- Anzeige -

Hilfe, wir sind beliebt!

Gisbert Kuhn

Gisbert Kuhn

Also, wir sind ja schon manches gewöhnt und lassen uns auch einiges gefallen. Aber das geht nun wirklich zu weit! Da behauptet doch die britische BBC locker vom Hocker, eine repräsentative Umfrage auf sämtlichen Kontinenten habe ergeben, dass Deutschland das beliebteste Land auf der Erde sei. Liebling Deutschland! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Noch vor Kanada und Großbritannien. Und vor Japan sowieso, das kurzerhand auf Rang vier herabgestuft wurde. Deutschland Nummer eins – wegen seines positiven, wohltuenden Einflusses auf den Rest der Welt! Da hört sich doch wirklich alles auf. Wart ihr vielleicht alle betrunken bei der Umfrage? Zu viel Stout, ihr Briten? Zu viel Genever, ihr Niederländer? Wo sind denn mit einem Mal all eure schmückenden Zuordnungen geblieben, an die wir uns so schön gewöhnt haben und die uns so lieb geworden sind – Krauts, Moffen, Handtücher am Strand, Humorlosigkeit, Gartenzwerge, Eisbein mit Sauerkraut…?

Schließlich: Es ist ja kaum denkbar, dass bei der Frage nach Beliebtheit einfach nur auf eine Fahne oder eine geografische Einheit im Atlas gedeutet wird. Da muss man die Bewohner doch auch mit im Blick gehabt haben. Die Deutschen eben, in diesem Fall. Deshalb noch einmal (nur als Beispiel) an Euch Briten die Frage: Was habt ihr den liebenswerten Redakteuren in den bekannt freundlichen Boulevard-Blättern wie der Sun oder der Daily Mail  in den Tee geschüttet, dass sie mit einem Mal die Leichtigkeit und Eleganz des deutschen Fußballs in den Himmel loben und zum Vorbild erklären, statt die Kicker aus Germany – wie bisher üblich – mit Panzerketten und Stahlhelmen auszurüsten? Was haben wir euch getan, dass ihr uns eine derart radikale Kehrtwende in der Selbstbespiegelung zumutet?

So geht das nicht!

So geht das wirklich nicht! Wir haben uns nun einmal eine bestimmte Lebensform mit eher faustisch-klagenden Grundtönen antrainiert. Na gut, es stimmt – wir haben schon öfter irritiert gefragt, warum man uns nicht lieb hat, wenn (wie eigentlich jeden Sommer zur Saure-Gurken-Zeit) in den Niederlanden irgendeine niederschmetternde Untersuchung über die angeblich so sturköpfigen Nachbarn im Osten in den Blättern erschien. Tatsächlich jedoch war (und ist) uns das Durchschreiten der Jammertäler viel angenehmer als das Ersteigen sonniger Gefühlsgipfel. Wir haben zwar nach wie vor das – alles in allem – beste Sozialsystem in der Welt, mögen aber trotzdem am liebsten nur über dessen drohenden Zusammenbruch reden, statt zielstrebig die zur Aufrechterhaltung notwendigen Reformen in Angriff zu nehmen. Wir gehen deutlich öfter zum Arzt als alle unsere Nachbarn. Nicht, weil wir so viel kränker wären als diese, sondern weil wir das Recht darauf von den Kassen reklamieren. Der fürchterliche Tsunami hat Japan an den Rand einer atomaren Katastrophe gebracht, aber richtig “betroffen” (man muss die Vokabel im wirklichen Wortsinn begreifen) waren natürlich wir Deutschen. Wer denn sonst? Es geht uns in jeder Beziehung so gut wie noch nie in der Geschichte. Aber die Diskussionen drehen sich fast ausschließlich um die “unaufhaltsam wachsende Armut”. Wobei diese zumeist sogar nur statistisch begründet wird.

