklung“ unsere Sozialsysteme bringt. Also die Tatsache, dass immer mehr Menschen ein hohes Alter (Renten, Pensionen, Krankheits- und Pflegekosten) erreichen und immer weniger Kinder geboren werden, die ja später  für die entsprechende Finanzierung aufzukommen haben. Was freilich bislang kaum thematisiert wird, ist die Tatsache, dass sich dadurch auch die Majorität bei den Wählern immer stärker in Richtung „alt“ verschiebt. Und natürlich ist es so, dass jede Gruppe der Gesellschaft doch zunächst auf ihre eigenen Interessen schaut und erpicht ist, diese durchzusetzen. Ist also die Vorhersage unzulässige Schwarzmalerei, dass die Entwicklung unseres Landes immer stärker von den Alten gestimmt und gesteuert werden wird?

Vor diesem Hintergrund erhält das offenkundige Desinteresse so vieler junger Menschen an der Gestaltung des Staates seine ganz besondere Explosivität. Dazu kommt – sicher kein spezifisch deutsches Phänomen -, dass leider auch die bereits erwähnten „jungen Eliten“ auf der politischen Ebene nicht unbedingt zu den „geborenen“ Sachwaltern der großen Menge ihrer Altersgenossen zählen. Die Entwicklung wird immer offensichtlicher und lässt sich zusammenfassen in der Aufzählung „Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal“. Das bedeutet: Wenn sich junge Leute überhaupt zu einer politischen Karriere entschließen, dann zumeist über ein Studium und die Jugendorganisation einer Partei, möglichst – und dies unter Ausschluss eines vorherigen bürgerlichen Berufs – mit anschließendem Zugang zu einem Parlament. Das ist in allen Parteien zu beobachten und verleiht den Aussagen solcher Leute etwa zu sozialer Gerechtigkeit oder Steuerproblemen keine übermäßig große Glaubwürdigkeit.

Wenn Sie sich, verehrter rantlos-Leser tatsächlich bis hierhin durch den Text gekämpft haben, dann steht es Ihnen jetzt in besonderer Weise zu, kräftig zu schimpfen. Denn – es sei wiederholt und unterstrichen – das soll ja der Gesundheit zuträglich sein…

Gisbert Kuhn




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