Diese Lebenseinstellung, diesen herrlichen Pessimismus und Negativismus, könnt ihr uns doch jetzt nicht nehmen wollen, ihr lieben Nachbarn nah und fern. Einfach dadurch, dass ihr uns unvermittelt an die Spitze der weltweiten Beliebtheitsskala hievt. In Ghana mit 84 Prozent! Na ja, das ist ziemlich weit weg, und – abgesehen von einigen Bundesliga-Fußballern – kennt man sich dort möglicherweise nicht ganz so gut mit dem bundesrepublikanischen Alltag aus (obwohl die Botschafterin in Accra sehr rührig ist). Aber dass uns auch 81 Prozent der befragten Franzosen so toll finden, das verschlägt einem richtig die Sprache und lässt die Schmach des Abschneidens von Cascada beim Europäischen Song Contest in Malmö leichter ertragen. Zum Glück haben uns die Griechen nicht enttäuscht. Wenigstens sie wiesen Deutschland und den Deutschen einen “eher negativen” Einfluss auf das Geschehen in der Welt zu. Wäre ja auch noch schöner, wenn die Hellenen den ihnen (im Übrigen viel zu spät) aufgedrückten Spardiktaten auch noch applaudieren würden. Gerade deren Protest müsste hierzulande eigentlich auf großes Verständnis stoßen. Man braucht sich doch bloß das Geschrei vorzustellen, wenn bei uns nur irgendein Privileg angetastet wird…

Lasst uns, wie wir sind!

Bittte, liebe Freunde in aller Welt, macht so etwas nie wieder! Denn ihr wisst ja gar nicht, was ihr angestellt habt. Wir kennen uns doch gar nicht wieder. Lasst uns bitte, wie wir sind. Wir haben zwar das beste Roggen- und Mehrkornbrot und die meisten Brötchensorten rund um den Erdball. Aber unsere Bäcker gehen mit ihrer Kunst bewusst nicht über die Grenzen. Denn das könnte doch am Ende mit Risiken verbunden sein, die von keiner Versicherung abgedeckt werden. In den Dörfern wandeln sich immer mehr Gasthäuser “Zur Post” oder “Zum Ochsen” in Pizzerias “Da Angelo” oder Chinalokale “Goldener Drache”. Das ärgert zwar die Dörfler und Kleinstädter, aber die Kneipenarbeit im Familienclan mögen sie trotzdem nicht auf sich nehmen. Mosern ist schließlich einfacher, und Jammern schafft auch innere Befreiung.  Das, indessen, ist doch nun wirklich nichts, was die Beliebtheit steigert. Außerdem, im Ernst: Wie aussagekräftig ist die BBC-Erhebung denn wirklich? Auf der Erde existieren heute einhundertundsoundsovieldreißig Länder. Gefragt aber wurden nur die Bewohner von 25. Demnach könnte eine Untersuchung im nächsten Jahr wieder ganz anders ausgehen. Dann lägen wir vielleicht im mittleren Bereich – und würden traurig und betroffen (aber insgeheim doch wieder mit der Umwelt ausgesöhnt) fragen: Warum, um Himmels Willen, liebt man uns denn nicht?

Gisbert Kuhn

mehr zu dem Thema:

  • 37
    Wir Deutschen sind anders als die Anderen. Zupackender, tüchtiger - kurz: besser. Wenn Krisen sich andeuten, lösen wir sie. Wir lassen Unruhe, Angst oder gar Panik überhaupt nicht erst aufkommen. Das sieht man doch jetzt beim Problem der Flüchtlingsbewältigung. Oder stimmt das schöne Selbstbildnis am Ende gar nicht?
    Tags: so, man, noch, land, uns, viel, deutschland, nur, denn
  • 35
    Große Aufmerksamkeit findet die seit Jahren exekutierte Abschlachtung von Christen und Ausrottung der nah-/ mittelöstlichen christlichen Kultur in unserem Land nicht. Insbesondere die populistischen Führer von katholischer wie evangelischer Kirche in Deutschland reüssieren auf diesem Feld des Schweigens. Das ist kaum zu glauben. Handelt es sich bei dieser Region doch…
    Tags: deutschland, noch, land
  • 33
    Glückwunsch an die Mädchen, die heute geboren werden. Statistisch werden sie 83 Jahre alt. Die Männer hängen aber nach wie vor hinterher: Sie werden nur 78 Jahre. Immerhin wird jeder zweite Mann in Deutschland 80 Jahre alt und jede zweite Frau 85, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Der Wermutstropfen: die…
    Tags: nur, deutschland, noch, so, land




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden